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SENDETERMIN Mo, 19.11.2007 | 21:45 Uhr | Das Erste

Misshandelte Bewohner, geschönte Berichte Wie ein Pflegeheim für alte Menschen zur Hölle wurde

Ja, da sind wir wieder, wir von REPORT MAINZ. Guten Abend. Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein. Mit dem berühmten Zitat aus Goethes „Faust“ lässt sich prima werben für Pflegeeinrichtungen. Denn das ist doch unsere Angst, dass wir, einmal ins Heim gekommen, eben nicht mehr Mensch sein können, weil wir unsere Würde verlieren.

Es wundert also nicht, dass die Casa Reha-Unternehmensgruppe genau mit dem Goethe-Wort wirbt. Wirbt für ihre vielen Einrichtungen, die sich verteilen, mehr oder weniger auf das gesamte Bundesgebiet. Gegen eine dieser Einrichtungen gibt es jetzt schwere Vorwürfe. Von Skandal ist die Rede, von katastrophalen Zuständen und dass Heimbewohner vor Schmerzen und Durst geschrieen hätten. Gottlob Schober hat recherchiert und hat sich dabei auch direkt vor Ort mal umgesehen.

Bericht:

O-Ton:

»Es ist eben nicht so wie es sein soll. Wie man es sich auch wünscht und erwartet.«

Frage: Warum?

O-Ton:

»Na ja, weil die Pflege manchmal nicht so sein, ich sage, sein kann, sie haben die Zeit nicht dazu.«

O-Ton:

»Wollen Sie wieder reinkommen?«

O-Ton:

»Ja, bitte«

Frage: Warum dürfen wir nicht mit ihr reden? Warum nehmen Sie sie jetzt gleich rein?

O-Ton:

»Weil, ich glaube, dass das hier nicht sehr objektiv abläuft.«

Die befragte ältere Dame lebt im Casa Reha-Heim in Mainz-Finthen. Das Heim ist in die Kritik geraten. Heinz Grimms Frau war mehrere Wochen in dieser Einrichtung untergebracht. Zehn Jahre lang hat sie der 87-Jährige selbst gepflegt. Als er sich 2005 einer Augenoperation unterziehen musste, ging es nicht mehr. Sein Vorwurf:

O-Ton, Heinz Grimm:

»Das ist kein Pflegeheim, das ist die Hölle.«


Frage: Warum?

O-Ton, Heinz Grimm:

»Also für meine Frau war das die Hölle. Weil dass das Schlimmste war, was sie in den zehn Jahren erlebt hat. Das Essen hat mittags noch da gestanden als ich kam - unberührt. Und deshalb bin ich abends immer hin und habe das Essen dort selbst geholt, habe es ihr mundgerecht zubereitet. Und habe sie dann gefüttert.«

Heinz Grimm ist nicht der Einzige, der Vorwürfe erhebt. Auch ein Insider berichtet über gravierende Missstände. Bis vor kurzem arbeitete er in der Mainzer Casa Reha-Einrichtung. Aus Angst vor Repressionen tritt die Pflegekraft nur verdeckt vor die Kamera. Sie berichtet von schweren Misshandlungen, Bewohner seien sogar geschlagen worden.

O-Ton, Pflegerin (nachgesprochen):

»Wir haben Bewohner, die verkrampfen sich am Rollstuhl oder auch am Bett. Und wenn die Zusammenarbeit nicht so funktioniert, wie manche Pflegekräfte es meinen, dann kann so etwas passieren.«

Frage: Und was passiert dann?

O-Ton, Pflegerin (nachgesprochen):

»Ja, dass man auf die Arme geschlagen bekommt oder auf die Seite geworfen wird. Man wird gegen das Bettgitter gedrückt. Es passiert auch schon, dass eine Hand im Bettgitter drin ist. Und wenn man den alten Menschen dann dreht, dann kann die Hand aufreißen.«

Diese Bilder stammen aus der Einrichtung. Sie wurden uns zugespielt. Bewohner mit aufgerissenen Händen und starken Blutergüssen an den Armen. Sie machen die Aussagen unseres Informanten glaubhaft und erhärten den Verdacht, dass Straftaten an wehrlosen Menschen verübt wurden.

Am 9. Oktober 2007 kontrollieren der Medizinische Dienst der Krankenversicherung und die Heimaufsicht die Casa Reha-Einrichtung. Ergebnis: Bei mindestens drei Bewohnern lag ein so genannter Hungermarasmus vor, ein schwerer Grad der Unterernährung, den man vor allem aus Dritte-Welt-Ländern kennt.

Was sagt Casa Reha zu diesen Vorwürfen? Waltraud Heimbeck gibt uns ein Interview. Sie ist erst seit wenigen Tagen kommissarische Heimleiterin in Mainz. Ihr Vorgänger und mehrere Pflegekräfte wurden freigestellt.

Frage: Bekamen pflegebedürftige Menschen bei Casa Reha zu wenig zu essen und zu trinken?

O-Ton, Waltraud Heimbeck, kommissarische Heimleiterin Casa Reha:

»Die Aussage ist falsch, sehe ich als nicht bestätigt an.«

Frage: Wurden Bewohner geschlagen und hatten dadurch Blutergüsse?

O-Ton, Waltraud Heimbeck, kommissarische Heimleiterin Casa Reha:

»Wurde auch bei diesen Nachuntersuchungen und bei den Gutachten als nicht, ..., - die Aussage ist falsch!«

Was sind diese Dementis wert? Casa Reha verteidigt sich immer wieder mit einem Gutachten des Gesundheitsamtes Mainz-Bingen. Dort wird tatsächlich von einem guten Pflegezustand der untersuchten Bewohner und einer vorbildlichen Patientendokumentation gesprochen. Merkwürdig daran ist nur, dass Heimaufsicht und Medizinischer Dienst am selben Tag, bei der Kontrolle der selben Bewohner zu einem genau entgegengesetzten Ergebnis kamen. Vieles spricht dafür, dass das Gesundheitsamt schlampig gearbeitet hatte.

Frage: Waren die Dokumentationen ordentlich geführt?

O-Ton, Pflegerin (nachgesprochen):

»Nein, die waren nicht ordentlich geführt. Wenn ich zum Dienst kam, waren die Dokumente bereits abgezeichnet.«

Auch der Medizinische Dienst spart nicht an Kritik. So habe das Gesundheitsamt selbst offensichtliche Fehler in der Pflegedokumentation nicht erkannt. Ein Bewohner sei laut Dokumentation als voll mobil eingestuft worden, obwohl bei ihm eine Oberschenkelamputation durchgeführt wurde.

Gegenüber REPORT MAINZ wollte sich dazu kein Vertreter des Gesundheitsamtes vor der Kamera äußern. Der Chef der AOK Rheinland-Pfalz, Walter Bockemühl, spricht für die Pflegekassen. Sie vertrauen uneingeschränkt den Ergebnissen des Medizinischen Dienstes.

O-Ton, Walter Bockemühl, AOK Rheinland-Pfalz:

»Im Falle Casa Reha haben wir überhaupt gar keinen Grund die Seriosität, die Unparteiigkeit der Gutachter anzuzweifeln. Und ich sage noch einmal, auch in der Vergangenheit sind die MDK-Gutachten hier in Rheinland-Pfalz stets unangreifbar, in vergleichbaren Fällen, gewesen.«

Casa Reha hat derzeit 46 Seniorenpflegeheime bundesweit und zählt damit zu den größten privaten Anbietern, heißt es im Internet. Das wirft Fragen auf. Ist Mainz ein Einzelfall? Wie sieht es in anderen Heimen aus? Unangemeldete Kontrollen aller Casa Reha-Einrichtungen sind dringend geboten.

Für die Mainzer Einrichtung wird es eng. Pflegekassen und Heimaufsicht drohen Casa Reha jetzt mit drastischen Konsequenzen.

O-Ton, Walter Bockemühl, AOK Rheinland-Pfalz:

»Sollten sich diese Vorwürfe bestätigen und nicht ausgeräumt werden können, dann denke ich, werden wir auch eine Kündigung von Seiten der Pflegekassen aussprechen.«

Abmoderation Fritz Frey:

Wenige Stunden vor unserer Sendung erreicht uns ein weiteres Gutachten. In Auftrag gegeben von der Casa Reha-Unternehmensgruppe. Und wenn wundert’s, man kommt zu einem anderen Ergebnis: Eine Gefährdung der Heimbewohner habe nicht vorgelegen. Unser Experte aber bleibt dabei: Die Vorwürfe des Medizinischen Dienstes sind gerechtfertigt.

aus der Sendung vom

Mo, 19.11.2007 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autor:
Gottlob Schober
Kamera:
Rainer Häfele
Thomas Schäfer
Schnitt:
Annette Bohr