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SENDETERMIN Di, 18.8.2020 | 21:48 Uhr | Das Erste

Schulschließungen wegen Corona Befragung tausender Lehrer zeigt erschreckende Defizite beim digitalen Fernunterricht

Fünf Monate nach den ersten coronabedingten Schulschließungen zeigt eine Befragung: fast zwei Drittel der Lehrerinnen und Lehrer sehen sich nicht in der Lage, bei einem erneuten Lockdown auf digitalen Fernunterricht umzuschalten.

Über 3.000 Lehrerinnen und Lehrer haben in einer nicht-repräsentativen Online-Befragung von REPORT MAINZ teilgenommen. Zwei Drittel von ihnen gaben an, dass sie bei erneuten coronabedingten Schulschließungen nicht ad hoc auf digitalen Fernunterricht umschalten könnten. Als häufigsten Grund dafür nannten die Befragten die mangelhafte technische Ausstattung ihrer Schüler sowie der Schulen. In tausenden Kommentaren beklagen die Lehrer anonym, dass es u.a. an Fortbildungen und an Lernplattformen fehle. Am häufigsten nannten die Teilnehmer der Befragung die Kultusministerien als Verantwortliche für die Zustände an ihren Schulen. Auch Bildungsexperte Axel Plünnecke vom Deutschen Institut für Wirtschaft und der bildungspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion Thomas Sattelberger kritisieren, dass die Digitalisierung an deutschen Schulen verschlafen worden sei.

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Befragung von 3000 Lehrern und Lehrerinnen

Tausende Lehrkräfte reden Klartext

Zwei Drittel, also 64 Prozent der Umfrageteilnehmer glauben, dass sie im Falle eines zweiten Lockdowns nicht ad hoc vom Präsenzunterricht auf gleichwertigen digitalen Fernunterricht umschalten könnten. Anonym berichten sie, wo es hakt:


"Nach wie vor ist niemand auf Fernunterricht wirklich vorbereitet. Konzepte sind offenbar nicht vorgesehen."

"Nach wie vor werden keine Fortbildungen und keine Lernplattform seitens der Behörde gestellt."

"Es fand keine Vorbereitung statt, nicht vor und nicht nach dem Lockdown. Es wird erwartet, dass alles mit privaten Endgeräten 'vollbracht' wird."

68 Prozent der Befragten gaben an, dass an ihrer Schule kein schlüssiges Konzept für digitalen Fernunterricht existiere. Das wird auch in vielen Kommentaren deutlich:

"Es gibt immer noch keine wirklichen Konzepte, geschweige denn die technische Ausstattung an der Schule. Kreative Vorschläge wurden von Seiten der Schulleitung belächelt bzw. abgelehnt."

"Natürlich haben wir ein tolles Medienkonzept wie sicherlich alle Schulen, aber nur auf dem Papier."

"Ein Onlineportal ist noch lange kein Konzept."

Als häufigsten Grund für Probleme beim Thema Fernunterricht nannten die Befragten die mangelhafte technische Ausstattung ihrer Schülerinnen und Schüler (84 Prozent) sowie der Schulen (73 Prozent, Mehrfachnennung möglich). So beschreiben die Lehrkräfte diesen Mangel:

"Im Moment gibt es weder eine Plattform, noch Material. Wir haben aktuell nicht einmal eine Dienstmailadresse."

"Es gibt 6 PCs für 100 Lehrerinnen, kein WLAN, keine interaktiven Whiteboards. Der gesamten Schule fehlt die Hardware!"

"Teilweise teilen sich die Familien mit mehreren Kindern ein einziges Handy - einen Drucker gibt es auch nicht."

Die Schuld daran haben, aus Sicht der Befragten, die jeweiligen Kultusministerien der Länder (74 Prozent, Mehrfachnennung möglich). Viele Lehrkräfte wünschen sich in den Kommentaren klare Ansagen von "oben":

"Insbesondere das Kultusministerium lässt uns allein und legt uns eher Steine in den Weg. Von Veränderungen erfahren wir oft aus der Presse."

"Die klaren Ansagen und Konzepte der Kultusminister lassen auf sich warten - die Sommerferien hätten genutzt werden können."

"Die Schulen machen nichts, weil wir wissen, dass das Ministerium dann doch wieder alle Pläne über den Haufen wirft."

56 Prozent sind der Meinung, dass durch den bisherigen Fernunterricht ein nachhaltiger Schaden für die Schüler und Schülerinnen entstanden sei:

"Gerade die Eltern aus den systemrelevanten Berufen konnten nicht die Zeit aufbringen, mit den Schülern den Unterricht nachzuholen. Das sind oft die Kinder, die jetzt weit zurückhängen."

"Der Unterschied zwischen guten und schlechteren Schülerinnen und Schülern ist gewachsen."

"Viele Kinder haben zuhause kaum gearbeitet."

Fühlen sich die Lehrer und Lehrerinnen nun besser vorbereitet als noch im März? Fast die Hälfte glaubt: Nein. Die Zeit wurde anscheinend nicht genutzt, berichten uns viele:

"In den 6 Wochen Sommerferien ist nichts vorangegangen."

"Ich müsste vermutlich die Lernpakete wieder selbst zu Fuß austeilen. Wir haben immer noch keine Schul-Mail-Adresse oder ähnliches."

"Bei uns wurden größtenteils Arbeitsaufträge und -blätter per Post versendet. Wird vermutlich auch nochmal so laufen."


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Verena Pausder ist Expertin für digitale Bildung sowie Gründerin und Vorständin der Initiative Digitale Bildung für Alle e.V. Sie berät Unternehmen und Politik in digitalen Fragen - und sieht bei der Digitalisierung an Schulen noch viele Defizite.