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SENDETERMIN Di, 5.7.2022 | 21:49 Uhr | Das Erste

Personalmangel nach Corona Harte Arbeitsbedingungen für Hotelkräfte

Nach mehr als zwei Jahren Corona-Pandemie herrscht in der Tourismusbranche vielerorts Personalmangel. Das kann zu prekären Arbeitsbedingungen führen.

Der Beginn unserer Recherche. Wir sind auf Kreta. Tausende Deutsche fliegen jedes Jahr hier her, das Logo des größten deutschen Reiseveranstalters TUI ist an manchen Orten präsenter als die griechische Flagge.

Schlechte Arbeitsbedingungen in einigen Hotels?

Wir haben einen Hinweis bekommen über angeblich schlechte Arbeitsbedingungen in Luxushotels. Von ihr, einem Zimmermädchen, das anonym bleiben will, schwere Vorwürfe erhebt.

Zimmermädchen (Stimme nachgesprochen):
"Ich arbeite seit fast drei Wochen am Stück. Ich bin erschöpft. Manchmal habe ich Kopfschmerzen, Rückenschmerzen. Das geht uns allen so. Viele sind psychisch am Ende. Und man kann unsere Müdigkeit in unseren Augen sehen."

Unser Eindruck: Da sitzt eine Frau am Rande ihrer Kraft. Wir haben ihren Arbeitsvertrag gesehen - aber nennen sollen wir ihr Hotel auf keinen Fall. Zu groß sei die Sorge vor Konsequenzen.

Zimmermädchen (Stimme nachgesprochen):
"Ich habe Angst, dass ich gefeuert werde. Die bestimmen mein Leben, es gibt keine Freiheit. Wir leben nur noch, um zu arbeiten."

Ein Leben ohne Freiheit, sagt sie, für die Entspannung der Urlauber - und den Geldbeutel der Hoteliers.

Urlaubsgeschäft nach Corona-Pandemie boomt

Das Geschäft mit dem Urlaub boomt. Endlich wieder, nach mehr als zwei Jahren Pandemie. Doch ausgerechnet jetzt fehlt es vielerorts an Personal. Und das sei genau der Grund für die Überlastung vieler Mitarbeiter, sagt Antje Monshausen von der Arbeitsstelle Tourism Watch bei Brot für die Welt. Sie befasst sich unter anderem mit den sozialen Folgen des Tourismus.

Antje Monshausen

Antje Monshausen

Antje Monshausen, Tourism Watch:
"Meine Befürchtung ist, dass in diesem Sommer, um alles nachzuholen, wirklich auf Verschleiß gefahren wird und dass da ebenso ein großer Druck auch auf die Arbeiterinnen und Arbeiter ausgelöst wird, dass das tatsächlich ausbeuterische Arbeitsbedingungen sind."

Aber wie schlimm ist es wirklich? In diesem Film wollen wir uns mit der Kehrseite des Urlaubsbooms beschäftigen - in Deutschland und auf Kreta, wo hohe Standards für den Arbeitsschutz existieren. Denn seit kurzem gibt es hier einen neuen Tarifvertrag. Mit klaren Regeln, nicht nur für die Gehälter, sondern auch die Arbeitstage. Der Vertrag sieht mindestens einen Ruhetag pro Woche vor. Also alles in Ordnung auf Kreta? Das wollen wir herausfinden.

Wir geben uns als Zimmermädchen auf Jobsuche aus. Schnell bekommen wir ein konkretes Angebot.

Reporter (schriftlich nachgestellt):
"Und wieviel Geld bekomme ich?"

Antwort (schriftlich nachgestellt):
"900 Euro."

Reporter (schriftlich nachgestellt):
"Und freie Tage?"

Antwort (schriftlich nachgestellt):
"Zwei freie Tage."

Reporter (schriftlich nachgestellt):
"In der Woche?"

Antwort (schriftlich nachgestellt):
"Nein, im Monat."

Weniger als 1.000 Euro, für 8 Stunden, bis zu 29 Tage im Monat - Betten wälzen.

Und es geht noch weiter. Mehrere Tage waren wir auf Kreta, haben mit Mitarbeiterinnen aus unterschiedlichen Hotels gesprochen, einige gehen sogar vor die Kamera, aber anonym. Der Vorwurf hier: viel zu viel Arbeit am Stück, weniger Lohn als zugesagt, gesundheitliche Folgen.

Mitarbeiterin (Stimme nachgesprochen):
"Ich habe Kopfschmerzen, Nasenbluten. Gestern Abend war es so schlimm, ich kam nach Hause und habe geweint."

Mitarbeiterin (Stimme nachgesprochen):
"Letzten Monat musste ich 16 Tage am Stück ran. Ich weiß nicht, wie ich das bis zum Ende der Saison aushalten soll."

Hotels weisen Vorwürfe zurück

Uns gegenüber weisen alle Hotels die Vorwürfe zurück, betonen, sich an geltende Regeln zu halten, das werde überprüft. Unsere Recherche bezeichnen sie als bösartig, in einem Fall sogar als Angriff auf die griechische Demokratie.

Nach und nach trudeln sogar mehrere Anwaltsschreiben ein, man droht uns mit dem Staatsanwalt. Bei so viel Gegenwind: kaum verwunderlich, warum ein einfaches Zimmermädchen nicht offen sprechen will.

Hotelgewerkschaft kritisiert Arbeitsbedingungen

Wir treffen Vaggelis Sofiou von der örtlichen Hotelgewerkschaft. Er erzählt, man versuche schon seit Jahren, die Angestellten zu motivieren, über die schlechten Bedingungen offen zu sprechen. Mit mäßigem Erfolg - zu groß sei die Angst.

Vaggelis Sofiou

Vaggelis Sofiou

Vaggelis Sofiou, Verband der Hotelangestellten:
"Ich denke, es ist die allgemeine Einstellung der Arbeitgeber, dass sie den Spielraum haben, zu tun, was sie denken - die Arbeiter nach Belieben einzusetzen und zu nutzen. Für uns ist es Ausbeutung, es ist unmenschlich."

Wir haben Hinweise zu einem weiteren Hotel, wo der Tarifvertrag angeblich auch nicht eingehalten wird. Der Vorwurf: tagelange Arbeit am Stück. Der Hotelier gibt uns ein Interview. Zunächst streitet er alles ab, doch nach ein paar Minuten:

Reporter:
"Aber es könnte sein, dass es passiert ist?"

Hotelier (Stimme nachgesprochen):
"Es könnte sein."

Reporter:
"Wenn es passiert ist, ist es aber nicht in Ordnung?"

Hotelier (Stimme nachgesprochen):
"Nein. […] Es gibt ab und zu Fälle mit Corona, dass Leute fehlen und dass… Arbeit muss gemacht werden."

Reporter:
"Und dann muss auch der Tarifvertrag halt mal hintenanstehen - aus Ihrer Sicht?"

Hotelier (Stimme nachgesprochen):
"Eigentlich ja."

Doch wie oft kommt es vor? Dazu sagt er uns im Gespräch nichts.

Tage später bekommen wir das Foto eines Dienstplans. Zum Schutz unserer Quelle machen wir den Plan unkenntlich. Wenn der Dienstplan stimmt, müssten in diesem Monat zahlreiche Mitarbeiterinnen mehr als 12, 15, 18 Tage am Stück arbeiten. Das Hotel bestreitet das und betont, dass man sich an den Tarifvertrag halte, inklusive wöchentlicher Ruhepause.

Wir fassen das nochmal zusammen: Wir haben Belege und Aussagen von Mitarbeiterinnen, die über dramatisch schlechte Arbeitsbedingungen sprechen, vorwerfen, dass der Urlaubsboom auf ihrem Rücken ausgetragen werde - in Griechenland, aber auch in Deutschland hören wir ähnliches.

Schlechte Arbeitsbedingungen für ukrainische Flüchtlinge?

Zum Beispiel von Katya. Sie kam mit großen Hoffnungen aus der Ukraine nach Deutschland, wollte hier viel Geld verdienen - Hilfe für ihren krebskranken Schwiegervater.

Katya

Katya

Katya, Arbeitnehmerin:
"Ich dachte, ich könnte etwas Geld nach Hause schicken und auch die Schulden zurückzahlen. Natürlich hatte ich nicht erwartet, dass Menschen so behandelt werden, dass Menschen betrogen werden."

Als Zimmermädchen in einem Hotel habe sie gearbeitet - mit dem Versprechen: 10,50 Euro Stundenlohn. Doch dann, angekommen, sei davon keine Rede mehr gewesen. Jetzt sollte sie pro Zimmer bezahlt werden: 3,50 Euro.

Katya, Arbeitnehmerin:
"Wenn du diese drei Zimmer in der Stunde nicht schaffst, wirst du weniger bezahlt, wird dein Lohn niedrig sein. Wir mussten schnell arbeiten und kamen sehr müde nach Hause."

Eine Bezahlung abhängig von den gereinigten Zimmern ist in Deutschland verboten. Denn in der Branche gilt ein Mindestlohn von 11,55 Euro pro Stunde.

Und Katya sei nicht die einzige - berichtet uns unter anderem Katarzyna Zentner von der Beratungsstelle "Arbeit und Leben". Sie betreue drei Ukrainerinnen, die in diesem Hotel unter solchen Bedingungen gearbeitet hätten, sagt sie.

Katarzyna Zentner

Katarzyna Zentner

Katarzyna Zentner, DGB-Beratungsstelle "Arbeit und Leben":
"Die Frauen haben auch erzählt: Wenn sie mehr Zimmer pro Stunde hatten und haben das aufgeschrieben, wurden die Zimmer gestrichen, so, dass man gerade knapp unter Mindestlohn kommt. Das heißt, es war beabsichtigt, dass die Frauen so wenig Geld wie möglich bekommen, wenn überhaupt."

Am Ende sei es noch schlimmer gekommen, sie sei sogar fast um den gesamten Lohn geprellt worden. Denn sie habe insgesamt gerade mal 375 Euro bekommen - in bar. Für einen Monat Arbeit. Uns gegenüber zeigt sich das Hotel von den Vorwürfen betroffen. Die Zimmermädchen aber hätten für einen Subunternehmer gearbeitet. Jetzt wolle man dem nachgehen. Die Zusammenarbeit sei bis zur Klärung der Vorwürfe eingestellt.

Im Mai machten ähnliche Fälle Schlagzeilen: Ukrainer, die ohne Vertrag und unter Mindestlohn gearbeitet haben sollen - über einen Subunternehmer. Inzwischen wurden sie von den betreffenden Hotels direkt angestellt.

Gewerkschaften sehen Verantwortung bei Auftraggebern

Sebastian Riesner von der Hotelgewerkschaft NGG nimmt grundsätzlich die Auftraggeber in die Pflicht:

Sebastian Riesner

Sebastian Riesner

Sebastian Riesner, Gewerkschaft NGG:
"Also die Ausrede 'Wir haben nichts davon gewusst' ist eine typische Ausrede. Die ist aber nicht zu akzeptieren, weil natürlich der Auftraggeber kontrollieren muss, das gehört zu seinen Aufgaben, dass auch die Subunternehmen, die bei ihm beschäftigt werden, anständige Arbeitsbedingungen haben."

Zurück zu unserer Recherche auf Kreta, wo wir Hinweise und Belege zu schlechten Arbeitsbedingungen haben - auch zu Hotels, in die auch der größte deutsche Reiseveranstalter TUI seine Touristen schickt. Daraus erwachse eine Verantwortung, sagt Sonja Austermühle. Die Verdi-Gewerkschaftssekretärin sitzt bei TUI im Aufsichtsrat.

Sonja Austermühle

Sonja Austermühle

Sonja Austermühle, Verdi:
"Dass ein deutsches Unternehmen, was mit Vertragspartnern im Ausland arbeitet und vor allem wenn es sich soziale Nachhaltigkeit auf die Fahne schreibt, auch gucken muss, dass die soziale Nachhaltigkeit in den Ländern, in denen sie Vertragspartner haben, auch eingehalten wird. Und da sehen wir Unternehmen wie TUI in der Pflicht, das zu kontrollieren."

TUI erklärt uns gegenüber, den Vorwürfen nachgehen zu wollen. Die Prüfung sei aber noch nicht abgeschlossen. Ähnlich antworten uns andere Reiseveranstalter. Ob sich dadurch für die Mitarbeiterinnen am Ende tatsächlich etwas ändert? Ungewiss.

aus der Sendung vom

Di, 5.7.2022 | 21:49 Uhr

Das Erste

Autoren:
David Meiländer, Philipp Reichert, Aleksandra van de Pol

Kamera:
Carlo Bonsen, Matthias Bossek, David Meiländer, Philipp Reichert, Alexander Rott, Harald Schlund

Schnitt:
Fabian Winkelmann