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30.01.2018: Tabuthema Umfrage: Nur acht von 30 Dax-Unternehmen haben klare Betriebsvereinbarung zu sexueller Belästigung

Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes: "Unternehmen tabuisieren sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz"

Nur sehr wenige Frauen beschweren sich in ihren Unternehmen offiziell über sexuelle Belästigungen. Das ergab unsere Umfrage unter den 30 DAX-Unternehmen: Gerademal elf Belästigungsfälle aus den vergangenen zwei Jahren gaben die befragten Unternehmen insgesamt an.

Symbolfoto sexuelle Belästigung

Symbolfoto sexuelle Belästigung

"Viele Frauen melden sich nicht, weil sie Repressalien befürchten, wenn sie sexuelle Belästigung in ihrem Betrieb zur Anzeige bringen", sagt Elke Hannack, DGB-Vorstandsfrau gegenüber dem ARD-Politikmagazin. Eine wichtige Voraussetzung für Frauen, Vertrauen in ihren Arbeitgeber zu fassen, seien klare Betriebsvereinbarungen zu sexueller Belästigung. Solche Vereinbarungen zwischen Geschäftsleitung und Betriebsrat regeln verbindlich, was passiert, wenn sich jemand belästigt fühlt, regeln wie Täter sanktioniert werden können und welche Hilfspakete es etwa für Opfer gibt.

"Eine Betriebsvereinbarung schafft überhaupt erst die Voraussetzung dafür, dass Betroffene sich trauen können, mit ihrem Anliegen auch zum Arbeitgeber zu gehen", erklärt Elke Hannack im Interview mit dem ARD-Politikmagazin. Tatsächlich haben aber nur acht der 30 der von REPORT MAINZ befragten DAX-Unternehmen eine Betriebsvereinbarung zu sexueller Belästigung, die die Abläufe klar regelt.

"Die Mehrzahl der Unternehmen tabuisiert das Thema sexuelle Belästigung", erklärt die Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes, Christine Lüders, gegenüber REPORT MAINZ. Dabei hätten Beschäftigte ein Recht auf einen diskriminierungsfreien Arbeitsplatz. "Die Unternehmen müssen die Opfer schützen und nicht die Täter, wie es in der Praxis häufig vorkommt."

Die Berliner Charité etwa hat mit einer Betriebsvereinbarung zur sexuellen Belästigung  positive Erfahrungen gemacht: "Das hat auch dazu geführt, dass sich mehr Beschäftigte trauen, darüber zu sprechen und in die Beratung zu kommen", sagt Christine Kurmeyer, die Gleichstellungsbeauftragte der Charité. Es gebe nun Vertrauen, dass das Thema vom Arbeitgeber ernst genommen werde und ein sachlicher Umgang damit erfolge, erzählt Kurmeyer. Das ermutige Betroffene sich zu melden.

Die Charité hatte eine Umfrage unter ihren 17.000 Beschäftigten gemacht: Mehr als 70 Prozent gaben an, schon einmal sexuelle Belästigungen erlebt zu haben. Dieses Ergebnis hatte die Geschäftsleitung überzeugt, das Thema offensiver und transparenter anzugehen.

Tatsächlich gibt es viel mehr Betroffene als gemeldete Fälle: Das ist das Ergebnis einer Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Danach geben mehr als die Hälfte aller Beschäftigten an, am Arbeitsplatz schon einmal sexuell belästigt worden zu sein.