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SENDETERMIN Mo, 19.7.2010 | 21:45 Uhr | Das Erste

Die katholische Kirche und die Wahrheit Neue Vertuschungsvorwürfe gegen Erzbischof Zollitsch

Moderation Fritz Frey:

Vor gut vier Monaten haben wir zum ersten Mal über Vorwürfe berichtet. Vorwürfe an die Adresse von Robert Zollitsch, Erzbischof in Freiburg und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.

Er sei dem Verdacht nicht energisch genug nachgegangen, als es hieß, Kinder seien durch einen Pfarrer sexuell missbraucht worden. Dabei hatte sich Zollitsch bis dahin als rückhaltloser Aufklärer präsentiert.

O-Ton, Robert Zollitsch, Vorsitzender dt. Bischofskonferenz, 12. März 2010:

»Wir wollen die Wahrheit aufdecken und eine ehrliche Aufklärung, frei von falscher Rücksichtnahme. Die Opfer haben ein Recht darauf.«

Was ist aus diesem Vorsatz geworden? Ulrich Neumann und Gottlob Schober sind drangeblieben am Thema, haben neue Details zutage gefördert und haben Menschen getroffen, die zutiefst enttäuscht sind von Robert Zollitsch.

Bericht:

Dieser Pfarrer ist Seelsorger in der Erzdiözese Freiburg. Er bat uns, seinen Namen und seinen Wohnort nicht zu nennen. Seit vielen Jahren trägt der Seelsorger schwer an einer Last aus der Vergangenheit.

Diesen Brief hat ihm sein Neffe Anfang der 90er Jahre überlassen. Es ist ein Hilfeschrei. Darin protokolliert der ehemalige Ministrant auf vier Seiten detailliert, wie er über lange Zeit im Baden-Württembergischen Oberharmersbach sexuell missbraucht wurde.

Seelsorger

Seelsorger

O-Ton, Seelsorger:

»Ich war schockiert über die Massivität dieser Vorgänge, was da alles tatsächlich lief, wie die Kinder tatsächlich missbraucht wurden, im wahrsten Sinne des Wortes. Und ja, das hat mir schon sehr zugesetzt, als ich das gelesen habe, die vier Seiten.«

Von diesem Missbrauchsfall hat der damalige Domkapitular und Personalreferent des Erzbistums Freiburg, Robert Zollitsch, Anfang 1992 erfahren. Der Seelsorger hat ihn damals persönlich informiert. Zollitsch bat ihn und das Opfer daraufhin zu einem persönlichen Gespräch.

Frage: Ist Freiburg, ist Herr Zolitsch, mit dem sie ja persönlich gesprochen haben, diesen Vorwürfen intensiv nachgegangen?

O-Ton, Seelsorger:

»Zum damaligen Zeitpunkt und aus heutiger Sicht würde ich sagen: nein. Man wollte das Image wahren, damals. Leider Gottes habe ich auch fast bis jetzt einen ähnlichen Eindruck.«

März 2010. REPORT MAINZ berichtet erstmals über die Missbrauchsfälle in Oberharmersbach. Und er ist der mutmaßliche Täter: Ortspfarrer Franz B. Über ihn und seine Opfer hat REPORT MAINZ vor vier Monaten schon einmal berichtet.

R. Hildebrand

Raphael Hildebrandt, Missbrauchsopfer

O-Ton, Raphael Hildebrandt, Missbrauchsopfer, 22. März 2010:

»Die erste Situation, wo es einem richtig... ja, wo es einem den Boden unter den Füßen wegzieht, das war dann, als er angefangen hat rumzufummeln, man solle sich einmal frei machen, und das allererste war natürlich: Es ist die Größe gemessen worden von seinem Genitalglied.«

Zwischen 1968 und 1991 hat Franz B. mindestens 22 Kinder und Jugendliche missbraucht.

Die REPORT-MAINZ-Recherchen zwingen Robert Zollitsch zu einer Stellungnahme vor der versammelten Presse. Dort versucht er den Eindruck zu vermitteln, er sei verantwortungsvoll mit dem Oberharmersbacher Missbrauchsskandal umgegangen.

Robert Zolitsch

Robert Zollitsch, Erzbischof von Freiburg, 20. März 2010

O-Ton, Robert Zollitsch, Erzbischof von Freiburg, 20. März 2010:

»Ich nehme für die Bistumsleitung und mich in Anspruch, immer nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt zu haben.«

Doch vieles von dem, was im März von der Diözese verkündet wurde, stellt sich heute als falsch heraus.

Beispiel eins: Das Erzbistum behauptete im März, man habe 1991 zwar vom Missbrauch erfahren, aber es habe nur vage Hinweise und Gerüchte gegeben. Pfarrer Franz B. wurde mit Auflagen in den Ruhestand versetzt. 1995 erhängte sich der mutmaßliche Sexualstraftäter, als er von einem Opfer bei der Staatsanwaltschaft angezeigt wurde.

Erst 1995 habe die Erzdiözese von einem Missbrauchsopfer erfahren, obwohl Robert Zollitsch persönlich schon seit Anfang 1992 wusste, dass der Neffe des Seelsorgers missbraucht worden war.

Frage: Also Herr Zollitsch hat gelogen im März?

O-Ton, Seelsorger:

»Ja gut, das Wort Lüge möchte ich nicht gebrauchen.«

Frage: Wie würden Sie sagen?

O-Ton, Seelsorger:

»Er hat nicht die ganze Wahrheit gesagt.«

Heute sagt Erzbischof Zollitsch: Die Stellungnahme im März 2010 musste unter enormem Zeitdruck formuliert werden. Die Vorgänge von 1992 und die von 1995 hatten sich nach so vielen Jahren in seinem Gedächtnis verschoben.

Beispiel zwei:

Robert Zolitsch

Robert Zollitsch, Erzbischof von Freiburg, 20. März 2010

O-Ton, Robert Zollitsch, Erzbischof von Freiburg, 20. März 2010:

»Es ging uns nie darum, etwas zu vertuschen. Leider hat uns das lange Schweigen vor Ort an einem frühen Eingreifen verhindert.«

Was Zollitsch hier verschweigt: Er hatte mit dem mutmaßlichen Sexualstraftäter schon 1992 ein Gespräch, konfrontierte ihn mit den Vorwürfen. Das geht aus den Briefen hervor, die REPORT MAINZ vorliegen. Bei diesen Gesprächen legte Pfarrer B. quasi ein Geständnis ab.

Zitat:

»Herr Pfarrer B. bestritt weder die Aussagen, noch bestätigte er sie, brach in Tränen aus und äußerte mehrfach, wie leid ihm alles tue. Zugleich legte er ausführlich seine Situation dar und zeigte auf, wie sehr er darum bemüht war, durch ein Leben des Gebets und der Buße möglichst vieles wiedergutzumachen.«

Und: Trotz des Eingeständnisses von Pfarrer Franz B. Erzbischof Zollitsch sah jahrelang keine Veranlassung die Staatsanwaltschaft einzuschalten. Aus seinen Briefen von 1995 geht auch hervor: Das Wohlergehen des suizidgefährdeten Pfarrers war ihm wichtiger als das Aufklärungsinteresse der Opfer.

Zitat:

»Eine solche „Aufklärung“ hätte – zudem nach vier Jahren – nur noch den Sinn eines Racheaktes gegenüber einem alten und kranken Mann … Eine solche nachträgliche Rache nützte niemandem und würde einen Menschen ohne Not in den Ruin oder gar Tod treiben.«

Inzwischen räumt Erzbischof Zollitsch ein: Die Staatsanwaltschaft hätte damals eingeschaltet werden müssen. Den Vorwurf der Vertuschung weißt er aber zurück und spricht heute von Schadensbegrenzung.

O-Ton, Seelsorger:

»Ich denke, es wurde vertuscht, schlicht und einfach. Man wollte den Skandal verhindern auf dem Rücken der Schwächsten. Und das war nicht gut.«

Ähnlich denkt Karl August Lehmann, Lehrer in Oberharmersbach. Seit 20 Jahren hat er engen Kontakt zu den Opfern. Robert Zollitsch hat bei ihm und vielen missbrauchten ehemaligen Ministranten die Glaubwürdigkeit verloren.

K. A. Lehmann

Karl-August Lehmann, Lehrer

O-Ton, Karl-August Lehmann, Lehrer, Oberharmersbach:

»Es ist für mich frustrierend und vor allem bekommt man im Laufe der Zeit auch eine Wut über das Verhalten, wenn Stück für Stück immer wieder etwas Neues in die Diskussion kommt. Es wird gemauert, es wird vertuscht, es wird gelogen, bis es nicht mehr anders geht «


O-Ton, Missbrauchsopfer (Stimme nachgesprochen):

»Das ist uns gegenüber jedesmal eine Klatsche ins Gesicht. Man merkt, dass immer nur das auf den Tisch kommt, was bewiesen werden kann, und alles andere wird als Lügen abgestempelt. Es geht nur um Macht, wie in der Politik auch.«

Schon im März 2010 musste sich Robert Zollitsch bei den Opfern entschuldigen. Im Juli ein zweites Mal. Wann kommt in Oberharmersbach endlich die ganze Wahrheit auf den Tisch?

Abmoderation Fritz Frey:

Robert Zollitsch – Maria Jepsen. Bis vor kurzem war sie Bischöfin in Hamburg. Wie sich die Fälle doch ähneln, die Konsequenzen aber sind ganz unterschiedlich. Bischöfin Jepsen ist vergangene Woche zurückgetreten. Und der Freiburger Erzbischof? Er gesteht Fehler ein.

aus der Sendung vom

Mo, 19.7.2010 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autoren:
Ulrich Neumann
Gottlob Schober
Kamera:
Thomas Schäfer
Schnitt:
Ingrid Fassbender