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SENDETERMIN Di, 10.11.2020 | 22:04 Uhr | Das Erste

Pandemie im Brennpunkt Was bedeutet Corona für sozial schwache Menschen?

Schon für Menschen, die nicht in Armut leben ist die Corona-Zeit eine Herausforderung. Aber wie erleben Menschen ohne Geld die Pandemie? Wir waren zum zweiten Mal im Asternweg, einem Brennpunkt-Viertel im pfälzischen Kaiserslautern. Dort haben wir Menschen getroffen, die in schwierigsten Wohnverhältnissen leben und mit Hartz IV auskommen müssen.

Kaiserlautern, Asternweg. Vor der einzigen Kneipe im Viertel treffen wir Joachim Langner wieder.

Reporterin: "Jockel, Hallo!"

Alle hier nennen ihn Jockel, auch von uns möchte er geduzt werden. Er lebt seit fast 20 Jahren hier, am Existenzminimum, und hat immer wieder Probleme.

Jockel ist viel unterwegs - trotz Corona

Reporterin: "Und wie ist es dir ergangen in der Zeit?"

Jockel -Joachim Langner

Jockel

Jockel: "Ja, man lebt halt weiter."

Er erzählt, ein Betrunkener habe ihn im Sommer krankenhausreif geschlagen, als er nachts im Viertel unterwegs war:

Jockel: "Das Jochbein hatte ich angebrochen."

Reporterin: "Wie ist das passiert?"

Jockel: "Mit einer Eisenschiene ist er auf mich losgegangen."

Eine Woche war der 67-Jährige im Krankenhaus mit vielen Verletzungen. Inzwischen geht es ihm wieder besser. Und so ist Jockel wieder viel unterwegs - trotz Corona.

Wie schon bei unserem letzten Besuch: Da haben wir Jockel auf der Wiese kampierend kennen gelernt.

Reporterin: "Warum brutzeln Sie sich den Kaffee auf der Straße? Haben Sie keine Wohnung?"

Jockel: "In der Nummer 33 da drüben."

Reporterin: "Da wohnen Sie?"

Er hat hier eine Wohnung, aber die Stadtwerke hatten ihm Strom und Gas abgestellt - Jockel konnte die Rechnungen nicht zahlen. Und so kochte er sich seinen Kaffee hier - mit Gaskocher in einer Bierdose.

Strom und Gas hat Jockel immer noch nicht, erzählt er uns und seinem Kumpel Joe - seit mehr als sechs Monaten nicht.

Jockel: "Die Energiesache ist abgestellt - die Zufuhr, die Energiezufuhr."

Auch deshalb sei er weiter viel unterwegs. Und das hat Folgen, wie er uns später in seiner Wohnung zeigen wird.

Familie Kallenbach - Leben auf engstem Raum

Vorher besuchen wir eine Familie, bei der wir im Frühjahr schon mal waren.

Eine Klingel hat die Wohnung nicht.

Die alleinerziehende Steffie Kallenbach lebt schon immer im Asternweg, inzwischen mit ihren sechs Kindern - auf insgesamt 54 Quadratmetern. Die 11jährige Alina zeigt uns das einzige Kinderzimmer.

Alina Kallenbach

Alina Kallenbach

Alina Kallenbach: "Hier ist das Kinderzimmer von meinen Geschwistern, halt der Jamie, Jeremy, Julia und Emely. Und hier schlafe ich drauf."

Ein Zimmer für sechs Kinder - mit vier Betten. Die beiden jüngsten schlafen im Bett der Mutter.

Platz zum Spielen ist vor allem im Wohn-Ess-Bereich. Doch wo ist Platz zum Lernen? Ganz schwierig war das, als die Kinder gar nicht zur Schule gehen konnten. Vor sechs Monaten - der Familienalltag im Lockdown:

Steffie Kallenbach

Steffie Kallenbach

Steffie Kallenbach: "Wenn die Kinder halt Hausaufgaben aufhaben, tun wir hier Hausaufgaben machen. Puzzeln."

Die Mutter und alle Kinder an einem Tisch. Vier von ihnen gehen zur Schule. Falls Schule ist. Und wenn nicht? Wir fragen uns: Wie kann Alina hier lernen?

Für Steffie Kallenbach war das eine schwierige Zeit.

Steffie Kallenbach: "Wir waren froh, dass die Schule wieder angefangen hat. Ja. Dann der Kindergarten, da waren sie am Anfang ja nur den halben Tag. Aber jetzt dürfen sie von acht bis 16 Uhr."

Die Familie hat keinen Computer, aber immerhin Alina soll einen bekommen - ihre Schule hat inzwischen einen Antrag gestellt.

Alina Kallenbach: "Ja, ich kriege einen Laptop."

Reporterin: „Sehr gut. Wann kriegst du das? Weißt du schon was?“

Alina Kallenbach: "Nach den Ferien. Kriege ich zugeschickt."

Das Problem nur: Einen Internetanschluss gibt es hier nicht.

Die Wohnsituation wird sich für die Familie weiter verschärfen, wie wir später noch erfahren werden.

Ein Viertel - abgehängt von der Gesellschaft

Katharina Welsh-Schied sorgt sich besonders um die Familien im Viertel. Sie engagiert sich ehrenamtlich hier, kennt die Menschen. Immerhin: Der Spielplatz hat wieder geöffnet, bei unserem letzten Besuch war er wegen Corona geschlossen.

Katharina Welsh-Schied

Katharina Welsh-Schied

Katharina Welsh-Schied: "Natürlich, das ist schön, dass der Spielplatz wieder aufhat, dass die Kinder raus können. Aber das bringt ja nichts, wenn sie, wenn sie bildungstechnisch komplett abgehängt sind. Wir haben Eltern oder auch Großeltern, die Analphabeten oder Teil-Analphabeten sind oder sich grundsätzlich mit allem, was vielleicht in die weiterführende Schule geht, auch schwertun. Das ist einfach ein Desaster, ein menschliches Desaster, politisch auch."

Katharina Welsh-Schied zeigt uns das Viertel um den Asternweg, den sogenannten Kalkofen. 250 Wohnungen gibt es hier. Wer hier lebt, ist häufig von der Stadt Kaiserslautern untergebracht, etwa nach einer Zwangsräumung. Schlichtwohnungen heißen die Wohnungen hier offiziell: Viele ohne Warmwasser, ohne Heizung oder ohne eigene Toilette oder Dusche.

Bei unserem letzten Besuch hat uns Katharina eine Gemeinschaftsdusche gezeigt: Kein Strom. Die Wände verschimmelt. Aus dem Duschkopf kommt nur kaltes Wasser. Und die Hygiene in Corona-Zeiten?

Katharina Welsh-Schied: "Es wird nichts desinfiziert danach, oder sieht man hier irgendwo Desinfektionsmittel?"

Die Stadtverwaltung hatte uns damals erklärt, man werde sich darum kümmern.

Ein halbes Jahr später wollen wir sehen, was sich hier getan hat.

Reporterin: "Das ist genau die Dusche, in der wir waren."

Katharina Welsh-Schied: "Es ist immer noch nichts passiert, gar nichts, null."

Reporterin: "Seit einem halben Jahr nicht?"

Katharina Welsh-Schied: "Seit einem halben Jahr nicht. Seit Corona nicht. Gar nichts. Interessiert keinen Menschen."

Und erneut versichert uns die Stadtverwaltung Kaiserslautern, die nötigen Arbeiten an der Dusche würden demnächst durchgeführt werden.

Katharina Welsh-Schied fordert die Stadt Kaiserslautern seit Jahren auf, endlich etwas zu verändern.

Katharina Welsh-Schied: "Das Leben, das hier nur Menschen führen können, ist abseits von der Gesellschaft. Geduldet von der Stadt, abseits von der Gesellschaft. Weil die die gar nicht in der Gesellschaft haben wollen. Die wollen gar nicht den Zugang ermöglichen. Die wollen einfach nur, dass die ruhig sind, an ihrem Platz bleiben und irgendwann sterben. Fertig."

Wirtin Ilse Menke ist das Herz im Asternweg

Viele leben allein. Deshalb ist die Kneipe "Zum Ilse" für die Menschen hier ein wichtiger Zufluchtsort. Auch wegen der Wirtin: Ilse Menke ist das Herz dieser Kneipe. Sie kennt fast alle Bewohner im Viertel, weiß, wie es ihnen geht.

Ilse Menke

Ilse Menke

Ilse Menke: "Hier geht es eigentlich wirklich keinem so gut. Es ist jetzt halt eine schlechte Zeit jetzt im Moment. Das hätten wir also nicht gebraucht, das Corona noch."

Zwei Monate lang hatte Ilse komplett dicht - für die Menschen hier ein tiefer Einschnitt:



Gast: "Hat man müssen ein bisschen draußen sitzen, aber da war nichts. Ist schon besser, dass man jetzt beim Ilse sitzen kann."

Reporterin: "Wie oft kommen Sie zu Ilse?"

Gast: "Täglich."

Zwischenzeitlich durfte Ilse wieder öffnen. Doch auch da war nicht alles beim Alten - die Theke abgesperrt.

Joe

Joe

Joe: "Ja, an der Theke, dass niemand an der Theke stehen darf."

Reporterin: "Warum nicht?"

Joe: "Und der schönste Platz ist an der Theke."




Es ist halt nichts mehr wie vor Corona.

Außer Ilse. Die kümmert sich immer noch um ihre Leute. Auch um Jockel:

Ilse Menke: "Wenn er sich da Tage hängen lässt, dann sage ich: 'Du kommst hier nicht rein. Du stinkst ganz einfach - mach und geh duschen!' Einem Kind gibt man ein Überraschungsei und zum Jockel sag ich: 'Komm, du kriegst ein kleines Klopferchen!' Und dann geht der duschen. Ja, es ist so."

Und Jockel ist nur eines ihrer vielen Sorgenkinder.

Jockel lebt seit Monaten ohne Strom und Gas

Er nimmt uns mit, will uns seine Wohnung zeigen. Seit sechs Monaten lebt er ohne Strom und Gas.

Und das heißt: Es gibt kein Licht - bis unser Kameramann die Kameraleuchte einschaltet.

Und es ist ziemlich kalt hier.

Reporterin: "12 Grad in der Wohnung."

Er zeigt uns sein Wohnzimmer. Auf dem Tisch, viel Post. Vor allem Rechnungen. Jockel hat mehrere Corona-Strafen bekommen. Er versucht sich einen Überblick zu verschaffen:

Jockel: "Hier: Ordnungswidrigkeit. Wer vorsätzlich oder fahrlässig nach Paragraph Absatz, oder was das ist, Infektionsschutzgesetz verstößt, steht da, ist eine Ordnungswidrigkeit."

Reporterin: "Haben Sie das verstanden, was das genau heißt jetzt?"

Jockel: "Weil ich mit mehreren zusammen war und dann noch zu eng. Ach Gott, zu zahlen, Gesamtbetrag: 948 Euro und 50 Cents."

Reporterin: "Wo wollen Sie die herkriegen?"

Aussichtslos. Mehrere Tausend Euro Schulden hat Jockel zusammen mit den unbezahlten Strom- und Gas-Rechnungen.

Reporterin: "Und was machen Sie, wenn es hier so kalt ist?"

Jockel: "Ein Lagerfeuer kann ich nicht machen hier drin."

Die Stadtwerke Kaiserslautern sagen uns, man versuche weiterhin einvernehmliche Lösungen zu finden. Doch Jockel ist nicht der einzige mit einer kalten Wohnung:

Katharina Welsh-Schied: "Wir haben mehrere Leute, die hängen dann die Fenster zu mit Teppichen, und die lüften dann einfach gar nicht, weil die dann mit ihrer eigenen ausgeatmeten Luft und ihrem… ihrer Körpertemperatur dann so eine gewisse Grundwärme erzeugen, dass ihnen nichts passiert."

Die Stadt Kaiserslautern sagt uns dazu: Alle Wohnungen verfügten über Heizmöglichkeiten, die laufenden Kosten dafür seien aber von den Bewohnern zu begleichen.

Familie muss noch enger zusammenrücken

Wir sind noch einmal bei Steffi Kallenbach und ihren Kindern. Denn wir haben erfahren, hier ist es noch enger geworden. Im Wohnzimmer steht seit heute ein Pflegebett.

Steffie Kallenbach: "Heute ist das Bett vom Papa gekommen."

Reporterin: "Und warum braucht Ihr Vater hier ein Bett in Ihrer Wohnung?"

Steffie Kallenbach: "Weil er jetzt das eine Bein abgenommen bekommen hat."

Dem Vater von Steffie Kallenbach wurde ein Bein amputiert. Seine eigene Wohnung im zweiten Stock ist jetzt für ihn unerreichbar. Deshalb wird er künftig hier leben: Mitten im Wohnzimmer von Steffie und ihren Kindern.

Bürgerkontakt möglichst kontaktlos

Für die Kinder im Viertel war das Bürgerbüro im Asternweg eine Anlaufstelle - vor Corona. All das ist jetzt auf ein Minimum heruntergefahren, der Bewohnerkontakt möglichst kontaktlos.

Und wieder ist es Ilse Menke, die versucht zu helfen. Sie hat Milchbrötchen organisiert, eine ganze Wagenladung voll. Das spricht sich schnell herum bei den Bewohnern.

Katharina Welsh-Schied: "Mit Corona hat sich vor Ort verändert, dass die Stadtverwaltung noch weniger präsent ist als vorher, weil sie jetzt, man denkt fast einen Grund haben, gar nicht mehr hierher zu kommen. Hilfe zur Selbsthilfe gibt es nicht von der Stadt, sondern die Leute helfen sich selbst untereinander in ihrem eigenen Milieu."

Die Bewohnen helfen sich gegenseitig

Und was ist mit Jockel? Der hat inzwischen Hilfe gefunden. Die Wohnung von Kumpel Joe ist schön warm. Ihr Plan für die kalte Winterzeit steht schon fest.

Joe: "Und dann kann er bei mir pennen."

Reporterin: "Das heißt, ihr schlaft dann hier zusammen in einem Bett?"

Joe: "Normal mache ich das ja nicht, aber als es so kalt war."

Jockel: "Ich habe bei dir schon mal geschlafen, gell?"

Joe: "Natürlich, du hast dich da neben mich gekuschelt."

Je kälter es wird, desto enger rücken sie zusammen im Asternweg. In Corona-Zeiten eine gefährliche Strategie. Aber was bleibt ihnen übrig?