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Text des Beitrags Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz

Warum Unternehmen oftmals nichts dagegen tun

Moderation Fritz Frey:

Sexuelle Belästigung – wegen der Vorwürfe gegen den Regisseur Dieter Wedel ist dieses Thema momentan in aller Munde. Und das ist auch gut so. Auch weil sexuelle Belästigung mitnichten nur ein Thema der schillernden Film- und Medienbranche ist.

Mona Botros und Manuela Dursun haben in ganz normalen Unternehmen recherchiert und dabei den Eindruck gewonnen: Wenn es passiert, werden wohl eher die Täter als die Opfer geschützt.

Bericht:

Diese beiden Frauen erzählen uns, sie hätten viel verloren: Arbeitsplatz und Gesundheit. Dabei hätten sie sich nur gewehrt. Gewehrt gegen ständige Belästigungen.

O-Ton, Betroffene 1:

"Ich habe 25 Jahre hier in diesem Unternehmen gearbeitet und es ist absolut nicht richtig, dass ich hier draußen stehe."

Rückblendee: Ihr ehemaliger Arbeitgeber: ein großer Automobilzulieferer. Vor fünf Jahren bekamen sie einen neuen Chef. Damit habe eine schwere Zeit begonnen.

Eine der Frauen fürchtet um ihren neuen Arbeitsplatz, spricht deshalb nur anonym mit uns.

O-Ton, Betroffene 2:

"Das war keine Zusammenarbeit, das war reine Schikane von den ersten Tagen an. Also laufend Bemerkungen, die unter der Gürtellinie waren."

Mehr als ein Jahr lang hätten sie das erduldet.

O-Ton, Betroffene 2:

"Er ist mir sehr oft viel zu nahe gekommen. Hat mich unangemessen berührt. Und hat mich verbal massivst sexuell belästigt. Dieser Satz, den werde ich wohl nie vergessen: Über eine Frau drüber rutschen, das kann ja wohl jeder, aber wenn man die Technik beherrscht, dann bringt man jede Frau zum Quietschen."

O-Ton, Betroffene 1:

"Er hat mal konkret zu mir gesagt: ‚Wenn ich mir Ihre Figur so anschaue, dann könnte ich mir auch was anderes vorstellen, als Sie nur als meine Mitarbeiterin zu haben‘. Und ich muss ganz ehrlich sagen, das war für mich… ich war sprachlos."

Die beiden Frauen protokollieren die Ereignisse: 41 sind es, als sie sich durchringen, sich offiziell über den Chef zu beschweren, erzählen sie.
Der sei an seinem Platz geblieben, die Frauen jedoch wurden freigestellt. Und nach vier Wochen wieder zurückbeordert.

O-Ton, Betroffene 2:

"Wir mussten weiterhin mit demselben Vorgesetzten in derselben Umgebung arbeiten. Es war unerträglich. Es war eine massive psychische Belastung."

Monate später erst kommt in wenigen Zeilen das Eingeständnis der Geschäftsleitung: Die Beschwerde sei in einigen Punkt als berechtigt anzusehen.

Doch: nicht der Chef hätte dann gehen müssen, sagen sie. Die Geschäftsleitung wollte die Frauen versetzen.

O-Ton, Betroffene 1:

"Es war eine Strafversetzung. Also wirklich, schlimmer kann man es sich nicht vorstellen."

O-Ton, Betroffene 2:

"Es wurde alles still gehalten so und nach dem Motto: Am besten wir gucken, dass wir die schnell loswerden, damit die Belegschaft davon nichts erfährt."

Die Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes weiß, dass es in vielen Unternehmen ähnlich läuft:

Christine Lüders

Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes

O-Ton, Christine Lüders,
Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes:

"Wenn es Opfer von sexueller Belästigung gibt, hat das Unternehmen diese Opfer zu schützen. Und nicht den Täter. Und das ist ganz klar. Die Mehrzahl der Unternehmen hat aus unserer Sicht Nachholbedarf, denn das Thema wird oft tabuisiert."

Wie groß ist das Problem? Wir fragen nach bei den 30 größten im Dax notierten Unternehmen. Nur fünf wollen uns überhaupt Fallzahlen von sexueller Belästigung nennen. Offenbar ein unbequemes Thema.

Das hat auch die ehemalige Managerin einer großen Klinik erlebt. Sie hat Angst vor Repressalien, möchte nicht erkannt werden.
Die attraktive Frau war beruflich erfolgreich, erzählt sie uns. Das sei auch einem Vorgesetzten aufgefallen.

O-Ton, Betroffene:

"Er versuchte, mich anzubaggern. Immer öfter machte er anzügliche Bemerkungen. Zum Beispiel hauchte er mir ins Ohr: ‚Ich hoffe, es macht dir nichts aus, wenn ich bei dir ganz genau hinschaue‘."

Die Annäherungsversuche habe sie abstoßend gefunden und sich bei ihrem Chef beschwert. Der habe nichts unternommen - ebensowenig wie die Gleichstellungsbeauftragte und ihr Arbeitgeber.

O-Ton, Betroffene:

"Ich wurde Stück für Stück demontiert und als Querulantin dargestellt. Am Ende wurde ich sogar fristlos gekündigt. Ich habe alles verloren."

Sexuelle Belästigungen hat gut die Hälfte aller Beschäftigten schon einmal erlebt. Das ergab eine Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

Doch in unserer Umfrage vermelden die Dax-Konzerne insgesamt nur elf Belästigungsfälle aus den vergangenen zwei Jahren. Und das bei über 170.000 Beschäftigten. Wie passt das zusammen?

Die DGB-Vorstandsfrau Elke Hannack weiß, dass sich die meisten Betroffenen nicht trauen, sich zu beschweren.

O-Ton, Elke Hannack, DGB, stellvertretende Vorstandsvorsitzende:

"Viele Frauen und auch Männer – ich sage es immer wieder dazu – befürchten Repressalien, wenn sie sich beschweren, wenn sie sexuelle Belästigung zur Anzeige bringen im Betrieb."

Elke Hannack, DGB

Elke Hannack, DGB

Dass Betroffene sich nicht trauen, hat auch die Gleichstellungsbeauftragte der Berliner Charité erlebt. Dort zeigte eine Studie: Fast 70 Prozent der Beschäftigten haben schon einmal sexuelle Belästigung erlebt. Die Klinik zog daraus Konsequenzen.

O-Ton, Christine Kurmeyer, Gleichstellungsbeauftragte Charité:

"Das Ergebnis der Studie war ja die Betriebsvereinbarung, die wir jetzt im letzten Jahr auch unterzeichnet haben. In der genau festgehalten wird: Was passiert, wenn sich jemand belästigt fühlt? Welche Möglichkeiten der Beratung und auch der Sanktionen gibt es? Das hat schon auch dazu geführt, dass sich mehr Leute trauen, auch da drüber zu sprechen."

Unsere Umfrage zeigt: Tatsächlich haben nur wenige Unternehmen Betriebsvereinbarungen zu sexueller Belästigung: gerade mal 8 von 30 Dax-Unternehmen. Ein Defizit, denn:

O-Ton, Elke Hannack, DGB, stellvertretende Vorstandsvorsitzende:

"Betriebsvereinbarungen schaffen überhaupt erst die Voraussetzung, dass Betroffene sich trauen können, mit ihrem Anliegen auch zum Arbeitgeber zu gehen."

Der Arbeitgeber der beiden Frauen wollte sich zu ihrem Fall nicht äußern. Die zahlen einen hohen Preis für ihren Mut:

O-Ton:

"Das ist traurig, dass im Zeitalter von 2017/2018, dass eine Frau angefasst werden darf, schikaniert werden darf und als Folge dafür bestraft wird und gehen muss."