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Presseinformation REPORT MAINZ, 16. Juli 2007 Pflegenotstand in deutschen Kliniken

Studie: Patientensicherheit in Gefahr

Hedwig Francois-Kettner, Pflegedirektorin an der Berliner Charité und Mitglied im Präsidium des Deutschen Pflegerates (DPR)

Mainz. An deutschen Krankenhäusern herrschen Missstände im Bereich der Pflege. Das berichtet das ARD Politikmagazin REPORT MAINZ in seiner Ausgabe am 16. Juli. Das Magazin beruft sich dabei insbesondere auf die noch unveröffentlichte, repräsentative Studie „Pflege-Thermometer 2007“ des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung (DIP), in Köln. Danach können frisch Operierte oft nicht angemessen versorgt und Pflegebedürftige nicht mehr ausreichend betreut werden. Die Patientensicherheit sei langfristig nicht mehr gewährleistet.

Prof. Frank Weidner, der Direktor des DIP erklärt in REPORT MAINZ, es bestehe ein Risiko, „in Notfällen nicht schnell genug versorgt zu werden und gegebenenfalls bei mangelnder Pflegeversorgung auch zu sterben, im Ernstfall oder im Einzelfall ist das sogar nicht mehr auszuschließen.“

Die Studie wertet die Angaben von 260 Pflegedirektionen deutscher Krankenhäuser aus. Das „Pflege-Thermometer“ untersucht jedes Jahr einen anderen Bereich der Pflege.

Die Pflegewissenschaftlerin Prof. Sabine Bartholomeyczik bestätigt diese Aussage. In eigenen Untersuchungen hat sie einen „Rückgang der direkten Pflege“ an den deutschen Kliniken festgestellt.


Hedwig Francois-Kettner, Pflegedirektorin an der Berliner Charité und Mitglied im Präsidium des Deutschen Pflegerates (DPR) befürchtet eine Entwicklung „die für die Patienten sehr gefährlich wird.“


Ursache sei vor allem der Personalabbau im Pflegedienst der Krankenhäuser von 429.183 Beschäftigten im Jahr 1995 auf 393.186 Stellen im Jahr 2005. Das ist ein Rückgang um 13,5 Prozent der Stellen.


Gleichzeitig – so das DIP – habe die Zahl der Patienten zugenommen. Diese seien im Durchschnitt älter und pflegebedürftiger geworden, so dass die Arbeitsbelastung für die Krankenschwestern gestiegen sei.


Beide Wissenschaftler sprechen von einer „Rationierung der Pflege im Krankenhaus“. Bundesregierung und Krankenhausbetreiber bestreiten unterdessen eine Rationierung der Krankenpflege.


Im europäischen Vergleich liegt Deutschland nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) beim Quotient Pflegekraft in der Akutversorgung pro Bett im Mittelfeld. (Deutschland 2004: 0,75). In Großbritannien (1,80), Irland (1,50) und Portugal (0,87) beispielsweise ist der Schlüssel wesentlich günstiger.


Ein weiterer Grund für die Misere sei, eine unzureichende Finanzierung der Pflegeleistungen durch die Fallpauschalen (DRGs) im Krankenhaus. Prof. Sabine Bartholomeyczik wörtlich: „Die Pflege ist im DRG-System bisher völlig unzureichend, wenn überhaupt abgebildet.“ Zeitaufwändige Pflegeleistungen wie Hilfe beim Essen oder Trinken seien somit praktisch nicht finanzierbar.


Das Bundesgesundheitsministerium sieht die Krankenhäuser in der Pflicht, die Pflege in den Kliniken zu verbessern. Klaus Theo Schröder, Staatssekretär im Ministerium wörtlich: „Die Krankenhäuser sind verantwortlich für ihren Personaleinsatz, (...) damit die Patientinnen und Patienten ordentlich gepflegt werden.“


Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der DKG beklagt in REPORT MAINZ eine Einsparung von 700 Millionen Euro in den deutschen Kliniken in diesem Jahr aufgrund der Gesundheitsreform: „Das zwingt die Krankenhäuser zu rationalisieren, Anpassungen in den Betriebsabläufen vorzunehmen und das führt natürlich dann auch in der Pflege im Ergebnis zu weniger Zuwendung am Krankenbett.“

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