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SENDETERMIN Di, 24.1.2023 | 21:50 Uhr | Das Erste

Personal fehlt Fachkräftemangel - Unternehmen und Politik unter Druck

Azubis aus Indien, ein Bäcker, der nicht mehr nachts backt oder Pflegekräfte aus dem Kosovo: Viele Unternehmen haben kreative Ideen, um ihre offenen Stellen zu besetzen. Gute Ideen, doch trotzdem explodiert deutschlandweit der Fachkräftemangel. Seit Jahrzehnten verspricht die Politik, ihn zu bekämpfen - bisher ohne Erfolg.

Drita Schneider, Pflegeservice Schneider:
"Hallo Hyra, wie geht es Dir?"

Pflegekraft aus dem Kosovo:
"Mir geht es gut."

Drita Schneider am Telefon mit zwei in Deutschland heißbegehrten Personen: Pflegekräften. Hyra und Marigona leben im Kosovo. Mit ihrer Ausbildung könnten sie helfen, eine in Deutschland große Lücke zu schließen: die Fachkräftelücke. Das aber ist alles andere als einfach:

Drita Schneider

Drita Schneider

Drita Schneider, Pflegeservice Schneider:
"Wir versuchen seit über zwei Jahren, diese Pflegekräfte aus dem Kosovo nach Bayern zu bekommen. Und tatsächlich, es scheitert an der Botschaft. Die beiden Frauen haben bis heute weder einen Bescheid von der Botschaft noch einen Termin vor Ort erhalten."

Die Ausbildungen sind anerkannt, die Arbeitsverträge ausgestellt - doch ohne Visum geht nichts.

Drita Schneider, Pflegeservice Schneider:
"Ich bin tatsächlich richtig wütend, weil ich es einfach absolut nicht verstehen kann. Wir hätten die Möglichkeit, an Pflegekräfte zu kommen. Und am Schluss funktioniert es dann doch nicht. Unvorstellbar."

84 Angestellte hat der Pflegedienst Schneider und längst nicht alle Stellen sind besetzt.

Drita Schneider, Pflegeservice Schneider:
"Dienstplan zu erstellen ist momentan so eine richtige Herausforderung, wenn nicht sogar ein Horrorszenario."

Und auf Stellenanzeigen bekommen sie fast keine Resonanz. Ohne Pflegekräfte aus dem Ausland geht es nicht mehr. Und für die tut Drita Schneider viel, hat sogar ihren Landrat alarmiert:

Drita Schneider, Pflegeservice Schneider:
"Hallo Herr Eder."

Was hält er von dem Fall?

Alex Eder

Alex Eder

Alex Eder, Landrat Unterallgäu:
"Natürlich ist es unheimlich schwierig, wenn wir vor Ort in einer Situation sind, in der wir merken, uns steht das Wasser bis zum Hals, aber da kann man auf örtlicher Ebene auch nichts anderes machen, als nach oben zu rufen und darauf hinzuweisen und Briefe zu schreiben."

Und so schreibt er einen Brief an Außenministerin Baerbock - und fragt, woran es denn hängt. Doch dazu später mehr.

Fachkräftemangel seit Jahrzehnten auf der politischen Agenda

Deutschlandweit suchen Unternehmen verzweifelt Mitarbeiter - und zwar in nahezu allen Branchen: 2010 waren es noch 57.000 Stellen, für die es keine Bewerber gab. Inzwischen sind es rund zehnmal so viele: 538.000 nicht besetzbare Stellen. Eine riesige Fachkräftelücke.

Dabei sollte das Fachkräfteproblem eigentlich gar keines mehr sein. Denn die Politik hat es seit Jahrzehnten auf dem Schirm:

Olaf Scholz, SPD, 2008:
"Wenn immer weniger junge Arbeitnehmer nachrücken und viele Ältere irgendwann dann in Rente gehen, dann werden wir ein ganz massives Fachkräfteproblem bekommen."

Ursula von der Leyen, CDU, 2013:
"Die Nachfrage nach Fachkräften ist sehr hoch."

Andrea Nahles, ehem. Bundesministerin für Arbeit und Soziales, 2017:
"Wir haben heute eine andere Arbeitsmarktsituation, wo Fachkräftemangel der entscheidende Problempunkt wird."

Hubertus Heil, SPD, 2019:
"Fachkräftemangel ist tatsächlich in vielen Bereichen der Wirtschaft jetzt schon eine Wachstumsbremse."

Wirtschaftswissenschaftler Marcel Fratzscher kritisiert, die Politik habe die Zeit nicht gut genutzt:

Prof. Marcel Fratzscher, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung:
"Die Politik hat das Thema Fachkräfte sehr wohl auf dem Schirm gehabt, aber hat nicht den politischen Willen gehabt, die notwendigen Veränderungen zu machen. Und dann ist die logische Konsequenz, dass das Problem nicht nur nicht besser wird, sondern sich weiter verschlimmert."

300 unbezahlte Arbeitsstunden in das Projekt "Azubis aus Indien" investiert

Die Folgen: Weil sie kein Personal mehr finden, müssen selbst viele traditionsreiche Unternehmen sagen: Das war's. Um nicht wie dieser Metzger zu enden, ist Metzgerinnungsmeister Joggi Lederer aus Weil am Rhein auf der Suche nach Azubis einmal um die halbe Welt gereist: nach Indien.

Joggi Lederer

Joggi Lederer

Joggi Lederer, Metzgermeister:
"Ich habe parallel meine Betriebe sofort abtelefoniert: Wer hat Bedarf nach jungen indischen… Die haben alle zurückrufen: Was soll das? Indische? Bist du jetzt ganz verrückt? Das ist ja wahnsinnig. Das gab es ja noch gar nicht. Ich sage: Ja, genau deswegen machen wir das. Wir sind die ersten in Deutschland."

In seiner Metzgerei arbeiten seit fünf Monaten Anakha und Latif, die gerade 800 Canapés vorbereiten. Insgesamt hat Joggi Lederer 13 junge Menschen aus Indien für die Fleischerinnung nach Baden-Württemberg geholt. Und es klappt gut:

Joggi Lederer, Metzgermeister:
"Weltklasse. Ich bin so stolz, dass ich die zwei habe. Und sie sind stolz, dass sie hier sein dürfen. Sie strahlen jeden Morgen."

Deutsch haben die beiden bereits in Indien gelernt und sich so schnell im Südbadischen eingelebt.

Anakha Mariya Shaji

Anakha Mariya Shaji

Anakha Mariya Shaji, Auszubildende:
"Ich mag gerne Dekorieren und Fingerfood machen. Das gefällt mir. Ich finde, das ist eine gute Möglichkeit für meine Zukunft."

Knapp zwei Jahre und 300 unbezahlte Arbeitsstunden hat der Obermeister in das Projekt investiert. Und trotzdem: Ohne massive Hilfe von der Handwerkskammer hätte es nicht funktioniert.

Handirk von Ungern-Sternberg

Handirk von Ungern-Sternberg

Handirk von Ungern-Sternberg, Handwerkskammer Freiburg:
"In der Praxis ist enorm aufwendig, langwierig und komplex. Insofern ist es schwierig für kleine und mittlere Betriebe, überhaupt im Ausland auf die Suche zu gehen nach Arbeitskräften, nach Fachkräften."

Die Politik macht es offenbar gerade Mittelständlern zu kompliziert, Fachkräfte aus dem Ausland zu holen.

Geflüchteten Frauen den Weg in den Arbeitsmarkt ebnen

Deshalb hat Raphael Karrasch aus Essen sich auf Möglichkeiten im Inland konzentriert. Mit seinem Projekt Joblinge arbeitet er seit Jahren daran, Geflüchtete in Ausbildung zu bringen - Frauen sind nur selten dabei.

Raphael Karrasch

Raphael Karrasch

Raphael Karrasch, Projektleiter Joblinge:
"Ich glaube, da fehlt noch ganz viel. Sich zutrauen, aber auch eben in den Unternehmen, es den jungen Frauen zuzutrauen."

Sie hat es sich zugetraut: Maria Samouel hat nach ihrer Flucht aus Syrien 2015 gerade eine Ausbildung zur Immobilienkauffrau absolviert. Erst durch das Projekt wurde Maria klar, dass sie als Frau in Deutschland jeden Beruf ergreifen kann.

Maria Samouel

Maria Samouel

Maria Samouel, Immobilienkauffrau:
"Man muss das auch erst mal wissen und noch mal das Ganze kennen lernen. Ich habe hier andere Rechte, andere Chancen. Ich kann hier also vieles machen."

Erreichen wollen sie die Frauen auch über eine Social-Media-Kampagne. Denn Marias Erfolgsgeschichte hat absoluten Seltenheitswert: Gerade mal acht Prozent der geflüchteten Frauen haben Arbeit. Doch das Frauen-Projekt ist auf Unterstützung der Politik angewiesen.

Raphael Karrasch, Projektleiter Joblinge:
"Das Projekt, das wir jetzt aufgesetzt haben, endet am 30.6. in diesem Jahr. Mal schauen, was danach wird."

Dabei könnten geflüchtete Frauen helfen, den Fachkräftemangel zu reduzieren - auch für Handwerksbetriebe wie Bäckereien. Die suchen verzweifelt Personal. Flyer allein reichen da schon lange nicht mehr.

Weg von der Nachtarbeit - ein Erfolgsmodell

Bäckermeister Wolter geht neue Wege, um für Mitarbeiter attraktiver zu sein. Seine Bäcker fangen erst um sechs Uhr an zu arbeiten. Dabei ist Nachtarbeit in der Branche ein nahezu unumstößlicher Standard.

Matthias Wolter

Matthias Wolter

Matthias Wolter, Bäckermeister:
"Ich habe viele Jahre, 20, 30 Jahre, nachts gebacken. Immer dann, wenn die anderen wach sind, schläft man. Also ich möchte es nie mehr machen in meinem Leben."

Frische Brötchen am Morgen gibt es für die Kundschaft trotzdem, denn der Teig wurde schon am Vortag vorbereitet. Er hat die Nacht bei vier Grad im Kühlschrank verbracht.

Matthias Wolter, Bäckermeister:
"Während die Teige langsam hergehen und Geschmacksstoffe entwickeln, können die Bäcker noch gut schlafen und ruhen."

Die Semmeln kommen jetzt in den Ofen und füllen ab sieben Uhr seine Verkaufsauslagen. Und auch in Sachen Mitarbeiter geht sein Konzept auf. Alan hat seine alte Stelle wegen der Nachtarbeit gekündigt und sich gezielt hier beworben.

Alan Nori

Alan Nori

Alan Nori, Bäcker:
"Für Jugendliche ist ein bisschen doof, dass man früher ins Bett geht und alle anderen Freundinnen feiern gehen. Und da sage ich: Ja, ich muss um 20 Uhr ins Bett gehen."

Mit seinem Konzept hat Matthias Wolter keine Probleme, Mitarbeiter zu finden:

Matthias Wolter, Bäckermeister:
"Ich habe jetzt seit zehn Jahren den Betrieb. Ich habe noch nie eine Stellenanzeige schreiben müssen. Es ist wirklich: Das Personal kommt auf mich zu."

Gute Ideen - doch trotzdem explodiert deutschlandweit der Fachkräftemangel geradezu. Fast zwei Millionen Stellen sind offen - mit dramatischen Folgen:

Prof. Marcel Fratzscher, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung:
"Der Fachkräftemangel ist eine existenzielle Bedrohung für die deutsche Wirtschaftsstruktur und damit viel des Wohlstands, den wir in Deutschland in den letzten 70 Jahren erarbeitet haben."

Es geht also um mehr als ein paar Unternehmenspleiten. Unser Wohlstand steht auf dem Spiel.

Und was tut die Politik dagegen? In jedem Koalitionsvertrag seit beinahe 20 Jahren tauchen wohlklingende Begriffe auf: "Fachkräfteoffensive", "Partnerschaft für Fachkräfte" oder "Fachkräftestrategie". Auch diese Bundesregierung hat im Herbst mal wieder ein neues Fachkräftekonzept vorgestellt. Arbeitsminister Hubertus Heil glaubt diesmal fest an den Erfolg:

Hubertus Heil

Hubertus Heil

Hubertus Heil, SPD, Bundesarbeitsminister (20.1.2023):
"Technologien, Talente und Toleranz: Mit diesem Motto gehen wir ans Werk, um dafür zu sorgen, dass der Wohlstand und die Wettbewerbsfähigkeit unserer Volkswirtschaft durch Fachkräftesicherung in den nächsten Jahren gelingt."

Marcel Fratzscher

Marcel Fratzscher

Prof. Marcel Fratzscher, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung:
"Ich glaube nicht, dass es der Bundesregierung gelingen wird, mit einer neuen Fachkräftestrategie das Problem substanziell zu verbessern. Viele in der Politik wollen keine Zuwanderung von außerhalb Europas. Und das muss man so offen und ehrlich ansprechen. Das Gleiche gilt bei der Frauenerwerbstätigkeit: Die Hürden für Frauen im Arbeitsmarkt sind nach wie vor enorm hoch."

Auch Drita Schneider wird noch länger auf ihre Pflegekräfte verzichten müssen. Das Auswärtige Amt hat auf den Hilferuf des Landrats reagiert. Die Begründung, warum die Arbeitsvisa auf sich warten lassen: Der Botschaft fehle es an Personal.

aus der Sendung vom

Di, 24.1.2023 | 21:50 Uhr

Das Erste

Autorinnen:
Manuela Dursun, Claudia Kaffanke

Kamera:
Martin Egle, Andreas Kerle, André Schmidtke, Jens Thering von der Osten

Schnitt:
Michael Schwarzer