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Text des Beitrags Opfer der Brüdergemeinde

Aufklärer bestätigen schweren sexuellen Missbrauch und Gewalt an Kindern in Korntal

Moderation Fritz Frey:

"Kommet her zu mir alle" – diese Einladung steht an einem Gebäude der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal.

Und tatsächlich wurden in vergangenen Jahrzehnten Kinder aus schwierigen Verhältnissen oder Waisen aufgenommen. Ihnen solle die lebensverändernde Kraft des Evangeliums zuteilwerden.

Lebensverändernde Kraft? In den Ohren vieler muss das zynisch klingen. Ihr Leben wurde nicht verändert, manches Leben wurde richtiggehend zerstört.

Mona Botros und Achim Reinhardt waren in Korntal, vor den Toren Stuttgarts, und haben Opfer getroffen.

Bericht:

Zurück am Ort ihrer Kindheit. Ein Kinderheim in Korntal bei Stuttgart. Hier verbrachte Angelika Bandle die ersten elf Jahre ihres Lebens. Eine Kindheit geprägt von Angst und Ohnmacht, sagt sie.

Angelika Bandle

Angelika Bandle

O-Ton, Angelika Bandle:

"Wir haben hier sehr schwere Gewalt erlebt. Wir haben wirklich Prügel gekriegt mit Gegenständen, mit Stöcken. War einfach eine Horroranstalt für mich."

Das Kinderheim in Korntal hat auch er als Horroranstalt empfunden: Hans-Jürgen Wollschlaeger. Mit fünf Jahren kam er hierher. Auch er spricht von Gewalt und Demütigungen. Noch heute leide er darunter.

Hans-Jürgen Wollschlaeger

Hans-Jürgen Wollschlaeger

O-Ton, Hans-Jürgen Wollschlaeger:

"Wenn ich nachts dann alleine bin und dann wirklich das Erlebte mir oben im Kopf wieder runterspult, dann sitzt du schon dran und kriegst dann schon Tränen in die Augen, und da, hier drinnen tut‘s dann weh."

Die Kinderheime gehören zur Evangelischen Brüdergemeinde Korntal. Eine pietistische, streng religiöse Glaubensgemeinschaft. In ihren Heimen nahm die Brüdergemeinde Waisen auf und Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen.

Wie Hans-Jürgen Wollschlaeger und Angelika Bandle. Doch im Heim erlebten die beiden keine christliche Nächstenliebe, sagen sie. Stattdessen seien sie als kleine Kinder sexuell missbraucht worden.

O-Ton, Angelika Bandle:

"Das war eine Erzieherin. Die hat mich halt nachts geholt, zu sich ins Bett geholt. Ich war ihr körperlich komplett ausgeliefert. Sie hat sich einfach an mir gerieben, geküsst, gestreichelt, gemacht, getan."

O-Ton, Hans-Jürgen Wollschlaeger:

"Vom Hausmeister bin ich sexuell missbraucht worden. Er selber hat bei mir manipuliert bis er zum Höhepunkt kam. Wie oft könnte das gewesen sein? Aber ich nehme mal an, bestimmt 300mal, bestimmt."

Sexueller Missbrauch? Harte körperliche und psychische Gewalt? Bilder der 70er Jahre aus Korntal: Sie vermitteln eine Idylle.

Doch seit 2014 äußern immer mehr ehemalige Heimkinder solche schweren Vorwürfe. Hat es das in den Einrichtungen der Evangelischen Brüdergemeinde wirklich gegeben? Hatte es gar System?

Das wollen wir vom heutigen Verantwortlichen der Brüdergemeinde wissen. Er streitet nicht ab, dass es einzelne Vorfälle gab.

Klaus Andersen

Klaus Andersen

O-Ton, Klaus Andersen, Evangelische Brüdergemeinde Korntal:

"Das bedauern wir sehr. Und ich weiß, dass damals auch die Mitarbeiter, trotz alledem, mit viel Herzblut und Engagement ihre Arbeit getan haben. Dass diese Dinge in Einzelfällen passiert ist, das tut uns Leid."

Wirklich nur Einzelfälle? Sie sollen jetzt auch im Auftrag der Brüdergemeinde Licht ins Dunkel bringen: Brigitte Baums-Stammberger, ehemalige Richterin, und Prof. Benno Hafeneger, Erziehungswissenschaftler.

Prof. Benno Hafeneger

Prof. Benno Hafeneger

Exklusiv in REPORT MAINZ präsentieren die unabhängigen Aufklärer erste Ergebnisse ihrer Untersuchungen:

O-Ton, Prof. Benno Hafeneger, Erziehungswissenschaftler Uni Marburg:

"Wir gehen davon aus, nach dem jetzigen Blick in die Akten, dass wir es nicht nur mit Einzelfällen zu tun haben."

Brigitte Baums-Stammberger, Richterin

Brigitte Baums-Stammberger, Richterin

O-Ton, Brigitte Baums-Stammberger, Richterin a. D.:

"An Straftatbeständen, auch nach der damaligen Rechtslage, sind regelmäßig gefährliche Körperverletzungen vorgekommen, nämlich Körperverletzungen mit Gegenständen. Es sind einfache Körperverletzungen vorgekommen, es sind Freiheitsberaubungen vorgekommen. Und es ist sexueller Missbrauch, auch schwerer sexueller Missbrauch vorgefallen."

O-Ton, Prof. Benno Hafeneger, Erziehungswissenschaftler Uni Marburg:

"In der Regel, wie gesagt, ist die sexualisierte Gewalt nicht zur Anzeige gekommen, sondern ist versucht worden zu vertuschen, zu beschweigen, zu relativieren oder durch Versetzungen und so weiter nicht öffentlich werden zu lassen."

Vorwürfe der Heimkinder von Korntal werden also durch die Aufklärer bestätigt. Und Recherchen von REPORT MAINZ zeigen jetzt: Es gab Missbrauchsfälle im Kinderheim sogar noch Anfang der 2000er Jahre.

2003 verurteilt das Landgericht Stuttgart einen ehemaligen Erzieher wegen sexuellen Missbrauchs in einer Vielzahl von Fällen.

Das Gericht stellt fest: Der Erzieher habe Jungen lange und intensiv am Oberkörper gestreichelt, habe sie bei sich zu Hause übernachten lassen. Die Heimleiterin habe von der "intensiven Zuwendung" gewusst. Dem Erzieher sei dann mehrfach nahe gelegt worden, die Einrichtung zu wechseln.

Das habe er getan und erneut ein Kind missbraucht. Erst ein Jahr nach seinem Weggang, als sich ein Opfer aus Korntal offenbarte, habe die Brüdergemeinde weitere Schritte unternommen.

Frage: Sie sehen da keine Versäumnisse?

Klaus Andersen

Klaus Andersen

O-Ton, Klaus Andersen, Evangelische Brüdergemeinde Korntal:

"Aus heutiger Sicht nicht, auch nach Rücksprache mit der Einrichtungsleiterin."

Missbrauch gab es nicht nur im Heim, sagen Opfer. Als Kinder seien sie an so genannte Paten vermittelt worden, hätten dort übernachten müssen. Auch in den Privathäusern, so der Vorwurf, sei es zu schweren Übergriffen gekommen.

Angelika Bandle

Angelika Bandle

O-Ton, Angelika Bandle:

"Der Patenonkel, so musste man damals sagen, der hat mich vergewaltigt, ja. Der ist tatsächlich richtig rangegangen, der ist richtig zur Sache gegangen. Und die Frau, die ist… also das Schlimme war für mich, dass die Ehefrau im Bett mit drin gelegen ist, in diesem Ehebett."

O-Ton, Hans-Jürgen Wollschlaeger:

"Dann hat er mich ausgezogen und gebadet. Hat mich dann abgetrocknet, hat mich auf die Couch gelegt, hat mich dann eingecremt von oben bis unten. Und dann hat er mich oral missbraucht."

Patenschaften als Deckmantel für organisierten Missbrauch? Ein ungeheuerlicher Verdacht. Wir recherchieren in bisher nicht ausgewerteten Heim-Akten: Hier äußern mögliche Paten gezielt Wünsche. Beispielsweise hätte ein Mann gern "gelegentlich ein kleines Mädchen" zwischen 5 und 10 Jahren.

Gab es gar ein pädophiles Netzwerk, wie manche Opfer behaupten?

O-Ton, Klaus Andersen, Evangelische Brüdergemeinde Korntal:

"Schwere Vorwürfe, ich kann‘s nur wiederholen. Und auch da hoffe ich, dass die Aufklärer uns aufzeigen, was damals tatsächlich passiert ist."

O-Ton, Prof. Benno Hafeneger, Erziehungswissenschaftler Uni Marburg:

"Ob es da eine Systematik gab, ob es da ein Netzwerk gab, ob damit Geld verdient worden ist, das wird man erschließen müssen, aber es ist eine ganz zentrale Spur, eine Fragestellung, die zur Heimforschung gehört."

Die Opfer wollen, dass ihr jahrelanges Leid endlich anerkannt wird und hoffen auf eine Entschädigung durch die Brüdergemeinde.

Abmoderation Fritz Frey:

"Die Aufklärung hat begonnen", schreibt die Evangelische Brüdergemeinde Korntal auf ihrer Homepage. Wie ernst es ihr damit ist? Wir bleiben dran.