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SENDETERMIN Mo, 29.1.2007 | 21:45 Uhr | Das Erste

Sterbehilfe Dubiose Praktiken eines Schweizer Vereins

Moderation Fritz Frey:

Es gibt, und das hört sich furchtbar an, einen Sterbetourismus von Deutschland in die Schweiz. Beihilfe zum Selbstmord. Dort ist das legal, bei uns nicht. Wie immer man das Thema Sterbehilfe bewertet, eines sollte dabei sicher nicht im Mittelpunkt stehen – das Geldverdienen.

Auch deshalb haben wir schon des öfteren kritisch über die Schweizer Sterbehilfeorganisation DIGNITAS, zu deutsch: Würde berichtet. Einige Informanten waren damals bereit nur verdeckt vor unsere Kamera zu treten. Diesen Umstand nutzte der Vorsitzende von DIGNITAS, um in diversen Talkshows gegen REPORT zu polemisieren. Zum Beispiel mit solchen Behauptungen:

O-Ton, Ludwig A. Minelli, DIGNITAS-Gründer, „Nachtcafé“, 02.12.2005:

»REPORT MAINZ hat bezahlte Statisten als angebliche Zeugen auftreten lassen. Und beide Leute, die da abgebildet worden sind, waren gekaufte Statisten.«

O-Ton, Ludwig A. Minelli, „Menschen bei Maischberger“, 01.11.2005:

»Und beide Leute, die da abgebildet worden sind, waren gekaufte Statisten.«

Heute können wir den Gegenbeweis antreten. Mehr noch, Sebastian Bösel gelingt es aufzudecken, wie fragwürdig auch sehr junge Deutsche in der Schweiz vom Leben in den Tod befördert werden.


Bericht:

DIGNITAS heißt Würde. Es waren vor allem ihre Aussagen in REPORT MAINZ, die enthüllten, dass DIGNITAS mit Sterben in Würde wenig zu tun hat. Soraya Wernli war drei Jahre lang die Stellvertreterin von Ludwig A. Minelli bei DIGNITAS. Dann kehrte sie dem Sterbehilfeverein den Rücken, aus Gewissensgründen.

O-Ton, Soraya Wernli, ehem. DIGNITAS-Mitarbeiterin:

»Meine Ethik, meine Moral wollte diesen Missbrauch nicht mehr decken. Hier passieren so viele Sachen, die einfach unter den Teppich gekehrt werden. Ich wollte mit diesem nicht mehr weiter leben.«

Weil sie in einen Prozess mit DIGNITAS-Chef Minelli verstrickt war, konnte sie damals über ihre Erfahrungen nicht offen reden. Nun aber kann sie es.

O-Ton, Soraya Wernli, ehem. DIGNITAS-Mitarbeiterin:

»DIGNITAS begleitet psychisch erkrankte Menschen in den Tod. DIGNITAS begleitet auch nicht terminal erkrankte Menschen in den Tod. Auf jeden Fall könnte man den Menschen ganz klar anders helfen.«

Ein Vorwurf, der auch deutsche Behörden interessieren müsste. Denn seit gut einem Jahr wirbt DIGNITAS in Hannover mit einer Schwesterorganisation Menschen an, um sie beim Sterben in der Schweiz zu begleiten.

In Zürich steht das Haus, in dem DIGNITAS Menschen den Freitod ermöglicht. Mit Hilfe eines Betäubungsmittels, das ein Arzt verschreibt. Offenbar ist die Nachfrage nach dem schnellen Tod in letzter Zeit gestiegen. Und offenbar liegt es auch an dem neuen Büro in Hannover.

DIGNITAS führt mittlerweile in zwei Wohnungen Sterbebegleitungen durch. Es sei ein Schnellverfahren mit dem Freitod, sagt die DIGNITAS-Aussteigerin. Der Verein suche sich gezielt Ärzte, die viel zu schnell Rezepte für das Tod bringende Medikament ausstellten.

O-Ton, Soraya Wernli, ehem. DIGNITAS-Mitarbeiterin:

»Die Organisation DIGNITAS hat einen pensionierten Arzt von 75 Jahren gefunden, der im Schnellverfahren im Hauptsitz von DIGNITAS Rezepte ausstellt. Dort trifft er das erste Mal das Mitglied, führt ein kurzes Gespräch und anschließend geht das Mitglied direkt in die Sterbewohnung. Es vergehen zwischen dem Gespräch und der Freitodbegleitung keine vier Stunden. Das hat nichts mehr mit Sorgfaltskriterien oder mit Würde zu tun.«

Wir wollen von dem Arzt wissen, wie sorgfältig er tatsächlich die Sterbewünsche prüft. Wir versuchen mit dem 75-jährigen ehemaligen Frauenarzt Dr. S. ins Gespräch zu kommen.

Frage: Guten Tag, Herr ... , ARD-Fernsehen. Was ist mit Ihrer Zusammenarbeit mit DIGNITAS?

O-Ton:

»Nein. Ich habe Ihnen gesagt, ich will das nicht.«

Diese Liste mit vertraulichen Daten dokumentiert, alleine dieser DIGNITAS-Arzt ermöglichte zwischen April und Juli insgesamt 35 Menschen den Freitod, indem er ihnen das Betäubungsmittel verschrieb. Die meisten kamen aus Deutschland. Darunter auch relativ junge Menschen.

Der Psychiater Professor Daniel Hell ist Mitglied der Schweizer Ethikkommission. Sie hat vor kurzem Sorgfaltskriterien für Sterbehilfevereine wie DIGNITAS entwickelt. Wir zeigen Professor Hell die Liste.

O-Ton, Prof. Daniel Hell, Nationale Ethikkommission Schweiz:

»Ich sehe die Liste zum ersten Mal. Ich halte das für hoch problematisch. Der Suizidwunsch ist in aller Regel Ausdruck einer psychischen Problematik. Auch bei körperlich Kranken spielen eben auch psychische Probleme, psychisches Leiden hinein. Umso wichtiger ist es, dass man diese psychische Problematik erkennt. Und die Nationale Ethikkommission hat in aller Deutlichkeit gesagt: Wenn der Suizidwunsch Ausdruck oder Symptom einer psychischen Erkrankung ist, dann ist die Suizidbegleitung, also die Unterstützung eines Suizids, ausgeschlossen.«

Die Liste legt nahe, dass die Sterbewünsche nur oberflächlich geprüft wurden, denn das Arztgespräch mit dem Sterbewilligen und die Freitodbegleitung fanden in der Regel am selben Tag statt. Am 15. Juni wickelte der Arzt sogar zwei Fälle ab.

Ein Arzt bekommt etwa 300 Euro für jeden Sterbefall – für Akteneinsicht, Gespräch und das Rezept. Für diese 35 Menschen ergeben sich demnach geschätzte 10.000 Euro Honorar.

O-Ton, Prof. Daniel Hell, Nationale Ethikkommission Schweiz:

»Wenn tatsächlich so ist, dass zuerst zwar Akten eingeholt werden und dann auf Grund eines einmaligen Gespräches entschieden wird, dieser Mensch aus dem Ausland wird in den Tod begleitet, dann ist das meines Erachtens nicht zu rechtfertigen.«

Demnach bestenfalls eine oberflächliche Prüfung der Sterbewünsche im Schnellverfahren. Und der pensionierte Arzt hatte nicht einmal eine Berufserlaubnis dafür, die Rezepte auszustellen. Die Kantonsverwaltung bestätigt REPORT MAINZ, dass Herr Dr. S nur eine Altersbewilligung besaß, die lediglich die medizinische Behandlung von Angehörigen und Bekannten enthält.

Zu alldem will sich der DIGNITAS-Chef Ludwig A. Minelli nicht äußern. Auf mehrere Nachfragen von REPORT MAINZ keine Reaktion. Für Verleumdungen in Talkshows hat Minelli Zeit, nicht aber für Erklärungen zu dubiosen Todesfällen.