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SENDETERMIN Mo, 4.6.2007 | 21:45 Uhr | Das Erste

Sterbehilfe Ermittlungen gegen Schweizer Verein DIGNITAS

Moderation Fritz Frey:

Alle drei bis vier Tage fährt ein deutscher Staatsbürger in die Schweiz. Um sich umzubringen. An seiner Seite eine sogenannte Sterbehilfeorganisation. In der Schweiz ist das rechtlich kein Problem. Wir haben darüber berichtet. Insbesondere über die Organisation DIGNITAS und ihren umstrittenen Gründer Ludwig Minelli.



Menschenwürdig sterben – damit wirbt Minelli. Doch davon kann eigentlich keine Rede sein, wenn das stimmt, was Angehörige Sebastian Bösel anvertraut haben.

Bericht:

Am Grab ihres Mannes kommen ihr immer wieder die schrecklichen Erinnerungen an seinen Tod. Ein Todeskampf, der fast 70 Stunden dauerte. Ihr Mann war seit einem Schlaganfall fast vollständig gelähmt.

O-Ton, Angehörige:

»Es war eine rund um die Uhr Betreuung. Er konnte nicht sprechen. Er saß im Rollstuhl, wurde vom Bett in den Rollstuhl mit einem Lifta gehoben. Es war traurig.«

Nach vier Jahren des Leidens wollte ihr Mann nicht mehr. Sie wandten sich an die Sterbehilfeorganisation DIGNITAS in der Schweiz.

Sie fuhren hierher, nach Zürich. In diesem Haus in der Innenstadt hat die Sterbehilfeorganisation DIGNITAS Räume, in denen sie Menschen in den Tod begleitet.

Das Schweizer Gesetz erlaubt, dass Schwerkranke von einem Arzt ein tödlich wirkendes Medikament verschrieben bekommen. Sie müssen es aber noch selbst einnehmen können.

Der Verein DIGNITAS organisiert die Freitodbegleitungen. Er wirbt mit dem Slogan „Menschenwürdig leben, menschenwürdig sterben“. Gründer und Generalsekretär von DIGNITAS ist Ludwig A. Minelli.

Ein menschenwürdiges Sterben, das wünschte sie sich für ihren Mann. Im Sterbezimmer von DIGNITAS war alles vorbereitet, erzählt sie. Ihr Mann konnte noch selbst das Medikament zu sich nehmen.

O-Ton, Angehörige:

»Wir haben alle geweint ganz laut. Und in drei Minuten war mein Mann eingeschlafen. Aber er konnte nicht sterben, er ist nur ins Koma gefallen. Da brauchten wir Hilfe.«

Als Sterbebegleiterin von DIGNITAS dabei war damals Soraya Wernli. Trotz mehrfacher Aufforderung sei DIGNITAS-Chef Minelli erst nach 40 Stunden dazu gekommen.

O-Ton, Soraya Wernli, ehemalige DIGNITAS-Sterbebegleiterin:

»Es ist wirklich ein Mensch dahinvegetiert. Also mit unwahrscheinlichem Schaum vor dem Mund und Röcheln und schwerer Atmung. Und für die Angehörigen war das eine unwahrscheinliche Belastung. Weil Herr Minelli verspricht das schöne, das wunderbare schnelle Sterben mit DIGNITAS. Es kam dann eigentlich zu einer heftigen Auseinandersetzung, und Herr Minelli hat dann den Vorschlag gemacht, dass er doch gerne möchte mit den Angehörigen an die frische Luft gehen.«

O-Ton, Angehörige:

»Das ganze wurde auf der Straße besprochen. Er hat vielleicht Angst, dass er abgehört wird oder was auch immer. Ich weiß es nicht. Und haben uns dann so geeinigt, es müsse auf jeden Fall noch einmal nachgespritzt werden, und dafür möchte der Herr Minelli sorgen. Er hat dafür gesorgt.«

Der DIGNITAS-Chef habe zwar nicht selbst nachgespritzt, sondern dies jemand anderem überlassen, erzählt man uns, aber Minelli habe dafür gesorgt, dass eine weitere Dosis zur Verfügung gestellt wurde, obwohl der Patient das Mittel nicht mehr selbst einnehmen konnte. In einer schriftlichen Stellungnahme gegenüber REPORT MAINZ bestreitet DIGNITAS, dass in diesem Fall aktive Sterbehilfe geleistet wurde. Der Mann sei gestorben, nachdem er auf die Seite gedreht worden war. Zitat:

Zitat:

»(...) Fragen von Seiten der Angehörigen, (...) ob eine zweite Dosis Natriumpentobarbital durch die Magensonde gespritzt werden könnte, sind von Ludwig A. Minelli (...) kategorisch verneint worden.«

In REPORT MAINZ beschuldigen aber erstmals zwei Zeugen unabhängig von einander den DIGNITAS-Chef. Es geht um Mitwisserschaft bzw. Beihilfe zur verbotenen aktiven Sterbehilfe.

O-Ton, Angehörige:

»Er hat dafür dafür gesorgt.«

Frage: Inwiefern hat er dafür gesorgt?

O-Ton:

»Ja, er hat es besorgt, die zweite Portion Gift, auf jeden Fall.«

Frage: Herr Minelli wusste, dass aktive Sterbehilfe da jetzt in dem Fall geleistet wird in dem Moment, wo er das Mittel zur Verfügung stellt?

O-Ton:

»Ja, natürlich.«

Frage: Das muss ihm klar gewesen sein?

O-Ton:

»Ja, sicher.«

O-Ton, Soraya Wernli, ehemalige DIGNITAS-Sterbebegleiterin:

»Also er hat das ganz klar gewusst, dass es auf eine aktive Sterbehilfe hinausgeht. Er hat mich auch gebeten, mir Gedanken zu machen, ob ich bereit wäre, das zu tun. Der hat wirklich ganz klar die Regie über die aktive Sterbehilfe geführt, damit auch ja nicht dann publik würde werden, das jemand nach so vielen Stunden nicht sterben konnte.«

DIGNITAS-Chef Minelli bestreitet, wie gesagt, diese Vorwürfe. Es habe keine aktive Sterbehilfe gegeben. Vor der Kamera aber dazu kein Interview. Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft in Zürich wegen zwei Fällen aktiver Sterbehilfe. Beide Male geht es um Freitodbegleitungen bei DIGNITAS.

O-Ton, Andreas Bunner, Staatsanwaltschaft Zürich:

»Ich denke, man kommt hier ganz klar in den strafrechtlichen Bereich. Wenn man eine Person, die nicht mehr urteilsfähig ist, der nochmals eine Dosis injiziert.«


Frage: Und dann wäre es auch ein Problem für die Leute von der Sterbehilfeorganisation, die das zur Verfügung stellen?


O-Ton, Andreas Bunner, Staatsanwaltschaft Zürich:

»Wenn es im Wissen und Willen ist oder gar allenfalls unter einer Anweisung, man müsse das jetzt so machen, dann wird es strafrechtlich, kann es strafrechtlich relevant werden.«

Für sie wurde die Reise in die Schweiz zum Alptraum. Ihr Mann im Todeskampf statt menschenwürdigem Sterben, wie es DIGNITAS verspricht. Und ein Verantwortlicher, der sich offensichtlich aus der Verantwortung stiehlt.

O-Ton, Angehörige:

»Das habe ich mir ein bisschen anders vorgestellt. Das ist nicht sehr würdevoll gewesen oder überhaupt nicht würdevoll gewesen. Menschenwürdig gestorben ist er eigentlich nicht.«