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SENDETERMIN Mo, 28.4.2008 | 21:45 Uhr | Das Erste

Sachsens braune Schläger Welche Verbindungen gibt es zwischen NPD und dem Schlägertrupp "Sturm 34"

Als brave rechte Biedermänner wollen sie daherkommen – die Herrschaften der NPD. Mit Brandstiftern und rechten Schlägertrupps habe man nichts zu tun, so wird immer wieder versichert

In Dresden verhandelt das Landgericht derzeit gegen einen Schlägertrupp, der sich „Sturm 34“ nennt, wohl benannt nach einer SA-Schlägertruppe aus der Nazizeit.

„Sturm 34“ ist inzwischen verboten. Für uns die Kernfrage bei diesem Prozess: Gibt es eine Verbindung zwischen den Biedermännern von der NPD und den Brandstiftern von „Sturm 34“?

Ulrich Neumann, Gregor Tschung, Fritz Schmaldienst und Anton Maegerle berichten.

Bericht:

Ein spektakulärer Prozess gegen fünf junge Männer vor dem Landgericht Dresden.

Der Vorwurf: Bildung einer kriminellen Vereinigung.

Ihr Name: „Sturm 34“, benannt nach einer SA-Schlägertruppe.

Ihr Programm: Linke und Ausländer zu vertreiben.

Ihre Methode: brutale Gewalt.

Der mutmaßliche Rädelsführer Tom W., gerade mal 20 Jahre alt. In rund einem Jahr hat seine Schlägertruppe in der sächsischen Kleinstadt Mittweida und Umgebung mehr als 70 Straftaten begangen, überwiegend schwere Körperverletzungen. So steht es in einem Dokument des sächsischen Innenministeriums. Erstmals packt jetzt ein ehemaliges Mitglied dieser inzwischen verbotenen Vereinigung vor der Kamera aus:


Frage: Sie sind ja in deren Augen eine Verräterin, haben Sie Angst um Ihr Leben?


O-Ton, Mandy Lorenz, Aussteigerin:

»Die Angst ist immer da, egal wann, egal wo. Man guckt halt in jedes Auto. Mittweidaer Kennzeichen guckt man rein – wer sitzt drin. Die Angst ist immer da – bei mir, egal, wo ich bin.«



Die 20-jährige Mandy zieht 2005 nach Mittweida. Dort kennt sie niemanden. Über einen Bekannten und so manche Fete rutscht die junge Frau nach und nach in die Schlägertruppe.

Hier in dieser Mittweidaer Garage hat sich „Sturm 34“ im März 2006 gegründet. Tatkräftiger Mithelfer – der damalige NPD-Funktionär Rudolf Schlotter. Er ist Eigentümer des Grundstückes.


O-Ton, Rudolf Schlotter, damaliger NPD-Funktionär:

»Die Jugendlichen haben hier aus dem Kuhstall eine Begegnungsstätte gemacht, die eigentlich der Kameradschaft dient.«





Eine Kameradschaft der besonderen Art wie diese Bilder eines V-Mannes des Chemnitzer Staatsschutzes zeigen. „Sturm 34“ wächst schnell: Rund 50 Mitglieder und 100 Sympathisanten.

In dieser „Begegnungsstätte“ werden bei rechtsradikaler Musik und jeder Menge Alkohol Pläne geschmiedet, um linke Zecken und Ausländer zu jagen, so der Gruppenjargon. Immer wieder brutale Überfälle auf Unbeteiligte. Und die sahen so aus:


O-Ton, Mandy Lorenz, Aussteigerin:

»Da sind die aus den Büschen und überall raus gesprungen gekommen, und haben den dort auf die Treppe hingeschmissen, zusammengetreten, also wirklich bis er sich gar nicht mehr bewegt hat. Der hat überall geblutet.«


Frage: Fast immer krankenhausreif geschlagen?


O-Ton, Mandy Lorenz, Aussteigerin:

»Ja, also eigentlich immer. Man kann eigentlich nicht sagen – fast. Es war immer so, dass die, die zusammen geschlagen wurden, immer im Krankenhaus gelandet sind oder zumindestens die Platzwunden haben nähen lassen oder irgendetwas anderes.«


Von dieser Gewalt angewidert steigt Mandy aus, arbeitet mit der Polizei zusammen und wird daraufhin bedroht.


O-Ton, Christian Avenarius, Oberstaatsanwalt Dresden:

»Ja, es ist insofern absolut vergleichbar mit dem, was in der Nazizeit passiert ist: Wer nicht ins Raster gepasst hat, wer irgendwie unangenehm aufgefallen ist in diesem braunen Weltbild, der musste damit rechnen, dass ihm Gewalt angetan wird.«



Angeklagt vor dem Dresdner Landgericht ist auch Alexander G. Er war Organisator und Erfinder des Namens von „Sturm 34“ und zugleich NPD-Mitglied.

Aus den 13.000 Seiten Prozessunterlagen, die REPORT MAINZ vorliegen, geht außerdem hervor: Es gab zwischen „Sturm 34“ und der NPD auf regionaler sowie auf Landesebene zahlreiche gemeinsame Aktivitäten.

Dank ihm ist heute viel über das Innenleben von „Sturm 34“ bekannt – Matthias Rott, Mitbegründer der Schlägertruppe und NPD-Mitglied, wurde irgendwann V-Mann des Staatsschutzes. Er steht uns exklusiv Rede und Antwort.

Frage: Wie viele Mitglieder von „Sturm 34“, würden Sie sagen, waren auch gleichzeitig Mitglieder der NPD?


O-Ton, Matthias Rott, ehem. V-Mann:

»Ich denke vielleicht 15. Ungefähr.«







Frage: Also rund ein Viertel ungefähr vom harten Kern, ja?


O-Ton, Matthias Rott, ehem. V-Mann:

»Ja, ja. Ja, ja.«


Zahlreiche Telefonmitschnitte von mehreren Tausend abgehörten Telefonaten des Staatsschutzes belegen:

Immer wieder wird der mutmaßliche Rädelsführer Tom W. aufgefordert an NPD- Mitglieder-Versammlungen teilzunehmen, immer wieder wird seine Schlägertruppe seitens der NPD zum Saal-, Personen- und Demoschutz angefordert.

Fotos aus dem Innenleben der so genannten Wachschutztruppe.

Wir sind auf dem Weg zum Harald Nieher, von 2005 bis 2007 NPD-Kreisvorsitzender Mittweida. Reden will er mit uns nicht.

Hier auf dem Grundstück, so ein Zeuge, hat der NPD-Funktionär den mutmaßlichen Anführer Tom W zu Gewalt angestiftet. Wörtlich soll er gesagt haben:

»Tom, mach in Mittweida Unruhe, brüll ‚Sieg Heil’ und schlag die Ausländer zusammen...«

Außerdem hörten die Staatsschützer mit, wie der NPD-Funktionär Tom W. die Anweisung gab, wenn so genannte Zecken bei einer NPD-Veranstaltung auftauchen, denen „richtig vor die Glocke zu krachen.“


O-Ton, Christian Avenarius, Oberstaatsanwalt Dresden:

»Es ist eine eindeutige Aufforderung, Straftaten zu begehen, auch wenn man sie strafrechtlich noch nicht so fassen kann, dass man sagen könnte, die Schwelle zur Strafbarkeit ist überschritten.«


Hier vor dem sächsischen Landtag wollten wir den NPD-Landessprecher interviewen. Am Telefon erklärt die Partei, mit „Sturm 34“ nichts zu tun zu haben. Die Gruppe sei eine Chaostruppe. Doch ein bereits zugesagtes Interview wird dann kurzfristig verweigert.

NPD und „Sturm 34“ – mit dieser Verbindung wird sich auch das Gericht beschäftigen. Die Behauptung der rechtsextremen Partei jedenfalls, mit der Schlägertruppe nichts zu tun gehabt zu haben, ist durch die Prozessunterlagen widerlegt. Im Gegenteil: In einigen Fällen war die NPD sogar der Befehlsgeber von „Sturm 34“.

aus der Sendung vom

Mo, 28.4.2008 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autoren:
Ulrich Neumann
Gregor Tschung
Anton Maegerle
Fritz Schmaldienst
Schnitt:
Marcus Kaul