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SENDETERMIN Di, 10.11.2020 | 22:04 Uhr | Das Erste

Mit allen Mitteln Wie Corona-Kritiker Kinder instrumentalisieren

Seit Monaten machen so genannte Querdenker Stimmung gegen die Masken-Pflicht. REPORT MAINZ zeigt, wie die Corona-Leugner dafür Kinder und Jugendliche instrumentalisieren. In Videos wird die Fake-News verbreitet, Kinder seien durch das Tragen einer Maske gestorben. In einer geschlossenen Chatgruppe für Jugendliche werden zudem Verschwörungstheorien geteilt.

Heilbronn, vor wenigen Tagen. Corona-Kritiker haben sich vor dem staatlichen Schulamt versammelt. Sie fordern die Abschaffung der Maskenpflicht in den Schulen.

Reporter: "Warum sind Sie heute hier, was ist Ihr Anliegen?"

Mutter: "Um unsere Kinder zu schützen."

Reporter: "Warum?"

Mutter: "Weil es einfach gefährlich ist, eine Maske den ganzen Tag zu tragen."

Kinder, die durch Masketragen gefährdet werden? Woher kommen solche Aussagen?

Organisiert wurde die Demo von der Bewegung "Querdenken", die seit Monaten gegen Corona-Maßnahmen protestiert. Werden gezielt Ängste um Kinder geschürt?

In Chats von Corona-Kritikern kursieren Videos wie dieses. Untermalt mit dramatischer Musik berichtet eine Kinderstimme, eine Schülerin habe eine Maske tragen müssen.

Kind, Quelle: telegram/allesaußermainstream: "Jetzt ist Lisa tot. Weil sie die Maske aufbehalten hat. Tod durch Sauerstoffmangel."

Kinderarzt: Alltagsmasken sind ungefährlich

Wir zeigen dieses Video Burkhardt Rodeck, Generalsekretär bei der Deutschen Gesellschaft für Kinder und Jugendmedizin. Können Kinder wirklich durch Masketragen sterben?

Burkhard Rodeck

Burkhard Rodeck

Burkhard Rodeck, Deutsche Gesellschaft für Kinder und Jugendmedizin e. V.: "Alltagsmasken sind nicht gefährlich für Kinder. Wir kennen ja aus der Kinder- und Jugendmedizin natürlich auch einen großen Bereich, in dem auch ganz kleine Kinder Masken tragen. Das ist die Kinderonkologie. Kinder-Krebserkrankung. Und all diese Kinder tragen diese Maske ohne irgendein Problem."

Trotzdem hält sich wochenlang das Gerücht, drei Kinder seien durch Masketragen gestorben. Dabei gibt es dafür bis heute keine Beweise.
In einem der Fälle stellt sogar die Staatsanwaltschaft nach der Obduktion eines Mädchens ausdrücklich fest, es gebe keinen Hinweis, dass es durch das Tragen des Mund-Nase-Schutzes gestorben sei.

Er hat diese Gerüchte maßgeblich befeuert: Bodo Schiffmann. HNO-Arzt aus Baden-Württemberg. Seit Wochen tritt er bei Kundgebungen auf, verharmlost Corona.

Bodo Schiffmann, Quelle: telegram/allesaußermainstream: "Die Faschisten sitzen in der Regierung. Und diese Faschisten gehen an unsere Kinder, gehen an eure Kinder. Gehen an eure Enkel."

Leipzig, an diesem Wochenende. Großdemo der Querdenker. Mindestabstand oder Maske – so gut wie Fehlanzeige. Am Rande konfrontieren wir Schiffmann mit seinen Aussagen über angeblich tödliche Gefahr von Masken für Kinder.

Bodo Schiffmann

Bodo Schiffmann

Bodo Schiffmann, Corona-Kritiker: "Ich habe nicht gesagt, dass Kinder an einer Maske gestorben sind. Ich habe gesagt, es ist nicht ausgeschlossen, dass Kinder durch diese Masken gestorben sind und es ist nach wie vor nicht ausgeschlossen. Und auch die Gerichtsmedizin hat nicht bewiesen, dass es nicht im Zusammenhang mit der Maske ist. Zitieren Sie mich nicht falsch!"

In einem emotionalen Video in seinem Telegram-Kanal hat er vor kurzem jedenfalls das behauptet:

Bodo Schiffmann, Quelle: telegram/allesaußermainstream: "Kinder sterben. Weil sie Masken tragen. Gegen eine Erkrankung, die es nicht gibt."

Burkhard Rodeck, Deutsche Gesellschaft für Kinder und Jugendmedizin e. V.: "All diese Todesfälle in Zusammenhang mit Masketragen zu bringen, ist wiederum falsch. Das ist ein Versuch, einen kausalen Zusammenhang herzustellen, den es aber nicht gibt. Diese Masken sind sicher, sie führen nicht zum Tod."

4:13 min | Di, 10.11.2020 | 22:04 Uhr | Das Erste

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Mit allen Mitteln

Autorengespräch: Wie Corona-Kritiker Kinder instrumentalisieren

Autor Christian Saathoff hat mit Kinder- und Jugendpsychologen über das Tragen von Masken und die gesundheitlichen Folgen für Kinder gesprochen.


Aktivisten treten an Schüler*innen heran

Inzwischen treten Akteure aus dem Querdenken-Umfeld auch an Jugendliche heran. In Darmstadt hat der 17-jährige Tim erlebt, wie morgens Aktivisten an einer Schule auftauchen. Die Szene haben Schüler mit Handys festgehalten. Sie werden ungefragt gefilmt und mit kruden Aussagen zur Alltagsmaske konfrontiert.

Aktivist, Quelle: privat: "Was sagst du zu den Studien, die belegen, dass die Rückatmung von CO2 die Schüler krank machen kann? Kollabieren lassen kann? Ist das dir egal?"

Tim erzählt uns, er und andere Schüler seien aufgefordert worden, ihre Masken abzulegen.

Tim ist Schüler

Tim ist Schüler

Tim, Schüler: "Inhaltlich sind sie sehr aggressiv vorgegangen. Sie haben ein Gespräch mit uns gesucht. Aber sobald wir eine Sache gesagt haben, die ihnen inhaltlich nicht gepasst hat, haben sie das unterbunden. Sobald dieser Livestream weg war, bestand kein Diskussionsinteresse mehr vonseiten der Querdenker."

Hier hatten die Querdenker offensichtlich keinen Erfolg bei den Jugendlichen. Doch ist das überall so?

Zurück in Leipzig. Hier fällt uns eine Gruppe junger Leute auf. Es sind Anhänger von ihm: Samuel Eckert, Mitstreiter des HNO-Arztes Bodo Schiffmann und Internetaktivist

Samuel Eckert

Samuel Eckert

Samuel Eckert, Internetaktivist: "Ich bin ein Corona-Leugner, denn die wissenschaftliche Evidenz, die es dafür gibt, ist nicht existent."

Der selbsterklärte Corona-Leugner hat eine Chat-Gruppe nur für 10- bis 17-Jährige gegründet, die "Samuel Eckert Youngsters".

Hineinkommt nur, wer sich mit Videos und Dokumenten als Schüler ausweisen kann. Doch REPORT MAINZ werden exklusiv zahlreiche Chat-Protokolle zugespielt.

Im Kinder-Chat werden Verschwörungsmythen verbreitet

Zur Maskenpflicht schreibt ein Chat-Mitglied, was die Bundesregierung mache, sei "Körperverletzung und möglicherweise sogar Mord".

Zitat aus dem Chat: "Wir müssen Milliarden werden!!! Und dann alle Merkel umzingeln!!!"

Kurz nachdem bei einem Terrorakt in Wien Menschen sterben, schreibt ein Chatmitglied, der Anschlag sei ein "Fake".
Aussagen wie diese bleiben unwidersprochen. Auch die erwachsene Administratorin moderiert kaum. Warum nicht? Das wollen wir von Samuel Eckert in Leipzig wissen.

Samuel Eckert, Internetaktivist: "Punkt eins: Zensur ist doch etwas, wogegen Sie eigentlich auch sind, oder nicht? Sind Sie gegen Zensur oder nicht?"

Reporter: "Es geht ja aber nicht um Zensur in der Gruppe."

Samuel Eckert, Internetaktivist: "Doch, natürlich. Wenn Sie sagen: 'Wir müssen bei der Verbreitung von Nachrichten eingreifen', ist das Zensur. Sind Sie für Zensur oder nicht?"

Reporter: "Das habe ich doch gar nicht gesagt."

Die Chat-Mitglieder befeuern sich jedenfalls mit abwegigen Verschwörungsmythen und sie werden gezielt als Redner für die Anti-Corona-Demos rekrutiert. Mehrfach sprechen Jugendliche öffentlich im Namen der Chat-Gruppe. So auch vor einigen Tagen bei einer Querdenker-Demo in Karlsruhe.

Jungaktivistin, Quelle: youtube.com/samueldegen4u: "Liebe Verantwortlichen, denkt nicht, dass wir dieses perfide Spiel der Angst und Unterdrückung noch lange mitmachen! Ich bin ein Youngster und ich bin stolz, einer sein zu dürfen!"

Was für eine Strategie steckt dahinter? Die Sozialpsychologin Pia Lamberty beobachtet die Querdenker-Szene seit Monaten.

Pia Lamberty

Pia Lamberty

Pia Lamberty, Expertin für Verschwörungsmythen: "Indem man Kinder für politische Proteste nutzt, versucht man auch anschlussfähig zu werden und zwar eben nicht nur die Kinder zu erreichen, sondern auch Eltern, vielleicht Großeltern und sich als vielleicht sogar bürgerlich zu geben. Also ich halte es für unverantwortlich, wenn Kinder für die eigenen politischen Ziele instrumentalisiert werden."

Doch genau darum scheint es Aktivisten wie Samuel Eckert und Bodo Schiffmann zu gehen. Im Kampf gegen die Corona-Maßnahmen scheint manchen Kritikern jedes Mittel recht.


aus der Sendung vom

Di, 10.11.2020 | 22:04 Uhr

Das Erste