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SENDETERMIN Mo, 30.8.2010 | 21:45 Uhr | Das Erste

Patientenverfügung ohne Wert Wieso Ärzte sich über den Willen von todkranken Patienten hinwegsetzen

Bei unserem ersten Thema geht es um Leben und Tod. Genauer gesagt, es geht um unsere Angst, dass wir nicht in Würde sterben dürfen, dass wir an Schläuchen und Apparaten dahin siechen, weil Ärzte meinen, das müsse so sein.

Vor ziemlich genau einem Jahr hat der Gesetzgeber versucht Klarheit zu schaffen im juristischen Graubereich zwischen Leben und Tod. Mit einem Gesetz zur Patientenverfügung sollte für Ärzte verbindlich festgelegt werden, was an Behandlung erwünscht ist und was eben nicht.

Funktioniert das im Alltag? Monika Anthes und Sebastian Bösel mit einer ernüchternden Antwort.

Bericht:

Vor kurzem starb der Vater von Jürgen Sebert – nach monatelangem Leiden. Jürgen Sebert war sich eigentlich sicher, dass die Ärzte den Willen seines Vaters respektieren würden. Der 91-Jährige hatte eine Patientenverfügung, wollte bei schwerer Krankheit sterben dürfen. Doch der Sohn meint, sinnlose Therapien hätten sein Leiden verlängert.

Jürgen Sebert

Jürgen Sebert, Angehöriger

O-Ton, Jürgen Sebert, Angehöriger:

»Auf jeder Station, auf der mein Vater gelegen hatte, wurde nach der Patientenverfügung und nach Vorsorgevollmacht gefragt. Ich habe die hingegeben das Original und das wurde dort auch immer kopiert. So dass ich eigentlich davon ausgegangen bin, dass sie sich natürlich auf der jeweiligen Station auch an diese Patientenverfügung gebunden fühlten.«

Sein Vater wurde dreimal operiert, war wundgelegen, hatte mehrere Alterserkrankungen und war dement. Er lag im Sterben. Genau für diesen Fall hatte er eine Patientenverfügung. Er wolle sterben, wenn keine Aussicht mehr auf Besserung bestehe.

O-Ton, Jürgen Sebert, Angehöriger:

»Ich habe das Gefühl gehabt, dass er gelitten hat. Man wollte etwas ausprobieren, man wollte zeigen, man kann noch heilen, also man hat medizinisch noch vieles im Griff, ob das nun immer notwendig ist, das stelle ich einfach in Abrede .«

Die Klinik teilt uns mit: Man habe verhindert, dass der Patient erstickt und verdurstet, ohne dauerhafte Maßnahmen zur Lebensverlängerung.

Wir bitten den Mediziner Thomas Sitte um eine unabhängige Einschätzung. Er betreut seit Jahren als Palliativmediziner Menschen am Lebensende.

19 Bluttransfusionen, Behandlung von Komplikationen – der Patient habe das nicht gewollt.

Thomas Sitte

Thomas Sitte, Deutsche Palliativstiftung

O-Ton, Thomas Sitte, Deutsche Palliativstiftung:

»Ich denke der Patientenwille war in vielen einzelnen Punkten klar niedergelegt, und in etlichen dieser Punkte ist dem Willen klar widersprochen worden, es ist der Patientenverfügung zuwider gehandelt worden – eindeutig.«

Der Fall sei sehr typisch und zeige, wie noch immer der Patientenwille am Lebensende missachtet werde, sagt Thomas Sitte.

O-Ton, Thomas Sitte, Deutsche Palliativstiftung:

»Das ist ja die banale Grausamkeit des Alltags. Das ist völlig normal in großen Krankenhäusern, in kleinen Krankenhäusern, Altenheimen, Nord-, Ost- und Westdeutschland, das ist klinischer Alltag .«

Achim Rieger macht ähnliche Erfahrungen. Er versorgt als ambulanter Palliativarzt Sterbende in Berlin. Der Wunsch vieler Patienten, in Frieden sterben zu dürfen, werde zu häufig noch übergangen.

Die Folge: sinnlose Übertherapien in den Krankenhäusern.
Heute ist er auf Visite im Pflegeheim. Inge Hannemann hat Krebs im Endstadium, überall Metastasen. Die 74-Jährige hat eine Patientenverfügung.

Inge Hannemann

Inge Hannemann, Krebspatientin

O-Ton, Inge Hannemann, Krebspatientin:

»Wenn es hier austherapiert ist, meine Krankheit, und überall was drin ist, dann habe ich gesagt, dann bleibt es so, wie es ist.«

Obwohl die Ärzte im Krankenhaus diesen Wunsch kannten,
sei ihr regelrecht eine erneute Bestrahlung aufgedrängt worden. Frau Hannemann brach die Behandlung im Krankenhaus ab.

O-Ton, Inge Hannemann, Krebspatientin:

»Na ja, ich habe es abgelehnt, ich habe gesagt, das kommt nicht in Frage. Hätten die reden können, soviel sie wollen.«

Inge Hannemann ist beruhigt. Palliativarzt Achim Rieger sorgt jetzt dafür, dass sie nicht unter Schmerzen leiden muss. Sie weiß, er wird im Ernstfall ihre Patientenverfügung respektieren.

Achim Rieger

Achim Rieger, Palliativzentrum Berlin-Brandenburg

O-Ton, Achim Rieger, Palliativzentrum Berlin-Brandenburg:

»Das Sterben gehört zum Leben dazu, das klingt jetzt sehr banal, aber am wenigsten Probleme haben mit diesem Satz die Patienten, die Ärzte haben damit die größten Schwierigkeiten .«

Warum haben viele Ärzte noch Schwierigkeiten damit, Sterben zuzulassen? Dieser Frage gehen Wissenschaftler am Universitätsspital in Basel auf den Grund. Sie führen europaweit Interviews mit Intensivmedizinern, auch in Deutschland.

Das Ergebnis: Immer wieder kommt es zu Übertherapien, nicht im Sinne der Patienten. Ärzte sagen: Ich bin mir unsicher, was ich darf, wenn ein Patient im Sterben liegt. Oder auch:

Prof. Stella Reiter-Theil

Prof. Stella Reiter-Theil, Medizinethik Universitätsspital Basel

O-Ton, Prof. Stella Reiter-Theil, Medizinethik Universitätsspital Basel:

»Dieses Gefühl: Bei uns gibt’s Maximaltherapie, was anderes ist gar nicht vorgesehen. Eben dieser Komplex aus Angst und Unsicherheit. Und es wurde auch gesagt, es gibt immer noch diese Mühe, den Tod überhaupt zu akzeptieren, also zu scheitern letzten Endes. Aber am Ende ist es ja der Arzt, der den Schritt machen müsste, zu sagen: Ja, ich stehe dazu, hier hören wir auf.«

Die Forscher sagen: Klinikärzte reden noch zu selten über diese Grenzsituationen zwischen Leben und Tod. Dr. Michael de Ridder, Leiter der Rettungsstelle eines Berliner Krankenhauses will das ändern. In einem kürzlich erschienenen Buch geht er mit Ärztekollegen hart ins Gericht.

Dr Michael de Ridder

Dr. Michael de Ridder, Rettungsmediziner

O-Ton, Dr. Michael de Ridder, Rettungsmediziner:

»Wenn ein Patient geäußert hat, er möchte bestimmte Interventionen, bestimmte Maßnahmen nicht mehr haben, sondern er möchte, wenn möglich friedlich sterben, dann sind solche Maßnahmen, wenn sie dennoch eingeleitet werden, nicht dazu angetan, sinnvoll Leben zu verlängern, sondern eher qualvoll Sterben zu verzögern. Und dieser Scheideweg oder diese Frage sich zu stellen als Arzt, das ist das, was ich ein bisschen einklage, auch in meinem Buch, das passiert zu selten.«

Qualvolle Sterbeverlängerung gegen den Willen der Patienten? Die Bundesärztekammer weist diesen Vorwurf zurück. Patientenverfügungen würden beachtet. Aber: Es gebe Fälle, da stecke der Arzt in einem Dilemma.

Dr Günther Jonitz

Dr. Günther Jonitz, Vorstand Bundesärztekammer

O-Ton, Dr. Günther Jonitz, Vorstand Bundesärztekammer:

»Sie haben dann auch einen 85-Jährigen, der Schlaganfall hat, der auf die Intensivstation kommt, der beatmet wird, und betreut wird, und der dann drei Tage nach der Behandlung auf der Intensivstation wieder auf eigenen Füssen nach Hause geht und mit seinen Enkeln spielt, und dann 88 Jahre alt wird. Einem solchen Menschen die Behandlung zu verweigern, nur weil in einem Patiententestament drinsteht: „Bitte keine Schläuche!“, wäre weder ethisch geboten, noch wäre es vom Gesetz in der Form gedeckt.«

Frage: Also muss der Patient von den Ärzten vor sich selbst geschützt werden?

O-Ton, Dr. Günther Jonitz, Vorstand Bundesärztekammer:

»Der Patient muss nicht in seltenen Fällen vom Arzt vor sich selber geschützt werden .«

Patienten müssen also vor ihrem eigenen Willen geschützt werden? Jürgen Sebert kann das nicht verstehen. Er hatte sich auf das neue Gesetz zur Patientenverfügung verlassen. Doch als sein Vater im Sterben lag, musste er feststellen, dass noch lange nicht alle Ärzte auch im Geiste des Gesetzes handeln.

Abmoderation Fritz Frey:

Zum Thema unter www.reportmainz.de auch ein Gespräch mit unseren Autoren unter anderem. zur Frage, was man tun kann, damit es einem eben nicht so geht, wie dem Vater von Herrn Sebert.

aus der Sendung vom

Mo, 30.8.2010 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

AutorInnen:
Monika Anthes
Sebastian Bösel

Kamera:
Thomas Hubbuch
Udo Lachnit
Ullrich Vollert

Schnitt:
Niko Zakarias
Sprecherin:
Monika Anthes

Mehr zum Thema im SWR:

Mehr zum Thema im WWW: