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Pressemitteilung, 2.11.2021 REPORT MAINZ-Umfrage: Seit Corona: Dramatischer Anstieg schwerer Fälle bei Lungenkrebs-, Diabetes- und Schmerzpatienten

Die Zahl der schweren Fälle bei Lungenkrebs-, Diabetes- und Schmerzpatienten hat seit Beginn der Corona-Pandemie zugenommen. Darauf deutet eine Umfrage des ARD-Politikmagazins REPORT MAINZ hin. Der Grund sind ausgefallene Arzt- und Krankenhausbesuche aus Angst der Patienten sich mit dem Virus anzustecken.

In einer Umfrage hat das ARD-Politikmagazin REPORT MAINZ die jeweils 20 patientenstärksten Lungenkrebs-, Diabetes- und Schmerzkliniken angeschrieben und deren Antworten ausgewertet.

Im Ergebnis sehen 71 Prozent der Lungenkliniken, die Angaben zu Zahlen machen konnten, eine deutliche Steigerung fortgeschrittener Tumore im Vergleich zur Zeit vor Corona. Gegenüber REPORT MAINZ sprechen die Thorax-Klinik Heidelberg und das evangelische Lungenkrankenhaus in Berlin jeweils von 20 Prozent. Im Marienhaus-Klinikum in Mainz konnten nach Angaben der Klinik vor Corona 41 Prozent der Lungenkrebs-Patienten operiert werden, jetzt sind es laut den Zahlen, die REPORT MAINZ vorliegen, nur noch 25 Prozent. Die Überlebenschance der betroffenen Patienten sei dadurch geringer.

Auch bei Diabetes- und Schmerzkliniken gibt es laut der Umfrage von REPORT MAINZ eine Steigerung schwerer Fälle im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit. Bei Diabetes bestätigen das 50 Prozent der Kliniken, die Angaben machen konnten. Bei Schmerz sind es 44 Prozent der Kliniken, die über eine Schmerzzunahme bei ihren Patienten berichten. Auch wenn die Zahlen nicht repräsentativ sein können, geben sie eine Tendenz wieder.

Chefarzt Peter Hollaus vom Marienhausklinikum Mainz sagte gegenüber REPORT MAINZ: "Es ist für uns schon schmerzhaft, wenn wir auf den Tumor-Konferenzen sitzen und sehen, dass wir keinem Patienten mit unserer Kunst mehr helfen können, weil es zu weit fortgeschritten ist. Das ist schon hart."

Hollaus sieht auch ein politisches Versäumnis: "Die Patienten wurden zuerst in Panik versetzt, dann wurde alles heruntergefahren. Es war für mich konzeptlos alles. Man hätte sicher das Vertrauen der Menschen in ihre Krankenhäuser durch Werbekampagnen stärken müssen."

Auch Thomas Haak, Chefarzt an der Diabetes-Klinik in Bad Mergentheim, ist im Interview mit dem ARD-Politikmagazin besorgt: "Wir hatten noch nie so viele Patienten mit extrem schlechten Laborwerten bei der Aufnahme, wie in dieser Zeit. Wir haben eine deutliche Zunahme an Fußwunden, die lange bestanden haben, die man früher hätte besser behandeln können." Jetzt müsse man bei einigen Patienten sogar die Füße amputieren.

Im vergangenen Jahr sind laut den Zahlen des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung mehr als 20 Millionen Arztbehandlungen ausgefallen, vor allem Hausärzte waren betroffen. Auch in den Krankenhäusern kam es laut dem wissenschaftlichen Institut der AOK zu Ausfällen – zwischen Oktober 2020 und Februar 2021 wurden demnach 20 Prozent weniger Fälle behandelt als im Vorjahreszeitraum, im Frühjahr 2020 betrug das Minus sogar 27 Prozent.

Die Vorsitzende des „Aktionsbündnisses Patientensicherheit e.V.“, Ruth Hecker, sieht die Politik mitverantwortlich für diese Situation, denn viele Patienten hätten aus Angst vor Corona keine Arzt- oder Klinikbesuche mehr gemacht. Aus ihrer Sicht sind das auch Kollateral-Schäden einer falschen Krisenkommunikation im vergangenen Jahr. Gegenüber REPORT MAINZ sagte sie:
"Ich glaube tatsächlich, dass der Bundesgesundheitsminister, auf den ja alle geguckt haben, an dem sich alle orientiert haben, der die Galionsfigur in der Krise war, mehr Verantwortung hätte übernehmen müssen, um Zielgruppen spezifisch zu informieren: Geht wieder in die Krankenhäuser, geht wieder in die Praxen, ruft dort an, guckt euch das an."

Das Bundesgesundheitsministerium erklärt dazu gegenüber REPORT MAINZ, Die Bundesregierung habe stets deutlich gemacht, dass lediglich medizinisch nicht dringliche Operationen verschoben werden sollten. Jens Spahn habe am 30. Mai 2020 an die Bevölkerung appelliert, bei Beschwerden eine Praxis oder ein Krankenhaus aufzusuchen und im Februar 2021 für die Darmkrebsvorsorge geworben. Die Leiterin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung habe zudem wiederholt, etwa im August 2020, auf das Thema hingewiesen, ebenso die Patientenbeauftragte der Bundesregierung. Weiter sagte das Bundesgesundheitsministerium: "Ungeachtet dessen ist darauf hinzuweisen, dass die Entscheidung, was medizinisch-therapeutisch notwendig ist, die behandelnden Ärztinnen und Ärzte treffen, die ihre Patientinnen und Patienten kennen und unter Berücksichtigung der Gesamtumstände die jeweilige Situation am besten beurteilen können".

Als völlig unzureichend kritisiert Ruth Hecker die Kommunikationsstrategie des Bundesgesundheitsministeriums: "So was muss man immer wieder kommunizieren. Wöchentlich, täglich, noch nicht mal wöchentlich, sondern täglich, weil sie erreichen immer nur eine bestimmte Anzahl von Menschen. Und wenn der Minister Sicherheit ausgestrahlt hätte, dann wäre die Sicherheit auch angekommen bei der breiten Bevölkerung", sagte sie gegenüber REPORT MAINZ.