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Text des Beitrags Riskante Nächte im Pflegeheim

In vielen Einrichtungen gibt es zu wenige Nachtwachen

Ein ganz anderes Thema: Wer einen Angehörigen in einem Pflegeheim unterbringen muss, der hat es nicht leicht. Woran erkenne ich, ob ein Heim etwas taugt? Und selbst da, wo es tagsüber freundlich und engagiert zugeht, kann es nachts ganz anders aussehen – Gottlob Schober hat es erlebt.

O-Ton Silvana Rosenbaum, Nachtschwester:

Die Pflegerin Silvana Rosenbaum sitzt auf einem Bett im Pflegeheim (nah)

Silvana Rosenbaum, Pflegerin

"Jede Minute ist durchkalkuliert. Das ist richtig! Jetzt klingelt es. Das heißt, ich muss gucken."

Oft ist nicht einmal Zeit für eine Zigarette. Silvana Rosenbaum ist Nachtschwester in der Villa Aura im sachsen-anhaltinischen Beyernaumburg. Obwohl in diesem Heim zwei Pflegerinnen für 60 Bewohner zuständig sind, kommt sie doch oftmals ans Limit.

Besonders problematisch wird es, wenn, wie hier, mehrere Bewohner gleichzeitig klingeln und die Kollegin gerade unabkömmlich ist.

Frage: Wo gehen Sie jetzt zuerst hin?

O-Ton Silvana Rosenbaum, Nachtschwester:

"Jetzt gehe ich erst zu Frau P."

Frage: Warum?

O-Ton Silvana Rosenbaum, Nachtschwester:

"Weil die hatte heute auch Geburtstag – heißt, sie hat viel Süßes zu sich genommen."

Frage: Also es könnte Probleme mit dem Zucker geben?

O-Ton Silvana Rosenbaum, Nachtschwester:
"Sie könnte Probleme mit dem Zucker haben."

O-Ton Silvana Rosenbaum, Nachtschwester:
"Warum haben Sie geklingelt?"

Entwarnung bei der ersten Bewohnerin. Nichts Schlimmes. Danach erst kann sie sich um die andere Dame kümmern.

O-Ton Silvana Rosenbaum, Nachtschwester:
"Schlüpfer runterziehen."

Die pflegebedürftige Frau hat geklingelt, weil sie auf die Toilette wollte. Weil die Nachtschwester aber zu spät kommt, hat sie schon in die Windel gemacht.

O-Ton Silvana Rosenbaum, Nachtschwester:
"Die ist schon nass."

O-Ton, Silvana Rosenbaum, Nachtschwester:

"Man funktioniert eigentlich nur und wägt ab, da könnte das sein, da könnte das sein. Und dann geht man los. Also so jetzt die Überlegung in dem Sinne eigentlich nicht. Ich reagiere dann eigentlich nur."

Frage: Sie reagieren nur. Aber Sie wissen sehr wohl, dass Sie dann, wenn Sie zu einer Bewohnerin gehen, andere dann vernachlässigen?

O-Ton, Silvana Rosenbaum, Nachtschwester:

"Das ist richtig. Weil ich kann mich ja nicht teilen."

Wieder ein Hilferuf. Ein Nachtwachen-Schlüssel von 1 zu 30 ist für die Pflegekräfte hier eine Herausforderung. Sie kommen aber gerade so über die Runden.

Bei Sabine Bätz und Ralf Pittroff war das ganz anders, berichten sie uns. Sie schlugen Ende 2013 Alarm, weil die Zahl der Nachtwachen in einem Heim des Bayerischen Roten Kreuzes in Kronach reduziert wurde. Damit waren nur noch drei Pflegekräfte für 155 Menschen da.

Gesicht von Ralf Pittrow (nah)

Ralf Pittrow, Pfleger

O-Ton, Ralf Pittroff, Nachtpfleger:

"Da hatte ich einen Sturz mit einer Kopfplatzwunde. Der Bewohner ist mit dem Kopf auf den Nachtkasten geschlagen. Eine halbe Stunde waren wir mit dem Bewohner beschäftigt. Zu zweit. Wir mussten ihn versorgen. Und in dieser Zeit mussten wir die restlichen Bewohner des Haupthauses vernachlässigen."

Frage: Haben die auch geklingelt zu der Zeit?

O-Ton, Ralf Pittroff, Nachtpfleger:

"Ja."

O-Ton, Sabine Bätz, Nachtschwester:

Nahaufnahme Gesicht von Sabine Bätz

Sabine Bätz, Pflegekraft

"Das Wort Pflege möchte ich diesbezüglich überhaupt nicht mehr in den Mund nehmen, weil, die werden nicht mehr gepflegt. Die werden abgefertigt auf niedrigstem Niveau."

Mit den Vorwürfen der beiden Nachtwachen konfrontieren wir Leonhard Stärk, den Landesgeschäftsführer des Bayerischen Roten Kreuzes.

O-Ton, Leonhard Stärk, Bayerisches Rotes Kreuz:

"Hier, in diesem konkreten Fall, muss ich ganz klar sagen, hier wird etwas aufgebauscht, hier wird etwas übertrieben, hier wird ein Kleinkrieg geführt."

Tatsächlich ein Kleinkrieg? Adelheid von Stösser vom gemeinnützigen Pflege-Selbsthilfeverband hat sich monatelang intensiv mit dem Fall der beiden Nachtwachen beschäftigt. Ihre Einschätzung:

O-Ton, Adelheid von Stösser, Pflege-Selbsthilfeverband:

Adelheid von Stösser, Pflege-Selbsthilfeverband (nah)

Adelheid von Stösser, Pflege-Selbsthilfeverband

"Ich halte die beiden Pflegekräfte für glaubwürdig und die Aussagen auch für glaubhaft. Habe sie auch von Anfang an begleitet. Außerdem bin ich selber als Pflegefachkraft mit der Situation vertraut und höre auch immer wieder von anderen, wie das dann nachts abläuft bei dieser Besetzung. Das ist einfach nur gefährlich."

Sabine Bätz hat inzwischen die Reißleine gezogen und das Heim im Streit verlassen. Das Arbeitsverhältnis ihres Kollegen endet Ende Mai.

Wir recherchieren bundesweit und wollen von den zuständigen Landesministerien wissen, wie viele Nachtwachen für wie viele Bewohner tatsächlich zuständig sind.

Beschämend: Nur zwei Länder liefern konkrete Zahlen. In Berlin ist überwiegend eine Pflegekraft für 40-50 Bewohner zuständig. Und in Bayern kümmert sich in rund der Hälfte der Heime eine Pflegekraft um mehr als 40 Bewohner, teilweise sogar um 90 Menschen.

Die zuständige Ministerin will das jetzt ändern.

O-Ton, Melanie Huml, CSU, Pflegeministerin Bayern:

Melanie Huml, CSU, Pflegeministerin Bayern (nah)

Melanie Huml, CSU, Pflegeministerin Bayern

"Es ist so, dass wir eben zur Mitte des Jahres vorhaben, umzusetzen, dass eben eine Pflegekraft für 30-40 Personen zuständig ist, und das geht dann an die Träger, das dann entsprechend auch umzusetzen."

Jetzt muss die Ministerin aber mit dem Widerstand der Träger rechnen, denn viele Heime müssten die Zahl der Nachtwachen wegen der Neuregelung aufstocken.

Leonhard Stärk, Bayerisches Rotes Kreuz (nah)

Leonhard Stärk, Bayerisches Rotes Kreuz

O-Ton, Leonhard Stärk, Bayerisches Rotes Kreuz:

"Ich sehe kritisch, dass man einen Punkt herausnimmt, nämlich die Nachtbesetzung, und da eine spezielle Vorschrift erlässt, eine Verhältniszahl von Bewohnern zu Pflegekraft. Das ist nämlich nicht durchdacht. Das ist eine punktuelle Lösung, eine Reaktion auf einen gefühlten Mangel."

O-Ton, Adelheid von Stösser, Pflege-Selbsthilfeverband:

"Diese Haltung zeigt, dass man nicht begriffen hat, dass wir hier nicht über eine Luxuspflege nachts sprechen, sondern über einen Sicherheitsstandard, der eigentlich gewährleistet werden muss."

In Sachsen-Anhalt kommen die Pflegekräfte schon bei einem Schlüssel von einer Nachtwache auf 30 Bewohner immer wieder ans Limit. Die Nachtwachen in vielen Pflegeheimen müssen unbedingt aufgestockt werden.