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Verschickungskinder Kinder-Kurheime jahrzehntelang von NS-Akteuren geleitet - Auch ein Kriegsverbrecher betreute jahrelang Kinder

Nach Recherchen des ARD-Politikmagazins REPORT MAINZ sind in Deutschland nach dem Krieg mehrere Kurheime für Kinder von hochrangigen Nationalsozialisten geleitet worden.

Kinder während einer Mahlzeit im Kurheim

Kinder während einer Mahlzeit im Kurheim

Ihnen wurden über Jahre zehntausende Kinder zu sogenannten Erholungskuren anvertraut. In diesen Kuren sollten die Kinder bis in die achtziger Jahre "aufgepäppelt" werden. Doch vielfach wurden sie systematisch gequält und misshandelt. Das ARD-Politikmagazin hat drei Fälle hochrangiger NS-Akteure akribisch recherchiert.

Kriegsverbrecher Werner Scheu

Unter ihnen ist der verurteilte Kriegsverbrecher Werner Scheu. Auf der Nordseeinsel Borkum leitete er jahrelang das Kinderkurheim "Mövennest". In der NS-Zeit war Scheu Mitglied der NSDAP und der Waffen-SS. 1941 war er als Offizier an der Erschießung von 220 litauischen Juden beteiligt. Scheu tötete mehrere von ihnen und wurde deshalb später zu lebenslanger Haft verurteilt. In seinem Heim wurden Kinder drangsaliert und gequält. Eine Betroffene, die in Scheus Heim zur Kur war, erinnert sich im Gespräch mit REPORT MAINZ, zur Strafe in der Nacht stundenlang barfuß auf dem kalten Fußboden gestanden zu haben. Einmal sei sie sogar in die Sauna eingesperrt worden.

SS-Generalmajor Hugo Kraas

In St. Peter Ording führte Hugo Kraas in den 70er-Jahren das Kinderkurheim "Seeschloß". Kraas war einer der ranghöchsten Generäle der Waffen-SS, ebenfalls Mitglied in der NSDAP. Ihm wurden zahlreiche Kriegsorden verliehen. Nach Recherchen von REPORT MAINZ blieb er bis zu seinem Tod ein überzeugter Nazi. So nahm er etwa 1966 an der Beerdigung des SS-Oberst-Gruppenführers Sepp Dietrich teil, einem verurteilten Kriegsverbrecher. Dort präsentierte er sich mit Ritterkreuz und weiteren NS-Orden. Außerdem war Kraas unter anderem Mitglied in der "Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS" (HIAG), die zeitweise vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch bewertet und beobachtet wurde.

"NS-Arzt" Albert Viethen

Im bayerischen Berchtesgaden war Albert Viethen ärztlicher Leiter des Kinderkurheims "Schönsicht". Darüber hinaus arbeitete er in weiteren Kinderkurheimen. In der NS-Zeit war Viethen Mitglied in rund einem Dutzend NS-Organisationen - von der NSDAP über den NS-Ärztebund bis zur SS. Außerdem war er an Euthanasie-Verbrechen beteiligt. Aus seiner Klinik wurden während der Nazi-Zeit rund 20 Kinder in eine Tötungsanstalt überwiesen. Sieben wurden daraufhin dort nachweislich ermordet. Auch im Kinder-Kurheim „Schönsicht“ wurden Kinder gequält, berichten Betroffene im Gespräch mit REPORT MAINZ. 1963 wurde Viethen angeklagt wegen Beihilfe zum Mord. Er kommt davon, weil er von den Mordaktionen nichts gewusst haben will. Historiker werten das als unglaubwürdige Ausrede.

Kinder in Kuren systematisch gequält

Bis in die 80er-Jahre wurden Millionen Kinder in Kuren geschickt. Dort sollten sie sich erholen und aufgepäppelt werden. Inzwischen ist bekannt, dass Kinder während dieser Kuren systematisch gequält und misshandelt wurden. Eine Initiative von Betroffenen fordert, dass die Geschehnisse während der Kuren aufgearbeitet werden. Anja Röhl von der "Initiative Verschickungskinder" sagte REPORT MAINZ, dass man verrohe, wenn man so viel morde wie in der Zeit des Faschismus. "Diese Verrohung schlägt sich auf das Menschenbild nieder und auch auf den Umgang mit Kindern", so Röhl.

Politik verspricht Aufarbeitung

Im Interview mit REPORT MAINZ sicherte der Vorsitzende der Sozialministerkonferenz, Manfred Lucha, zu, die jahrzehntelangen und flächendeckenden Misshandlungen während der Kinderkuren aufzuarbeiten. "Wir blicken da in einige Untiefen, in einige dunkle Löcher", so Lucha. Alles, was während der Kuren schlecht und ungesetzlich gewesen sei, müsse aufgearbeitet werden. Schließlich trage der Staat die Verantwortung für den Schutz der Kinder. "Da darf es kein Staatsversagen geben", so Lucha.

Mehr zu dem Thema: Montag, 10. August, 22:00 Uhr in der Sendereihe "Exclusiv im Ersten"
"Gequält, erniedrigt, drangsaliert. Der Kampf ehemaliger Kurkinder um Aufklärung"