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SENDETERMIN Mo, 16.7.2007 | 21:45 Uhr | Das Erste

Riskante Krankenpflege Wie in Krankenhäusern auf Kosten der Pflege gespart wird

Gesundheit, vor allem Gesundheit, das sagen wir gerne, wenn wir gefragt werden, was wir beispielsweise einem wünschen, der Geburtstag hat. Ich fürchte, wenn Sie den folgenden Beitrag gesehen haben, wird dieser Wunsch noch mehr von Herzen kommen. Unser Reporter hat sich in deutschen Kliniken umgesehen und engagierte Pfleger und Schwestern getroffen, das Fatale, es werden immer weniger. Stellenabbau im Krankenhaus. Die Folgen: alarmierend.


Bericht:

Alarm für Schwester Kirsten. Es kann um Sekunden gehen. Eine ältere Patientin ist beim Versuch, alleine aufzustehen, gestürzt. Sie liegt neben ihrem Bett.

Auch wenn die Seniorin unverletzt ist, ihr Sturz hält den Betrieb auf, bringt den Pflegeplan durcheinander. Kirsten Niepraschk muss jetzt erst einmal Blutdruck messen. Andere Patienten warten schon auf sie.

Pflege im Laufschritt. Schwester Kirsten kommt kaum nach, ihre Patienten zu versorgen. Seit sie hier vor zwölf Jahren angefangen hat ist der Zeitdruck immer schlimmer geworden, sagt sie.


O-Ton, Kirsten, Niepraschk, Krankenschwester:

"Ja, manchmal gehen sogar die Gedanken im Kopf durcheinander, weil man überlegt, was ist denn jetzt das Wichtigste, was sollte ich als nächstes tun. Was ist, was hat Priorität. Und es gibt halt Sachen wie jemanden in den OP fahren, auf Abruf, oder zu einer Untersuchung, oder jemand braucht dringend Schmerzmittel, oder irgendwelche Sachen. Der Zeitdruck ist schon manchmal groß."


Frage: Haben Sie keine Angst, dass Sie in der ganzen Hektik irgendwann mal einen Fehler machen?


O-Ton, Kirsten, Niepraschk, Krankenschwester:

"Doch, jeden Tag, den ich hier bin."


Frage: Wenn Sie jetzt ein Medikament verwechseln würden?


O-Ton, Kirsten, Niepraschk, Krankenschwester:

"Das wäre gefährlich. Das wäre gefährlich."


Ein Risiko für Patienten. Der Grund: Personalmangel. In den vergangenen Jahren wurde das Pflegepersonal in deutschen Krankenhäusern um 13,5 Prozent reduziert.

Und das obwohl die Patienten in den Kliniken heute im Durchschnitt älter sind und mehr Pflege brauchen als noch vor ein paar Jahren. Professor Frank Weidner vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung, DIP, hat systematisch die Folgen dieses Personalabbaus untersucht. Dazu hat er Angaben von 260 Pflegedirektionen deutscher Krankenhäuser ausgewertet. Die repräsentative Studie wird übermorgen im so genannten Pflegethermometer veröffentlicht. REPORT MAINZ liegen die Ergebnisse exklusiv vor. Der Befund ist beunruhigend.


Zitat:

"Frisch Operierte können oft nicht angemessen versorgt werden.

Pflegebedürftige können nicht mehr ausreichend betreut werden.

Patientensicherheit ist langfristig nicht mehr gewährleistet."


O-Ton, Prof. Frank Weidner, Direktor, Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung DIP:

"Wir halten diese Entwicklung nicht mehr für verantwortbar, auch so wie sie jetzt schon ist. Denn der Umbau der Krankenhäuser läuft zur Zeit eindeutig auf Kosten des Pflegepersonals. Und damit auch auf Kosten der Patienten."




Den Pflegemangel spürt auch Schwester Kirsten. Sie und ihre Kollegin müssen eine gebrechliche Patientin umbetten. Eine Arbeit die eigentlich zu dritt gemacht wird.

Frage: Aber ihre dritte Kollegin ist jetzt gerade gar nicht greifbar.


O-Ton:

"So sieht es aus."


O-Ton:

"Die ist beschäftigt."


O-Ton, Prof. Frank Weidner, Direktor, Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung DIP:

"Und genau damit fangen die Risiken an, für Patienten im Krankenhaus, dass die Pflegenden entscheiden müssen, es ist jetzt einer zu wenig da, wir machen es trotzdem. Weil der Patient es jetzt braucht, der muss mobilisiert werden, der muss raus gesetzt werden. Und genau das führt zu diesen Situationen, die risikoreich sind."

Und die Zahl riskanter Situationen nimmt zu. Der Personalmangel trifft vor allem die älteren Patienten. Die Krankenschwestern kommen laut DIP seltener dazu, sie umzulagern und aus den Betten zu nehmen. Das Risiko: gefährliche Druckschwüre.

Zweites Beispiel: Blasenkatheter werden gelegt, nur weil keine Schwester da ist, um die Patienten zur Toilette zu bringen. Das kann laut DIP in zahlreichen Fällen zu Harnwegsinfektionen führen. Pflegemissstände in deutschen Krankenhäusern. Wie kann das sein? Schuld daran seien die Kliniken, meint die Bundesregierung.


O-Ton, Klaus Theo Schröder, Staatssekretär, Bundesgesundheitsministerium:

"Ja, die Krankenhäuser sind natürlich verantwortlich für ihren Personaleinsatz, für den optimalen Einsatz der Mittel. Und die müssen darauf achten, dass sichergestellt ist, dass auch Pflege ordentlich bezahlt wird, damit die Patientinnen und Patienten ordentlich gepflegt werden."



Georg Baum von der Deutschen Krankenhausgesellschaft weist diese Kritik zurück. Die Gesundheitsreform habe die deutschen Kliniken gezwungen, Pflegepersonal einzusparen.



O-Ton, Georg Baum, Hauptgeschäftsführer Deutsche Krankenhausgesellschaft

"Hätten wir die Einsparungen, die uns in diesem Jahr 700 Millionen aus den Krankenhäusern rausziehen, nicht, könnten wir 14.000 mehr Pflegekräfte einstellen."






Schwarzes Peterspiel auf dem Rücken von Pflegepersonal und Patienten. Schwester Kirsten muss weitermachen, Mittagessen für die Patientinnen. Für Hilfe beim Essen fehlt die Zeit, fehlt das Personal. Exodus der Pflege im Krankenhaus. Und es könnte noch schlimmer kommen.

Weitere 30.000 Pflegekräfte sollen in den nächsten Jahren in den Kliniken eingespart werden, befürchtet Hedwig François-Kettner vom Deutschen Pflegerat.


O-Ton, Hedwig François-Kettner, Präsidium Deutscher Pflegerat DPR:

"Wir sehen auf uns zukommen, dass wenn jetzt so fortgefahren wird, wir eine Situation in den deutschen Krankenhäusern bekommen, die für die Patienten sehr gefährlich wird."





O-Ton, Prof. Frank Weidner, Direktor, Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung DIP:

"Mithin besteht auch ein gewisses Risiko, dass ist jetzt sicherlich sehr drastisch, ein Risiko, in Notfällen nicht schnell genug versorgt zu werden und gegebenenfalls bei mangelnder Pflegeversorgung auch zu sterben. Im Ernstfall oder im Einzelfall ist das sogar nicht mehr auszuschließen."