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Fremdenhass in Deutschland Wie Pegida das Land verändert

Die Pegida-Demonstrationen von Dresden, sie werfen Fragen auf. Zum Beispiel diese: Hat sich die Situation für Flüchtlinge – und zwar nicht nur in Dresden, sondern in ganz Deutschland – seit Beginn der Demonstrationen verändert? 

Oliver Heinsch, Swantje Hirsch und Ulrich Neumann sind der Frage nachgegangen, ihre Recherchen führten sie aber zunächst nicht nach Dresden, sondern nach Dormagen in Nordrhein-Westfalen.

Rechte Symbole und Parolen. Der Rohbau einer Moschee in Dormagen vor wenigen Wochen: Über und über beschmiert.
Und das nicht nur einmal. In eindeutiger Pose der mutmaßliche Täter vor der Überwachungskamera.

Wie in Dormagen gab es an vielen Orten ähnliche Vorfälle seit der ersten Pegida-Demonstration. Begünstigt durch die Stimmung, die Pegida schürt?

Dresden – Hauptstadt der selbsternannten Bewegung. Mit der Nacht kommt hier bei vielen Migranten die Angst. Auch bei denen, die schon lange hier leben.


O-Ton, Migrant:

"Also das Klima ist sehr beängstigend für eine Person, die ganz anders aussieht oder zu einer Glaubensrichtung des Islams angehört."


O-Ton, Migrantin:

"Und dann eskaliert überall nur der Hass. Und nur Hass! Und das verbreitet Angst."


Zu Recht? Müssen Migranten Angst haben vor der Stimmung, die Pegida erzeugt?

Nach einer der ersten Pegida-Demonstrationen in einer Dresdner Vorstadt: Dieser syrische Flüchtling berichtet uns, er wurde an einer Straßenbahnhaltestelle angegriffen.


O-Ton, syrischer Flüchtling:

"Es war am Montagabend. Ich kam vom Sprachunterricht. Da bin ich von drei kräftigen Jugendlichen angegriffen worden. Einer hatte ein Messer in der Hand. Da hatte ich große Angst. Ein anderer hat mich an die Schulter geschlagen. In der Straßenbahn haben alle zugesehen, niemand hat geholfen."


Er und sein Mitbewohner haben in Syrien studiert, der eine Wirtschaft, der andere Jura. Geflohen sind sie vor dem Bürgerkrieg. Doch die vermeintlich sichere Zuflucht ist keine, sagen sie.


O-Ton, syrischer Flüchtling:

"Vor zwei Wochen machte eine Gruppe von Glatzen vor unserem Fenster Krach. Es flog etwas gegen die Scheibe, der Briefkasten wurde demoliert und auch die Haustür. Als ich hinausschaute, sah ich einen Mann, der mit einem Messer vormachte, wie er mir die Kehle durchschneiden würde. Hinter ihm stand ein anderer. Der hatte eine Bierflasche in der einen und ein Messer in der anderen Hand. Die ganze Zeit haben sie geschrien und geschimpft. Seit dem fühle ich mich sehr bedroht und gehe kaum noch raus."


In den Betonschluchten der Dresdener Vorstädte hören wir immer wieder ähnliche Berichte. Mitte November erhält eine syrische Familie mit drei Kindern einen Drohbrief. Vier Wochen marschierte Pegida da schon.


Zitat, Quelle: MDR:

"Siegheil!!!!!!! Wir wollen euch nicht haben, versteht ihr es nicht? Macht euch weg sonst machen wir es!!."


Dresden vor zwei Tagen: Pegida demonstriert. Seit Oktober macht die Bewegung Stimmung – gegen vermeintlichen Asylmissbrauch, gegen kriminelle Ausländer, gegen Überfremdung durch Muslime und gegen die Kosten der Zuwanderung.

Frage: Inwieweit müssen denn jetzt auch Flüchtlinge und Migranten Angst vor Pegida haben?


O-Ton, Demo-Teilnehmer:

"Nein, überhaupt nicht! Das ist Quatsch!"


O-Ton, Demo-Teilnehmer:

"Ich würde nie einen Flüchtling anfassen, niemals, ich will mit denen nicht viel zu tun haben, OK, aber ich lasse die in Ruhe. Wir brauchen die nicht."


O-Ton, Demo-Teilnehmer:

"Wenn die sich nach den Gesetzen richten, die hier gelten, dann braucht niemand Angst haben."


O-Ton, Demo-Teilnehmer:

"Pegida greift niemanden an."


Doch auch wenn Pegida selbst niemanden angreift, was bewirkt die Stimmung?

Hussein Jinah, stammt aus Indien, lebt seit dreißig Jahren in Dresden, arbeitet in der Stadtverwaltung. Da wo Pegida immer aufmarschiert, wohnt er. Bis vor kurzem hat er sich in Dresden sicher und wohl gefühlt.


O-Ton, Hussein Jinah:

Hussein Jinah

Hussein Jinah

"Mein Leben ist ja anders geworden. Ich habe sehr viel Angst. Die Stimmung hat sich sehr drastisch geändert, die Stimmung hat sich eskaliert, muss ich so sagen, in Richtung Aggressivität, teilweise auch Gewalttätigkeit."


Drei Stunden nach der letzten Demo passiert es wieder: An einer Straßenbahnhaltestelle wird ein Libyer zusammengeschlagen. Die Täter skandieren: „Ausländer raus“ und zeigen den Hitlergruß. Das sich gerne weltoffen präsentierende Dresden: Begünstigt ausgerechnet hier Pegida eine fremdenfeindliche, sogar gewalttätige Stimmung?

Wir sind in der Opferberatungsstelle Sachsens. Hier werden Opfer rechter Gewalt betreut. Hier haben sie beobachtet: Seit Pegida werden Migranten immer öfter beleidigt, bespuckt und bedroht.


O-Ton, Robert Kusche, Geschäftsführer Opferberatung Sachsen:

Robert Kusche, Geschäftsführer Opferberatung Sachsen

Robert Kusche, Geschäftsführer Opferberatung Sachsen

"In Dresden fällt natürlich auf, dass seit Oktober wir, zumindest was rassistisch motivierte Angriffe anbelangt, schon einen massiven Anstieg festgestellt haben."


Hat Pegida auch bundesweit die Stimmung verändert? REPORT MAINZ hat umfangreich Presse- und Polizeiberichte sowie Zahlen der Opferberatungsstellen statistisch ausgewertet.

Danach gab es in den drei Monaten vor der ersten Pegida-Demo 33 fremdenfeindliche Angriffe. In den drei Monaten danach waren es 76 Angriffe. Seit Pegida also eine Steigerung von 130%.

Wir fragen den Rechtsextremismus-Experten Hajo Funke, wie er diese Zahlen einschätzt.


O-Ton, Professor Hajo Funke, Rechtsextremismus-Forscher:

Prof. Hajo Funke, Rechtsextremismus-Forscher

Prof. Hajo Funke, Rechtsextremismus-Forscher

"Pegida hat ein Klima entfesselt, das Gewalt will. Es geht dann doch gegen die Fremden, gegen Multi-Kulti. Gegen Migranten.
Vor allem aber Muslime. Und das Ergebnis sehen wir in der Erhöhung der Gewaltzahlen."


Die Angst der Migranten in Dresden ist also begründet. Selbst wenn Pegida das gar nicht will: Rechten Gewalttätern scheint die von der Bewegung erzeugte Stimmung bundesweit Ansporn zu sein. Ansporn ihren Hass auszuleben!