Bitte warten...

Text des Beitrags | Stallbrände Wieso jedes Jahr zehntausende Tiere qualvoll verbrennen

Moderation Fritz Frey:

Wenn es passiert, dann ist unsere Betroffenheit groß: Ein Stall brennt und wehrlose Tiere, wie diese Kuh, kommen in den Flammen um.

Das ist traurig, aber ist es unvermeidbar? Müssen wirklich jedes Jahr mehrere zehntausende Tiere qualvoll verenden? Monika Anthes und Mona Botros sind dieser Frage nachgegangen.

Bericht:

Vor knapp zwei Wochen: Großbrand auf einem Bauernhof im Landkreis Ansbach in Bayern. Rund 5.500 Puten verbrennen in ihrem Stall.

18. März: In einer Schweinezucht in Herne bricht ein Feuer aus. 2.500 Ferkel sterben.

17. Januar: Im bayerischen Neualbenreuth brennt ein Mastbetrieb.
Für rund 300 Schweine kommt jede Hilfe zu spät.

In Lokalzeitungen tauchen zu diesen Berichten kurze Randnotizen auf, Schlagzeilen macht der Tod dieser und anderer Nutztiere nicht.

Ganz anders ist es dagegen bei diesem Feuer: In der Neujahrsnacht brennt das Affenhaus im Krefelder Zoo lichterloh. Feuerwehrleute können mehr als 50 Tiere nicht mehr retten.

Der Tod der Menschenaffen löst bundesweit entsetzen und großes Mitgefühl aus. Noch lange bewegt das Schicksal der Tiere viele Menschen in Deutschland.

Dazu zählt auch Stefan Stein. Der 52-jährige Beamte engagiert sich seit Jahrzehnten für mehr Tierschutz. Auf das Thema Stallbrände ist er schon Monate vor dem Brand im Krefelder Zoo aufmerksam geworden.


Stefan Stein

Stefan Stein

O-Ton, Stefan Stein, Tierschützer:

"In Deutschland verenden jeden Tag mehrere Hundert Tiere oder tausende Tiere. Das sind Geschehnisse, die im Verborgenen bleiben, die im Hintergrund ablaufen, die keine Meldung wert sind. Und das ist dann sehr erschreckend für mich."



Stefan Stein beginnt nach Hinweisen auf Stallbrände im Internet zu suchen und eine eigene Statistik zusammenzustellen. Allein für 2019 kommt er auf über 115.000 verendete Tiere.

10. Januar 2019. 30Kühe und Kälber verbrennen in diesem Stall in Mühlenrade, Niedersachsen. 30 Tiere können gerettet werden.

22. Juli 2019. 3.000 Schweine verenden qualvoll in dieser Mastanlage in Kolbow, Mecklenburg-Vorpommern. Etwa die Hälfte der Schweine überlebt.

Nur zwei Tage später: 86.500 Hühner sterben bei einem Brand in Neuenkirchen-Vörden in Niedersachsen. Die Feuerwehr kann keine retten.

Darüber wurde zwar regional berichtet, eine breite Öffentlichkeit hat aber auch diese Brände gar nicht wahrgenommen.

Wir wollen wissen: Wie oft brennt es in deutschen Ställen? Fragen alle 16 Bundesländer und auch das Bundeslandwirtschaftsministerium an.

Die Antwort: Es gibt keine offiziellen Daten.

Norwich Rüße kann das nicht verstehen. Er ist Abgeordneter für die Grünen im Landtag von Nordrhein-Westfalen. Im Nebenerwerb ist er Bio-Bauer, hat rund 150 Schweine.


Norwich Rüße

Norwich Rüße

O-Ton, Norwich Rüße, B’90 / Die Grünen, Abgeordneter und Bio-Bauer:

"Ich bin der Meinung, dass wir präventiv deutlich mehr machen müssen. Tierrettung ist schwer bei den Bestandsgrößen, die wir haben. Also muss man gucken, dass erst gar keinen Brand entsteht. Dazu gehört die Elektrik, die besonders anfällig ist, in deutlich kürzeren Intervallen zu überprüfen. Dazu gehören funktionierende Löschwasserversorgung und dazu gehören auch Brandmelder. Es geht einfach darum, Tierschutz zu verbessern."


Mingyi Wang ist Brandexperte beim Gesamtverband der Versicherungswirtschaft und weiß, warum es in Ställen oft brennt:


Mingyi Wang

Mingyi Wang

O-Ton, Mingyi Wang, Brandschutzexperte GdV:

"Na, also elektrische Anlage ist sicherlich die größte Ursache. Wir haben natürlich bei solcher intensiver Tierhaltung auch noch Lüftungsanlagen und wenn die heiß laufen, können die natürlich auch Brand verursachen. Das heißt, auch solche Anlagen sollen verstärkt geprüft werden."


Der Experte registriert rund 5.000 Stallbrände pro Jahr in Deutschland. Im Durchschnitt also 14 jeden Tag. 14 Brände jeden Tag?

Auch Claudia Dalbert sieht, da muss etwas passieren. Die Landwirtschaftsministerin von Sachsen-Anhalt hob das Thema auf die politische Tagesordnung - vor fast zwei Jahren.


Prof. Claudia Dalbert

Prof. Claudia Dalbert

O-Ton, Prof. Claudia Dalbert, B’90 / Die Grünen, Landwirtschaftsministerin Sachsen-Anhalt:

"Da haben wir einfach ein ganz großes Defizit. Das Grundgesetz sagt ganz klar, wir dürfen Tieren kein Leid zufügen. Und wenn dann so etwas passiert, dass in einer großen Tierhaltungsanlage ein Brand ausbricht und hunderte von Tieren elendig den Feuertod sterben, dann finde ich das unerträglich. Und deswegen war es mir wichtig, das auf die Agrarministerkonferenz zu bringen und zu sagen: 'Wir müssen etwas tun'."


Eine Arbeitsgruppe der Länder prüfte den Sachverhalt. Ergebnis: Im Oktober 2018 fordert die Agrarministerkonferenz von der Bundesregierung eine "Konkretisierung des geltenden Rechts".

Mehr als anderthalb Jahre ist das jetzt her. Wir fragen im Bundeslandwirtschaftsministerium nach. Staatssekretärin Beate Kasch erklärt uns, der Bund habe die Forderung wieder an die Länder zurückverwiesen.


Beate Kasch

Beate Kasch

O-Ton, Beate Kasch, Staatssekretärin, Bundeslandwirtschaftsministerium:

"Die müssen sich jetzt ihre Landesbauordnungen anschauen und an den Bund adressieren, welche Punkte sie gerne übergeordnet bundeseinheitlich in dieser Tierschutznutztierhaltungsverordnung additiv geregelt haben wollen. Aber wir nehmen das gern auf."


Frage: Aber die Aufforderung kam ja schon 2018, dass der Bund was tun soll?


O-Ton, Beate Kasch, Staatssekretärin, Bundeslandwirtschaftsministerium:

"Ja, aber wir haben das ja zurückgereicht und gesagt: 'Gerne - bitte konkretisiert!'"


Also - Der Bund spielt den Ball einfach wieder zurück an die Länder und dort sammelt man jetzt erst mal wieder Vorschläge.

Währenddessen verbrennen viele Tiere in deutschen Ställen - fast jeden Tag.

Das politische Pingpongspiel muss endlich ein Ende haben.

Abmoderation Fritz Frey:

Ein wenig Bewegung kommt jetzt ins Thema. Die Landesregierung in Nordrhein‑Westfalen will nun den Brandschutz in Schweineställen verbessern. Immerhin. Da kann man nur hoffen, dass andere Länder nachziehen.