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Text des Beitrags | Pensionskassen in Not Wie der Niedrigzins unsere Altersvorsorge gefährdet

Bericht:

Die Niedrigzinsphase macht es schwierig fürs Alter vorzusorgen: ein Geldregen bleibt da aus.

Die Niedrigzinsphase macht es schwierig fürs Alter vorzusorgen: der Geldsegen bleibt da aus.

Sie haben zusätzlich für ihr Alter vorgesorgt, Jahrzehnte lang in eine Pensionskasse eingezahlt. Jetzt ist diese in Finanznot. Und ihre Rente - drastisch gekürzt.


O-Ton:

"Das ist bitter. Also in meinem persönlichen Fall sprechen wir von ca. 300 Euro monatlich, die ich weniger bekommen würde."


O-Ton:

"Das ist ein Unding und eine Katastrophe und reißt mir den Boden unter den Füßen weg. Ich weiß gar nicht, da fällt einem einfach nichts dazu ein. Das darf nicht wahr sein! Da denkt man, das gibt's doch nicht!"

Moderation Fritz Frey:

Gibt's doch. Guten Abend zu REPORT, live aus Mainz. Schön, dass Sie dabei sind.

Unsere beiden Gesprächspartner sind einigermaßen ratlos. Da hatten sie auf die Appelle der Politik gehört und, weil die gesetzliche Rente wohl eher mager ausfallen wird, zusätzlich in private Altersvorsorge investiert. Aber genau die wackelt jetzt.

Warum das so ist und was das mit den Niedrigzinsen der Banken zu tun hat, Claudia Butter, Donna Doerbeck und Marius Meyer haben es recherchiert.

Bericht:

Sophie Demerling ist Kindergärtnerin.


Sophie Demerling

Sophie Demerling

O-Ton, Sophie Demmerling, Erzieherin:

"Tom, du hast zwei große Stücke. Wer kann dem Tom denn mal helfen?"


Seit fast 25 Jahren arbeitet sie in diesem Kindergarten. Ihre gesetzliche Rente wird gering sein. Deshalb hat sie zusätzlich fürs Alter vorgesorgt, ist in einer Pensionskasse versichert. Doch vor wenigen Wochen der Schock: Sie bekommt ein Schreiben ihrer Kasse. Nicht nur sie, sondern auch ihre Kollegin Kerstin Mersch.


O-Ton, Kerstin Mersch, Erzieherin:

"Da fehlen mir auch wirklich die Worte."


Darin steht: Die Niedrigzinsphase sei falsch eingeschätzt worden. Heißt im Klartext: Die Pensionskasse ist in höchster Finanznot. Deshalb werden die Renten der Erzieherinnen gekürzt. Und zwar um rund ein Viertel:


O-Ton, Sophie Demerling, Kindergarten Rappelkiste Attendorn:

"Hier ist mir was versprochen worden, wo ich mich immer drauf verlassen habe, was auf einmal nicht eingehalten wird. Und das finde ich, also eigentlich ist es fast… ich bin eigentlich erschüttert darüber, dass es das gibt."


Kerstin Mersch

Kerstin Mersch

O-Ton, Kerstin Mersch, Kindergarten Rappelkiste Attendorn:

"Also in meinem persönlichen Fall sprechen wir von ca. 300 Euro monatlich. Das trifft mich persönlich natürlich. Weil wir bei 300 Euro nicht von einer kleinen Summe sprechen."


Weil es sich um eine Betriebsrente handelt, muss ihr Arbeitgeber für die Kürzungen der Pensionskasse einspringen. Das steht im Gesetz. Das Problem ist nur: Ihr Arbeitgeber ist ein kleiner Elternverein.

Krisensitzung mit dem ehrenamtlichen Vorstand:


O-Ton:

"Man sieht, irgendwann wird es immer mehr an Renteneintritten."


25 Mitarbeiter seien von den Kürzungen betroffen, sagen sie. Nach ihren eigenen Berechnungen müsste der Kindergarten mit 200.000 Euro einspringen - allein in den nächsten zehn Jahren.


Marcel Hupertz

Marcel Hupertz

O-Ton, Marcel Hupertz, Elternverein Attendorn-Schwalbenohl e.V.:

"Klar müssen wir es. Wir können es aber nicht. Wir können es ganz einfach nicht. Wenn wir für alle Mitarbeiter einspringen würden, würde es irgendwann heißen im Laufe der Jahre, dass wir zahlungsunfähig sind und der Kindergarten irgendwann schließen müsste."


Für Sophie Demerling und Kerstin Mersch ist das doppelt bitter: Sie haben den Kindergarten mit aufgebaut - jetzt droht er an ihrer Altersversorgung zu zerbrechen. Und: Wer dann für ihre Rentenzahlung einspringt, ist offen. Dabei haben sie genau das gemacht, was die Politik seit Jahren betont: Zusätzlich zur gesetzlichen Rente vorsorgen.


O-Ton, Angela Merkel, CDU:

"Also ich würde raten: eine private Versicherung."


O-Ton, Hubertus Heil, SPD:

"Neben der privaten und der betrieblichen, die ergänzend kommen sollen."


O-Ton, Christian Lindner, FDP:

"Die private Vorsorge ist notwendig."


Auch er hat sich an solche Ratschläge gehalten. Jetzt fühlt er sich von der Politik allein gelassen. Der Psychotherapeut Joachim Stengel. Als Selbständiger hat er sich freiwillig in derselben Pensionskasse versichert und privat vorgesorgt. Nun allerdings hat auch er Post bekommen:


Joachim Stengel

Joachim Stengel

O-Ton, Joachim Stengel, Psychotherapeut:

"Ich mache das Schreiben auf. Und plötzlich ist die Rente um 32,8 Prozent gekürzt. Es ist einfach eine Katastrophe. Ich weiß gar nicht, wie man damit umgehen soll."


Frage: Wieviel Euro weniger sind das im Monat?


O-Ton, Joachim Stengel, Psychotherapeut:

"Das sind bei mir fast 400 Euro weniger."


Joachim Stengel ist 67 Jahre alt, wollte sich jetzt zur Ruhe setzen. Aber als Selbständiger gibt es für ihn niemanden, der die Kürzungen der Pensionskasse auffängt.


O-Ton, Joachim Stengel, Psychotherapeut:

"Von der gesetzlichen Rente da kriege ich vielleicht 300 Euro. Da ist nicht so viel zu erwarten, bei mir. Also habe ich natürlich eine Zusatzrente aufgebaut. Auch um mich zusätzlich abzusichern und die Rentenlücke, die entsteht, für mich zumindest zu stopfen. Aber in diesem Fall war das wohl ein Griff ins Klo."


An Ruhestand ist für ihn deshalb trotz seines Alters nicht zu denken, sagt er - obwohl er jahrzehntelang vorgesorgt hat.

Rund 25.000 Versicherte sind von den gekürzten Renten bei der "Pensionskasse der Caritas" betroffen. Auf unsere Nachfrage heißt es schriftlich: Die Kasse habe "die lang anhaltende Niedrigzinsphase (…) in ihren Berechnungen zu wenig berücksichtigt". Zudem habe sie weitere "Fehler gemacht".


Doch nicht nur bei der Pensionskasse der Caritas ist die zusätzliche Altersvorsorge in Gefahr. Die Finanzaufsicht BaFin. Frank Grund ist hier für Pensionskassen zuständig. Aktuell habe die Behörde 31 Kassen unter intensivierter Aufsicht. Das soll verhindern, dass es zu Leistungskürzungen kommt:


Frank Grund

Frank Grund

O-Ton, Frank Grund, Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht:

"Hier kann es durchaus sein, dass die Pensionskassen kurz- oder mittelfristig in Finanzierungsschwierigkeiten kommen. Ich glaube, das muss klar sein, dass das bisherige Geschäftsmodell erheblich in Gefahr ist, wenn die Zinsen sich weiter auf diesem Niveau bewegen. Wir machen uns da schon Sorgen."


Die Niedrigzinsphase – sie macht es schwieriger zusätzlich fürs Alter vorzusorgen. Auch die Situation einiger Lebensversicherungen ist inzwischen kritisch. Und: Immer mehr Banken verlangen sogenannte Verwahrentgelte. Heißt, die Sparer zahlen, damit die Bank ihr Geld aufbewahrt. Der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Gerald Mann sieht im Niedrigzins deshalb einen Angriff auf die Altersvorsorge:


O-Ton, Prof. Gerald Mann, FOM Hochschule:

"Diejenigen, die für ihr Alter vorsorgen wollen, die stellen fest, dass diese Produkte für die Altersvorsorge eine immer geringere Rendite abwerfen. Das kann bei einigen Leuten, die sich das dann auch nicht mehr leisten können, noch mehr zu sparen, dazu führen, dass eine Versorgungslücke im Alter entsteht."


Und er sieht noch eine Gefahr: Die Zunahme von Anlage-Betrug.


Prof. Gerald Mann

Prof. Gerald Mann

O-Ton, Prof. Gerald Mann, FOM Hochschule:

"Die Niedrigzinsphase macht es unseriösen Anbietern von Finanzanlageprodukten auf jeden Fall leichter, Kunden zu finden, die sie dann schädigen können, als das in normalen Zinszeiten der Fall wäre.«



Unseriöse Anbieter - er ist auf sie hereingefallen. Weil er sich schämt, will er unerkannt bleiben. Im Internet stößt er auf Werbung für eine Anlage-Plattform. Hier werden ihm noch hohe Gewinne versprochen. Doch die ganze Plattform ist nichts als Betrug. Er verliert mehr als 40.000 Euro.


O-Ton, Stimme nachgesprochen:

"Irgendwann hat die Internetseite einfach nicht mehr funktioniert. Und das ganze Geld war weg. Als mir klar war, dass ich abgezockt wurde, das war ein Schock wie ein K.-o.-Schlag."


In Wien treffen wir die Wirtschaftsprüferin Elfriede Sixt. Sie leitet eine Initiative, die Opfern dieser Betrugsmasche aus ganz Europa hilft. Sie erklärt, warum viele Menschen darauf reinfallen.


Elfriede Sixt

Elfriede Sixt

O-Ton, Elfriede Sixt, European Funds Recovery Initiative:

"Viele der Geschädigten, die sich bei uns registriert haben, erzählen mir, dass sie ihre Altersvorsorge erhöhen möchten. Auch weil eben auf den Banken nicht mehr so viele Zinsen zu bekommen sind."


Ihre Einschätzung: Mehr als 200.000 Deutsche wurden so bereits abgezockt.

Pensionskassen in finanzieller Schieflage, Verwahrentgelte für Sparer, abgezockte Anleger. Die Niedrigzinsen bedrohen die Altersvorsorge. Was tut die Politik? In den vergangenen Wochen wurde heftig diskutiert. Über unterschiedliche Ansätze verschiedener Parteien.

Die Bundesministerien für Finanzen und Arbeit erklären auf Nachfrage: Grundsätzlich halte man an der zusätzlichen Altersvorsorge fest. Bei den Pensionskassen bestehe eine "Schutzlücke", die man nun schließen wolle. Ein Gesetzentwurf sei in Arbeit.

Dumm nur: Dem Kindergarten wird der wohl nicht helfen. Der geplante Schutz greift erst, wenn der Arbeitgeber pleite ist. Und bei freiwillig Versicherten wie ihm - gar nicht.


O-Ton, Joachim Stengel, Psychotherapeut:

"Auf der einen Seite ist die Empfehlung: Ich soll zusätzlich fürs Alter vorsorgen. Auf der anderen Seite ist diese Vorsorge nicht sicher. Also würde ich sagen, das sind sehr schwierige Zeiten für eine vernünftige Altersvorsorge."

Abmoderation Fritz Frey:

Ja, wir haben es gehört: Aktuell hat die BaFin, also die Stelle, die Finanzdienstleistungen beaufsichtigt, 31 Pensionskassen unter intensivierte Aufsicht genommen, weil, Zitat: "Die Situation der Lebensversicherer und Pensionskassen im Niedrigzinsumfeld düster ist", Zitatende. Deutlicher kann man die Alarmglocken kaum läuten lassen. Und so droht die Altersversorgung Tausender Menschen, die gestern noch einen Wert hatte, plötzlich wertlos zu werden.