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19.11.2007 Terrorismus: Anklage gegen deutschen Konvertiten Christian Ganczarski in Paris

Laut Anklage war Ganczarski hochrangiger El Kaida-Kader

Telefonat von Ganczarski mit Djerba-Attentäter als Einsatzsignal zum Anschlag bewertet

Mainz. Der Duisburger Konvertit Christian Ganczarski soll ein wichtiger Drahtzieher des Djerba-Attentates 2002 und ein Top-Kader von El Kaida gewesen sein. Das geht aus der über 100-seitigen Anklageschrift französischer Strafverfolger hervor, die REPORT MAINZ exklusiv vorliegt. Der Konvertit ist angeklagt wegen seiner Mittäterschaft in mehreren Mordfällen und Mordversuchen beim Attentat von Djerba, bei dem am 11. April 2002 auf der Ferieninsel 21 Menschen starben, darunter 14 Deutsche und mehrere Franzosen. Des weiteren ist er angeklagt wegen seiner Mitgliedschaft in der terroristischen Vereinigung El Kaida.

Der Berliner Terrorismus-Experte und langjährige El Kaida Beobachter Berndt Georg Thamm, dem REPORT MAINZ die Anklageschrift zur Einschätzung vorgelegt hat, kommt zu dem Schluss: „Das Überraschendste und Beeindruckendste für mich ist, dass mit der Person des Angeklagten Christian Ganczarski ein europäischer Konvertit im Kader der El Kaida eine derart herausragende Rolle inne gehabt hat, die so über Jahre überhaupt nicht bekannt war.“

Außerdem ist es REPORT MAINZ gelungen, ein El Kaida- Video mit bisher unbekannten Aufnahmen von Ganczarski zu beschaffen. Dieses Video gehört zum Beweismaterial der französischen Strafverfolger. Die Bilder, gedreht im Januar 2000 in einem El Kaida-Lager in der Nähe von Kandahar, zeigen Bin Laden unter seinen Gotteskriegern und engsten Vertrauten. Mitten unter ihnen der Deutsche Christian Ganczarski. Laut Anklage war er sogar berechtigt, in der Nähe von Bin Laden Waffen zu tragen. Außerdem waren auf dieser Versammlung u.a. anwesend: Mohammed Atta – Todespilot vom 11. September, Ziad Jarrah – ein weiterer Todespilot vom 11. September sowie Ramzi Binalshibh, der Chefstratege vom 11. September. Demnach stünde fest, dass der Duisburger bereits 20 Monate vor den Anschlägen von New York und Washington zum Top-Kader von El Kaida gehört hätte.

Ebenfalls im Januar 2000, als sich Ganczarski zur gleichen Zeit und im gleichen Lager aufhielt, verlasen die Todespiloten Atta und Jarrah vor der Kamera ihre Testamente. Deshalb sind die französischen Ankläger überzeugt, dass der deutsche Konvertit schon lange vor New York und Washington über die Jahrhundertanschläge Bescheid gewusst hätte. Auch diese Videoaufnahmen liegen REPORT MAINZ vor.

Die französischen Ermittler haben ferner festgestellt, dass der Konvertit Ganczarski und der Djerba-Attentäter Nawar fünfmal zeitgleich in El Kaida-Lagern waren. Für die Ankläger hat des weiteren das Telefongespräch zwischen dem Deutschen und dem Tunesier kurz vor der Tat „operativen Charakter“ und gilt damit als Zustimmung von Ganczarski für den Anschlag. Sogar ein Gutachten der Verteidigung käme zum gleichen Schluss, schreiben die französischen Strafverfolger in der Anklage.

Vor diesem Hintergrund fordert Terrorismusexperte Thamm eine grundsätzliche Neubewertung von Konvertiten im Netzwerk des islamistischen Terrorismus.
Wörtlich sagte er REPORT MAINZ:
„Nach meinem Verständnis und nach meiner Kenntnis ist das zusammengetragene Material eigentlich mehr als wert, die Situation noch einmal neu zu bewerten. Denn es macht sehr deutlich, dass die Rolle von europäischen Konvertiten schon sehr, sehr viel früher, Jahre früher, wir diskutieren sie ja erst seit kurzem, aber das liegt ja ein halbes Jahrzehnt davor eigentlich, dass die sehr viel gravierender war seinerzeit.“

Nach Angaben aus französischen Justizkreisen wird der Prozess gegen Christian Ganczarski und zwei weitere Angeklagte voraussichtlich im Frühjahr 2008 in Paris beginnen. Der Deutsche sitzt seit Juni 2003 in einem französischen Hochsicherheitsgefängnis. Aus Saudi-Arabien kommend war er damals auf dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle verhaftet worden. Deutschen Strafverfolgern war es seinerzeit wegen einer Gesetzeslücke nicht gelungen, Ganczarski zu inhaftieren. Der dafür zuständige Paragraph 129b –Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland – wurde erst später vom Gesetzgeber verabschiedet. Außerdem hatte der Bundesgerichtshof 2003 wiederholt einen Haftbefehl gegen Ganczarski wegen Nichtanzeigen einer Straftat (§ 138 StGB) abgelehnt. Das Telefonat zwischen dem Konvertiten und dem Attentäter werteten die BGH-Richter als zu wenig tatbezogen.

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