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Text des Beitrags Strahlende Altlast

Deutscher Atommüll auf dem Meeresboden wird zur tickenden Zeitbombe

"Bring' doch mal den Müll raus" – eine harmlose, OK, für manchen auch eine nervige Bitte. Früher war es aber auch einfacher: Tonne auf, Müll rein – fertig. Wie gesagt, früher war es einfacher – übrigens auch mit dem Atommüll. "Bring' doch mal den Müll raus", das bedeutete damals in den 1960er Jahren, rauf aufs Schiff und rein ins Meer. Das war es!

Entsorgung des Atommülls im Meer

Entsorgung des Atommülls im Meer

Heute wissen wir, dass dies, lassen Sie es mich so sagen, keine sachgerechte Entsorgung war. Abertausende Fässer, gefüllt mit Atommüll, liegen auf dem Meeresboden und verrosten. Und so ganz langsam tauchen erste Fragen auf, ob das nicht vielleicht gefährlich sein könnte, wenn hochgiftiges Plutonium über den Fischfang auf unseren Tellern landet.

Thomas Reutter mit den Details.

Bericht:

Ein Fass auf dem Meeresgrund. Versunken vor Jahrzehnten. Der Inhalt: Atommüll. Mehr als 200.000 Atommüllfässer verrosten vor den Küsten Europas. Eine Zeitbombe?

Atommüll am Meeresboden

Atommüllfass am Meeresboden

Die Recherche geht zurück in die 1960er Jahre: Die Kernforschung läuft auf Hochtouren. Das Atomzeitalter hat begonnen. Aber es gibt ein Problem: Wohin mit dem Atommüll?

REPORT MAINZ lüftet ein gut gehütetes Geheimnis der Bundesregierung: Auch Deutschland ließ Atommüll ins Meer kippen. Ein vertrauliches Sitzungsprotokoll aus dem Jahr 1962 nennt den Grund:

Zitat:

»Die Kosten bei der Zwischenlagerung vermindern sich bei einer endgültigen Beseitigung durch Versenken in das Meer besonders augenfällig (Verwendung billigster Behälter).«

Die internationale Versenkung von Atommüll – Deutschland hatte sie angestoßen: Das beweist dieser amtliche Vermerk: Danach findet auf Anregung eines Referats im Bundesforschungsministerium die erste internationale Versenkungsaktion statt.

Karte mit Versenkungsstandorten

Karte mit Verklappungs-Standorten

Deutschland, England, Frankreich, Belgien und die Niederlande sammeln mehr als 10.000 Tonnen Atommüll. Die strahlende Fracht wird die "Topaz" 1967 ins Meer werfen. 400 Kilometer vor der portugiesischen Küste. Tausende Meter tief.

Die von Deutschland angeregte "Probeversenkung" macht Schule. Es folgen weitere internationale Verklappungen.

Insgesamt verschwinden mehr als 114.000 Tonnen schwach- und mittelradioaktive Abfälle in der Versenkung. Zehnmal mehr Radioaktivität als im Schacht Asse.

Jahrzehnte lang weiß die Öffentlichkeit nichts davon. Erst in den 1980er Jahren macht Greenpeace mit spektakulären Aktionen auf das Problem aufmerksam.

In einem der Schlauchboote saß der Greenpeace-Aktivist Harald Zindler:

Interview mit Harald Zindler von Greenpeace

Harald Zindler, Greenpeace

O-Ton, Harald Zindler, Greenpeace:

»Dann wurden wir gefangen genommen auf dem Schiff und wurden in das Vorschiff gesperrt. Und dann ging die Verklappung weiter, das hörten wir. Und dann passierte das, was wir eben gerade gesehen haben, dass wieder ein Schlauchboot getroffen wurde, und daraufhin wurde die Aktion abgebrochen, weil es war zu gefährlich, und die Leute hätten dann auch leicht verletzt oder getötet werden können.«

Das war 1981. Ein Jahr später hörte das Versenken auf. Seit 1995 ist es weltweit verboten. Aber was wurde aus dem Atommüll auf dem Meeresgrund?

Das erfahren wir von Wissenschaftlern der Meeresschutzorganisation OSPAR, der 15 Regierungen und die EU angehören. REPORT MAINZ erhält exklusiv dieses aktuelle OSPAR-Dokument über die Auswirkungen der Atommüllversenkungen. Darin heißt es, erhöhte Konzentrationen von Plutonium-238 in den Versenkungsgebieten deuten auf Lecks in den Fässern hin.

Greenpeace versucht die Atommüllentsorgung zu unterbinden.

Greenpeace versucht die Atommüllentsorgung zu unterbinden.

Diese Aufnahmen machte Greenpeace im Jahr 2000 im Ärmelkanal. Durchgerostete, aufgebrochene Fässer. Ein nukleares Endlager im Meer: 28.500 Fässer radioaktiver Abfall liegen allein hier.

Welche Gefahr geht von solchen Fässern aus? In einem Versenkungsgebiet im Atlantik haben Forscher in Fischen aus 5.000 Metern Tiefe Plutonium entdeckt.

Millionstel Gramm davon sind im menschlichen Körper tödlich. Kann das Plutonium über die Nahrungskette in unser Essen kommen? Sich in Fischen anreichern, die gar nicht in der Tiefsee gefangen wurden?

Das erforschte der Meeresbiologe Bernd Christiansen von der Universität Hamburg. In einem Wissenschaftlerteam untersuchte er jahrelang die Tiefsee. Das Ergebnis: Die Nahrungskette reicht aus 5.000 Metern Tiefe bis hinauf an die Wasseroberfläche.

Frage: Glauben Sie denn, dass tatsächlich das Plutonium auch zu uns zurückkommen wird?

Tiefseeforscher Bernd Christiansen

Bernd Christiansen, Tiefseeforscher, Universität Hamburg

O-Ton, Bernd Christiansen, Tiefseeforscher, Universität Hamburg:

»Das kann auf jeden Fall zu uns zurückkommen, da es ja in der Nahrungskette weitergereicht wird, und wir letztendlich die Endglieder der Nahrungskette sind, wird es dort auch irgendwann ankommen.«

Vor Europas Küsten liegt eine gigantische Atommülldeponie. Aber seit fast 12 Jahren gibt es keine Messergebnisse mehr aus den Versenkungsgebieten. Dabei wird dort intensiv Fisch gefangen.

Zum Beispiel Makrelen. Auch für die deutschen Märkte. Die Fischgroßhändler wollen deshalb dringend von der Bundesregierung wissen, welche Gefahren von dem Atommüll im Meer ausgehen.

Bundesverband Fischindustrie Matthias Keller

Matthias Keller, Bundesverband Fischindustrie und Fischgroßhandel

O-Ton, Matthias Keller, Bundesverband Fischindustrie und Fischgroßhandel:

»Wir erwarten jetzt von der Bundesregierung, dass sie alle notwendigen Maßnahmen im Rahmen der Risikomanagementpläne veranlasst, um sicherzustellen, dass von diesen Fässern keine Gefahr für die Umwelt ausgeht.«

O-Ton, Tobias Riedl, Greenpeace:

»Wir fordern von der Bundesregierung, dass sie ihrer Verantwortung gerecht wird und sich für ein Monitoringsystem in diesen Verklappungs- und Versenkungsgebieten einsetzt. Und das heißt, hier müssen Messungen vor Ort und kontinuierlich vorgenommen werden.«

Interview mit Tobias Riedl von Greenpeace

Tobias Riedl, Greenpeace

Dazu haben wir Bundesumweltminister Röttgen um ein Interview gebeten. Doch der lehnt ab und lässt uns mitteilen: In den bisherigen Messergebnissen sehe sein Haus keinen Anlass zu regelmäßigen Überwachungen des Versenkungsgebietes.

Doch das Plutonium wird in unsere Fische gelangen. Es ist eine Frage der Zeit.

Atommüllfund des Forschungsschiffes "Walther Herwig" im Nordost-Atlantik

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Bilder vom Atommüllfund des Forschungsschiffes "Walther Herwig" im Nordost-Atlantik 1984

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Forscher des Schiffes "Walther Herwig" bergen 1984 drei Fässer mit Atommüll aus dem Nordost-Atlantik.

Forscher des Schiffes "Walther Herwig" bergen 1984 drei Fässer mit Atommüll aus dem Nordost-Atlantik.

Die Fässer mit Atommüll wurden, laut ihrer Aufschrift, im Jahr 1980 versenkt…

… 700 Seemeilen nordwestlich von Spanien und 700 Seemeilen südwestlich von Irland.

Die drei von den Forschern geborgenen Fässer mit Atommüll sind sichtlich angegriffen vom Meerwasser.

Die Fässer mit Atommüll sind stark verbeult.

Ein Fass ist sogar extrem eingedellt.

Vier Jahre Salzwasser hat dem Fass mit Atommüll schwer zugesetzt.

Die Forscher des Schiffes "Walther Herwig" untersuchen die geborgenen Fässer mit Atommüll.

Nach der kurzen Untersuchung werfen die Forscher die Fässer mit Atommüll einfach wieder zurück in den Nordost-Atlantik.

Belege für die Ausfuhr und das Auslaufen von Atommüllfässern aus Deutschland