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Text des Beitrags Nach versuchtem Bombenattentat

Warum ein Kind von einem Salafisten betreut wurde

Salafisten werben mit dem Koran

Der Betreuer des 13-Jährigen war Akteur der salafistischen Koranverteilaktion "LIES".

Moderation: Birgitta Weber

Manchmal recherchieren wir Geschichten, die wir selbst kaum glauben können. Der Fall des 12-Jährigen mutmaßlichen Bombenbauers aus Ludwigshafen mit islamistischem Hintergrund gehört dazu.

Nach den missglückten Anschlägen haben sich die Behörden intensiv um den Jungen gekümmert. Nun hat Eric Beres herausgefunden, dass der Psychologe, der ihn betreute, selbst Kontakte zur salafistischen Szene hatte.

Eine unglaubliche Panne. Von den Behörden wollte dazu niemand vor unserer Kamera etwas sagen. Doch als dann klar war, dass wir berichten, lud das grüne Jugendministerium in Rheinland-Pfalz heute flugs zum Pressegespräch.

Eric Beres mit der ganzen Geschichte.


Bericht:

Facebook-Profilbild des zwölfjährigen Bombenbauers

Facebook-Profilbild des 13-jährigen Bombenlegers

Schwarze Taschen. Darin versteckt: Nagelbomben, die wohl Menschen töten sollten.

Der mutmaßliche Täter: Ein Junge, damals gerade erst zwölf Jahre alt. Er war über das Internet eng in ein Netzwerk des IS verstrickt.

Die Anschläge misslingen, aber der Fall in Ludwigshafen schlägt damals bundesweit Wellen. Die rheinland-pfälzische Jugendministerin zeigt sich entsetzt…


O-Ton, Anne Spiegel, B’90 / Grüne, Jugendministerin Rheinland-Pfalz, 15.03.2017:

"…dass der IS immer jüngere Kinder in den Fokus nimmt."

Öffentlichkeitswirksam versprechen sie und die Verantwortlichen in Ludwigshafen: Der Junge komme an einen sicheren Ort, werde bestmöglich betreut.


Was ist daraus geworden?

Als wir unsere Recherchen beginnen, ahnen wir noch nicht, dass wir einer unglaublichen Behördenpanne auf der Spur sind.

An einem unbekannten Ort soll der Junge unter der Regie des Jugendamts von seiner dschihadistischen Gesinnung abgebracht werden. Doch wer betreut ihn dabei?

Wir bekommen einen Tipp: Einer der Betreuer ist ein 30-jähriger Psychologe. Auf Facebook nennt er sich Ibrahim.

Auf den ersten Blick gibt er sich harmlos, zum Beispiel beim Müsli-Essen. Doch dann entdecken wir Erstaunliches: Er teilt Videos von bekannten Salafisten, wie Pierre Vogel.

Eines der Fotos zeigt ihn als Akteur bei dem Koranprojekt "Lies". Ein Projekt, das wegen verfassungsfeindlicher Tendenzen inzwischen verboten ist. Ist der Betreuer also selbst ein Extremist?

Wir bitten zwei Experten um eine Einschätzung: Prof. Susanne Schröter, sie leitet das Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam. Und: Michael Kiefer. Der Islamwissenschaftler betreut Präventionsprojekte gegen islamistischen Extremismus.


Michael Kiefer

Michael Kiefer

O-Ton, Michael Kiefer, Universität Osnabrück:

"Die Mitwirkung bei der Lies-Aktion ist ein klarer Hinweis auf eine Szene-Zugehörigkeit."




O-Ton, Prof. Susanne Schröter, Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam:

"Diese Person ist ein ganz überzeugter Salafist. Wenn man sich sein Facebook-Profil anschaut, dann hat er die salafistische Ideologie vollkommen verinnerlicht."

Wir durchforsten das Internet, finden Videos vom März 2014. Eine Salafisten-Kundgebung in Mannheim. Der Prediger Pierre Vogel heizt die Menge an.


O-Ton, Internetvideo:

"Wir sind bereit, für unsere Religion zu leben und zu sterben."

Unter den Ordnern, in gelber Weste: Ibrahim. Also der Mann, der Jahre später helfen soll, einen 13-Jährigen von der salafistischen Ideologie zu befreien.

Wir erfahren: Bis heute besucht Ibrahim diese Moschee in Mannheim. Sie gilt als Anlaufstelle von Salafisten, wird deshalb vom Verfassungsschutz beobachtet.

Was sagen die zuständigen Behörden dazu? Über Tage werden unsere Anfragen abgelehnt. Jetzt, da wir berichten wollen, bestellt das Jugendministerium eiligst die Presse ein.

Verantwortliche aus Ministerium, Jugendamt und Landeskriminalamt wollen endlich aufklären. Die Ministerin ist im Urlaub, ihre Staatssekretärin wird noch einmal grundsätzlich:

Christiane Rohleder

Christiane Rohleder

O-Ton, Christiane Rohleder, B’90 / Die Grünen, Staatssekretärin, Jugendministerium Rheinland-Pfalz:

"Wir haben es hier mit einem bundesweit einmaligen Fall zu tun. Und da gibt es keine Blaupause, die man einfach übernehmen konnte, was man hier alles beachten muss."


Der Chef des Landeskriminalamts bestätigt unsere Recherchen.

O-Ton, Johannes Kunz, Leiter Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz:

"Die salafistischen Bezüge des Betreuers sind durchaus belastbar. Die Erkenntnislage ergibt sich unter anderem aus Internetauftritten, an denen er selbst mitwirkt."

Ein Dschihadist, betreut von einem Salafisten? Wie ist das möglich?

Das Jugendamt der Stadt Ludwigshafen sagt, nicht das Amt habe das Personal ausgewählt, sondern eine externe Firma, die mit der Betreuungsmaßnahme beauftragt worden sei.

Wir wollen von der Firma wissen, warum sie den Betreuer Ibrahim eingestellt hat. Doch hier treffen wir nur auf eine Verwaltungsangestellte, Anfragen bleiben unbeantwortet.

Später erfahren wir: Ibrahim bewirbt sich genau zu dem Zeitpunkt bei der Firma, als diese Personal für die Betreuung des 13-Jährigen sucht.

Wochen später rät das Landeskriminalamt, sämtliche Betreuer zu überprüfen. Doch bevor die Überprüfung abgeschlossen ist, hat Ibrahim seinen Job längst angetreten.

Laut einem Insider soll er den 13-Jährigen sogar im Koran unterrichtet und mit ihm gebetet haben. Zehn Wochen lang hat er Zugang zu dem Jungen.

Dann zeigt die Überprüfung: Den Sicherheitsbehörden ist der Betreuer längst bekannt. Erst jetzt zieht ihn das Jugendministerium aus dem Verkehr.


Prof. Susanne Schröter

Prof. Susanne Schröter

O-Ton, Prof. Susanne Schröter, Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam:

"Ich finde, das ist eine unerträgliche Panne. Ich sehe das Ministerium durchaus in der Verantwortung, das Ministerium hat die Oberhoheit über diesen gesamten Prozess. Das könnte man erwarten, dass das Ministerium die Sache ernst genug nimmt."

Sieht sich auch die Jugendministerin Spiegel in der Verantwortung? Ihre Beamten sitzen regelmäßig in Expertenrunden, in denen der Fall des 13-Jährigen besprochen wird.

Ihre Staatssekretärin sagt, für die Umsetzung des Betreuungskonzepts sei die Stadt Ludwigshafen zuständig. Und was die Zuverlässigkeit von Betreuern angeht, gebe es klare Konsequenzen.


O-Ton, Christiane Rohleder, B’90 / Die Grünen, Staatssekretärin, Jugendministerium Rheinland-Pfalz:

"Das, was wir gesagt haben, ist, dass wir möchten, dass alle künftig vor Einsatz sicherheitsüberprüft werden."

Doch ist das so? Wie ist es nach der Entlassung von Ibrahim zum Beispiel mit dem neuen Betreuer des 13-Jährigen?

Wir wollen vom Chef des Landeskriminalamts wissen, ob sich wenigstens jetzt alle Behörden an das vereinbarte Prozedere halten. Wir erfahren Erstaunliches.


Johannes Kunz

Johannes Kunz

O-Ton, Johannes Kunz, Leiter, Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz:

"Der Betreuer war zum Zeitpunkt seiner Einstellung nicht sicherheitsgeprüft."

Frage: Das heißt, dieser Nachfolger hat ohne abgeschlossene Sicherheitsüberprüfung seinen Dienst begonnen?


O-Ton, Johannes Kunz, Leiter, Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz:

"Für etwa fünf Tage. Das sind Abweichungen, die wir in der Zukunft auf jeden Fall ausschließen müssen."

Der neue Betreuer sei jedenfalls kein Salafist, beruhigt er. Wer diese neuerliche Panne verursacht hat, dazu kann hier heute niemand etwas sagen.

Fazit: Ein 13-jähriger hochradikalisierter Junge, betreut von Leuten ohne Sicherheitsprüfung. Deutlich wird: Weder Ministerium noch Jugendamt wollen in dem Fall die Verantwortung übernehmen.


O-Ton, Michael Kiefer, Universität Osnabrück:

"Dass tatsächlich ein Akteur der neosalafistischen Szene mit einem jungen Schützling, der einen Anschlag ausführen wollte, in Verbindung kommt in einer Hilfemaßnahme. Das ist etwas, das darf auf keinen Fall passieren."