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Text des Beitrags Neues Handynetz 5G

Was wird aus den Funklöchern?

Moderation Fritz Frey:

5G - der neue Mobilfunkstandard lässt etliche Augen glänzen. Im Finanzministerium hofft man auf Milliarden Einnahmen. In einer Woche beginnt die Versteigerung der Lizenzen. Und auch viele Landes- und Kommunalpolitiker reiben sich schon die Hände, weil 5G endlich die peinlichen Funklöcher auf dem Land stopfen soll.

Aber das ist ein Trugschluss, wie Marius Meyer, Ulrich Neumann und Nick Schader zeigen.

Bericht:

Wir sind auf dem Weg nach Mecklenburg-Vorpommern. Im Netz haben wir diese Karte entdeckt. Ein Land in tief rot - das Land, ein einziges Funkloch?
Er hatte die Idee für diese App - Vincent Kokert, CDU-Landeschef. In nur wenigen Wochen haben Menschen rund 14.000 Funklöcher gemeldet.

Vincent Kokert

Vincent Kokert, CDU, Landes- und Fraktionschef Mecklenburg-Vorpommern

O-Ton, Vincent Kokert, CDU, Landes- und Fraktionschef Mecklenburg-Vorpommern:

"Das ist unser Land. Da fragt man sich manchmal tatsächlich, wo haben wir denn eigentlich Funkabdeckung und wo sind die Löcher. Und hier muss man tatsächlich sagen, die Löcher scheinen mehr zu sein als die Abdeckung. Und es ist auch nicht so, dass das sich quasi verbessert in den letzten Jahren, sondern es verschlechtert sich."

Dabei soll doch Deutschland, so steht es jedenfalls im aktuellen Koalitionsvertrag, Leitmarkt für 5G werden. 5G bedeutet Mobilfunk der fünften Generation, superschnell.

Annegret Kramp-Karrenbauer

Annegret Kramp-Karrenbauer, CDU, Bundesvorsitzende

O-Ton, Annegret Kramp-Karrenbauer, CDU, Bundesvorsitzende, 7. Dezember 2018:

"Ja, das wird bedeuten, dass am Ende auch 5G an jeder Milchkanne ist und da gehört es auch hin. Das darf kein Zweifel sein, liebe Freundinnen und Freunde."

Deutschland - der Leitmarkt für 5G?

O-Ton, Vincent Kokert, CDU, Landes- und Fraktionschef Mecklenburg-Vorpommern:

"Ja, da kann ich nur schmunzeln, denn selbst im internationalen Vergleich ist Deutschland gerade knapp hinter Albanien gelandet, was die Mobilfunkabdeckung angeht."

Gemeint ist diese Statistik eines Londoner Institutes. Beim Vergleich von 37 Ländern landet Deutschland beim Mobilfunknetz der vierten Generation auf Platz sechs - von hinten. Selbst Albanien steht besser da. Andere Untersuchungen kommen sogar zu noch schlechteren Ergebnissen.

Besuch bei einem der größten Arbeitgeber der Region, dem Scan Haus in Marlow, 30 Kilometer entfernt von Rostock, bundesweit bekannt durch seine TV-Spots. Rund 800 Mitarbeiter und 100 Millionen Jahresumsatz. Weltweit stellt Scan Haus drei Häuser fertig - täglich. Auch dem Firmenchef, Friedeman Kunz, geht das Handynetz mächtig auf den Zeiger:

Friedemann Kunz (rechts)

Friedemann Kunz (rechts), Inhaber Scan Haus

O-Ton, Friedemann Kunz, Inhaber Scan Haus:

"Und gerade die rote Karte macht uns natürlich haufenweise Ärger, weil die Bauleiter müssen in Kontakt stehen mit Bauherren, mit den Bau-Teams, die müssen mit der Zentrale in Kontakt stehen und wenn die dann denn keine Verbindung haben, dann ist es halt eine Katastrophe."

Noch zu ganz anderen Katastrophen können löcherige Handynetze führen. Wir sind bei einer Feuerwehr in Vorpommern. Hier hat man modernste digitale Alarmierungssysteme. Voraussetzung - funktionierender Mobilfunk. Zum Beispiel, werden auf diesem Tablet sogar die Hydranten angezeigt. Wichtig, denn so entfällt die zeitraubende Suche nach Löschwasser.

Thomas Putzer

Thomas Putzer, Chef der Feuerwehr Dersekow

O-Ton, Thomas Putzer, Chef der Feuerwehr Dersekow:

"Wir sind zu einem Garagenbrand gefahren, der sich aber später nachher im Verlauf des Einsatzes zu einem Wohnhausbrand entwickelt hat, weil wir eben nicht wussten, wo ist dort ein Hydrant. Ja, wenn ich solche Karte sehe, dann wird mir angst und bange. Wir haben 2019 und wenn ich die Karte sehe, das kann eigentlich gar nicht sein."

Doch jetzt soll alles besser werden. Wirklich? Nächste Woche beginnt hier in Mainz bei der Bundesnetzagentur die Versteigerung der neuen Frequenzen für das 5G-Netz.

5G - das Netz der Zukunft. Datenübertragung in Echtzeit, wird gebraucht in Medizin und Industrie. Voraussetzung, zum Beispiel, für autonomes Fahren.

Rund 80 Prozent der Menschen glauben, laut Branchenverband Bitkom, dass damit die Funklöcher verschwinden. Ein Irrtum, sagen Experten. Die neuen 5G-Frequenzen werden die Versorgung in der Fläche, also auf dem Land, gerade nicht verbessern.

Bernhard Rohleder

Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer Bitkom

O-Ton, Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer Bitkom:

"Jetzt werden Frequenzen versteigert, mit denen wir nur ganz kurze Strecken per Funk überbrücken können, völlig ungeeignet, um Flächenversorgung darzustellen. Mit den Frequenzen, die wir jetzt haben, werden wir die Funklöcher nicht schließen."

Und so wird auch er weiter in die Röhre kieken. Volker Rühl, Ortsvorsteher einer 700-Seelen-Gemeinde in Hessen. Auch hier ist eben Mecklenburg-Vorpommern. Entweder vom Gullydeckel oder von seinem Badezimmer aus kann er telefonieren:

Volker Rühl

Volker Rühl, SPD, Ortsvorsteher Espa

O-Ton, Volker Rühl, SPD, Ortsvorsteher Espa:

"Jetzt, hier geht’s. Zwei Balken LTE im Bad."


O-Ton, Andreas Scheuer, CSU, Minister für digitale Infrastruktur, 20. Juli 2018:

"Ein Dorf ohne Netz, das darf es eigentlich nicht geben."

Ein Blick zum Nachbarn - nach Österreich. Bekannt für hohe Berge, tiefe Täler, viele Tunnel und entlegene Dörfer. Doch hier funktioniert das Handy immer. Kein Funkloch weit und breit. Warum ist das so?

Der deutsche Fiskus hat für die Handy-Frequenzen bisher unvorstellbare 60 Milliarden kassiert. Gerade mal drei waren es dagegen in Österreich.

Das hat natürlich Folgen, sagt die Netzpolitische Sprecherin der Links-Fraktion Anke Domscheit-Berg. Der Staat wollte maximale Einnahmen, um Haushaltslöcher zu stopfen, habe dabei aber nicht das Gemeinwohl im Auge gehabt.

Anke Domscheit-Berg

Anke Domscheit-Berg, MdB, Netzpolitische Sprecherin Linksfraktion

O-Ton, Anke Domscheit-Berg, MdB, Netzpolitische Sprecherin Linksfraktion:

"So hat man zwar mehrere zig Milliarden Euro dafür eingenommen. Die fehlten aber den Netzbetreibern für den Netzausbau. Wir haben damit also einen schlechteren Ausbau bekommen und gleichzeitig viel höhere Preise. Wegen der höheren Preise können sich das aber viel weniger Menschen leisten."

Und was droht jetzt? Die schnellen Handynetze 4G und 5G werden ausgebaut. Preiswerte Handyverträge der dritten Generation werden so verschwinden. Doch die Funklöcher bleiben uns erhalten - noch jahrelang.

O-Ton, Anke Domscheit-Berg, MdB, Netzpolitische Sprecherin Linksfraktion:

"Wir haben digitale Teilhabe und ein tolles Mobilfunknetz in der Theorie. In der Praxis für Reiche und für Städte. Wir haben es nicht für die Ärmeren auf dem Land."