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Text des Beitrags Nur vergesslich oder dement?

Für Betroffene haben falsche Alzheimerdiagnosen oft verheerende Folgen


Moderation Fritz Frey:

Autoschlüssel oder Handy vergessen – na, ich werde wohl auch schon dement.

Im Alltag geht uns die Diagnose Demenz leicht über die Lippen. Schnell halten wir eine kleine Verwirrtheit oder Vergesslichkeit für Demenzsymptome.

Und offizielle Statistiken weisen stets steigende Zahlen aus, wenn es um Demenzkranke geht, alleine in Deutschland sollen es rund eine Million sein.
Aber sind wir sicher, dass der Diagnose Demenz immer auch eine gründliche und ernsthafte Untersuchung voraus geht?

Uns haben viele Hinweise und Zuschriften erreicht, die nahelegen, dass dies nicht so ist. Und deshalb haben wir Gottlob Schober gebeten, der Frage mal nachzugehen.


Bericht:

Diese 86-jährige Frau hat die Diagnose Alzheimer-Demenz. Für sie ein Schock. Schlimme Folgen drohen. Gegen ihren Willen soll sie jetzt dauerhaft ins Pflegeheim.


O-Ton:

"Ich bleib zu Hause. Ich gehe nicht mehr fort. Bis ich sterbe. Dann können sie mich hinaustragen."


Renate Lang ist ihre Tochter. Sie kämpft dafür, dass ihre Mutter daheim bleiben kann. Doch sie ist nicht ihre Betreuerin. Es gibt Konflikte mit ihren Geschwistern. Die Diagnose Alzheimer-Demenz hält sie für falsch.


O-Ton, Renate Lang:

Renate Lang

Renate Lang

"Meine Mama ist nicht dement, kein bisschen. Die ist nicht dement, weil sie klar denken kann."


Die vom Gericht beauftragte Gutachterin habe sich zu wenig Zeit für die Untersuchung der Mutter genommen, so ihr Vorwurf.


O-Ton, Renate Lang:

"Das war eine halbe Stunde ungefähr, mehr war das eigentlich nicht. Also ich finde, das war halt Kurzdiagnostik."


Renate Lang und eine Bekannte holen sich jetzt fachlichen Rat bei einer ausgewiesenen Pflegeexpertin. Adelheid von Stoesser beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema Demenz und hat die alte Dame zwei Tage lang genau beobachtet. Ihre Einschätzung:


O-Ton, Adelheid von Stoesser, Vorsitzende Pflege-Selbsthilfeverband:

Adelheid von Stoesser

Adelheid von Stoesser

"Bei Frau S. trifft mit Sicherheit keine Diagnose Alzheimer zu. Sie ist, erstaunlich für ihr Alter auch noch in der Lage, jetzt hier zu schreiben, zu lesen, zu verstehen, man kann sich mit ihr unterhalten. Sie nimmt Teil an dem, was im Gespräch abläuft, und gibt auch sinngemäße Antworten. Also ich sehe da gar keinen einzigen Punkt."


Wie konnte die Gerichtsgutachterin bei der gleichen Patientin dann aber zur Diagnose Alzheimer kommen? Wir recherchieren in den „Leitlinien Demenzen“. Darin ist eindeutig geregelt, dass für diese Diagnose die Symptome „mindestens sechs Monate bestanden haben“ müssen.

Wurde die Sechsmonatsfrist bei Renate Langs Mutter beachtet? Nach dem uns vorliegenden Beschluss des Amtsgerichts wurde das Alzheimer-Gutachten am 20. April erstellt, nur zwei Tage nach der Untersuchung der alten Frau.


O-Ton, Renate Lang:

"Auf einmal hat sie Demenz. Das ist schon seltsam. Sehr, sehr komisch, finde ich, weil es vorher nie festgestellt wurde, nirgends. Bei keinem Arzt."


Weder das Amtsgericht noch die Gutachterin äußern sich auf REPORT MAINZ Anfrage, ob die Sechsmonatsfrist eingehalten wurde oder nicht. Beide verweisen auf ihre Schweigepflicht.

Wir treffen die Diplom-Biologin Cornelia Stolze. Sie hat mehrere Bücher zum Thema Demenz geschrieben und erklärt, warum sie die Einhaltung der Sechsmonatsfrist für so wichtig hält.


O-Ton, Cornelia Stolze, Buchautorin "Verdacht Demenz":

Cornelia Stolze

Cornelia Stolze

"Wenn die Sechsmonatsfrist nicht eingehalten wird, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Diagnose Demenz falsch ist und dass man nicht gründlich genug nach Auslösern und Ursachen für eine akute Verwirrtheit gesucht hat, die sich in den meisten Fällen beheben lässt. Also beispielsweise Medikamentennebenwirkungen, Flüssigkeitsmangel, ein akuter Infekt, eine Schilddrüsenstörung, eine Hirnblutung, viele Ursachen, die eben hinter Verwirrtheit stecken können."


Wie bei diesem älteren Herren. Er habe an Wahrnehmungsstörungen und Orientierungslosigkeit gelitten, erzählt seine Nichte.


O-Ton, Tanja Bonhoff:

Tanja Bonhoff

Tanja Bonhoff

"Da hat man mir gesagt, dass die Anzeichen klar für eine Demenz sprechen, die aber alterstypisch wäre, und da kann man jetzt auch nichts weiter machen."


Dennoch drängte Tanja Bonhoff auf eine genaue Diagnose und landete schließlich beim Hamburger Neurochirurgen Prof. Uwe Kehler.

Sein Befund: Der Onkel litt gar nicht an Alzheimer-Demenz, sondern an einem Alterswasserkopf. Bei dieser Erkrankung kann angestautes Wasser im Kopf Demenzsymptome verursachen.


O-Ton, Prof. Uwe Kehler, Neurochirurg Asklepios Klinik Altona:

Prof. Uwe Kehler

Prof. Uwe Kehler

"Man kann das Hirnwasser ableiten über ein Schlauch-Ventilsystem in die Bauchhöhle. Und bei dieser Diagnose kommt es dort immer zu erstaunlichen Besserungen der Gangstörung und auch dieser Hirnleistungsstörung."



O-Ton, Tanja Bonhoff:

"Es war wirklich sensationell. Man konnte gut wieder mit ihm kommunizieren, er war wirklich kognitiv klar."


Ein Beispiel mit positivem Ausgang. Wie oft aber wird bei Patienten fälschlicherweise Demenz diagnostiziert? Der Bremer Gesundheitswissenschaftler Gerd Glaeske hat sich für uns eingehend mit dieser Frage beschäftigt.


O-Ton, Prof. Gerd Glaeske, Gesundheitswissenschaftler Uni Bremen:

Prof. Gerd Glaeske

Prof. Gerd Glaeske

"Wenn wir davon ausgehen, dass wir eine Million bis 1,1 Millionen Menschen mit Demenz haben, dann sagen unsere Erfahrungen auf Grund von Nachfragen, auf Grund von Hinweisen, auf Grund von Auswertung von Daten, dass wir möglicherweise bei fünf bis zehn Prozent dieser Anzahl von Menschen damit rechnen müssen, dass eventuell die Demenz-Diagnose nicht vernünftig gestellt wurde. Und das sind mehrere Zehntausend, und das kann bis zur Zahl von hunderttausend gehen."


Zurück zu Renate Langs Mutter. Als wir beim Amtsgericht nach dem umstrittenen Gutachten fragen, das ihre Alzheimerdiagnose begründet, erfahren wir, dass es unter Verschluss gehalten werden soll. Begründung:


Zitat:

"So macht die Aushändigung des Gutachtens bei schwer dementen Patienten keinen Sinn, weil sie den Inhalt nicht erfassen können. Das Gutachten ist nicht für die Familie bestimmt, sondern nur für den Patienten."


Im Klartext: So kommen weder Renate Lang noch ihre Mutter an das strittige Gutachten. Transparenz sieht anders aus.


O-Ton, Prof. Gerd Glaeske, Gesundheitswissenschaftler Uni Bremen:

"Es muss ein Recht darauf geben, dass eben nicht nur der Patient selber, die Patientin selber, sondern die Angehörigen wissen, was über ihre Angehörigen eben sachverständigerweise begutachtet wurde. Also es ist einerseits die Transparenz, die eine Rolle spielt, andererseits aber auch die Notwendigkeit bei Zweifeln ein Vier-Augen-Prinzip in Gang zu bringen. Das heißt, eine weitere Gutachterin, einen weiteren Gutachter mit in die Begutachtung einzubeziehen."


Doch das ist vom Bundesgesundheitsministerium vorerst nicht geplant.

Angehörige, wie Renate Lang müssen oftmals alleine gegen strittige Alzheimerdiagnosen kämpfen, um zu verhindern, dass alte Menschen ins Heim abgeschoben werden.


O-Ton, Renate Lang:

"Wenn sie ins Heim wieder müsste, würde sie zusammenbrechen. Dann wird sie nicht mehr lange leben. Da bin ich mir ganz sicher."


Abmoderation Fritz Frey:

Über das Thema habe ich auch mit unserem Pflege-Experten Gottlob Schober gesprochen – zu sehen auf www.reportmainz.de. Und seine Reportage über Altern in Würde, die finden Sie hier, in diesem Buch und auch noch andere spannende REPORT-Themen.