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SENDETERMIN Mo, 11.1.2010 | 21:45 Uhr | Das Erste

Millionenentschädigungen in der Kundus-Affäre Die ominöse Rolle des Opferanwalts Karim Popal

Was kostet ein toter Afghane den deutschen Steuerzahler? Zugegeben, eine zynische Frage. Aber falsch ist sie deshalb nicht. Genau in diesen Tagen ist im afghanischen Kunduz der Bremer Rechtsanwalt Karim Popal unterwegs.

Er will mit Vertretern der Bundeswehr beraten, wie eine Entschädigung von Opfern aussehen könnte. Opfer eines Luftangriffs, veranlasst hatte ihn der deutsche Oberst Klein, auf zwei gekaperte Tanklaster.

Bei diesem Angriff sind eben auch Zivilisten, darunter etliche Frauen und Kinder, ums Leben gekommen oder verletzt worden. Nun soll eine sinnvolle Wiedergutmachung für die Angehörigen verabredet werden. Doch ist Karim Popal der richtige Mann für diesen Job? Eric Beres hat recherchiert.


Bericht:

Eine Versammlung in Kunduz, vergangenen November. Dieses Video wurde REPORT MAINZ zugespielt. Es zeigt den deutschen Anwalt Karim Popal. Den Dorfältesten verspricht er: Von der deutschen Regierung werde er Entschädigung für die Opfer des Luftangriffes bekommen. Doch um was geht es diesem Mann wirklich?

Rückblick: Der Luftangriff bei Kunduz. Unzählige Menschen sterben. Erst spät spricht die Politik über zivile Opfer und Entschädigung. Ins Rampenlicht tritt ein Bremer Anwalt mit afghanischer Abstammung: Karim Popal. Er gibt vor, die Interessen seiner Landsleute zu vertreten.


O-Ton:
»Wir haben 91 Frauen, die mit ihren Kindern, von ein Kind bis sieben Kind allein leben, ohne Ernährer. Und keiner kümmert sich um diese Personen.«


O-Ton:
»Ich hoffe, dass eine schnelle Entschädigung kommt. Ich hoffe, dass wir das Gesicht der Bundesrepublik Deutschland wieder in Afghanistan bewahren.«


Schnelle Hilfe, Völkerverständigung. Im Gespräch mit den Dorfältesten hört sich das anders an. Karim Popal trifft eine erstaunliche Aussage über die europäischen und amerikanischen Truppen in Afghanistan.


O-Ton:
»In verschiedenen Orten ist es so: Sie gehen in die Dörfer und töten Menschen, weil sie einen langen Bart tragen und sich wie die Taliban kleiden.«


Die Truppen, also auch die Bundeswehr, töten wahllos unschuldige Zivilisten? Das Video mit schriftlicher Übersetzung ins Deutsche zeigen wir Monika Lüke, der Generalsekretärin von Amnesty International Deutschland und dem Grünen-Bundestagsabgeordneten Omid Nouripour.


O-Ton, Omid Nouripour, Bündnis 90/Die Grünen, MdB:

»Das ist eine klare Agitation. Und das ist ein Aufwiegeln der Leute gegen die internationalen Truppen.«






O-Ton, Monika Lüke, Amnesty International Deutschland:

»Diese Aussage entsetzt mich, hat überhaupt keine friedensstiftende Wirkung, sondern schürt ja eher Auseinandersetzung.«





Geht es ihm am Ende also gar nicht um eine friedensstiftende Mission, sondern um möglichst viele Mandate? Auffällig: Er behauptet, die Opfer seien fast ausschließlich Zivilisten.


O-Ton:
»Wir gehen von 179 zivilen Opfern aus.«


Von diesen 179 Opfern seien 137 getötete Zivilisten. Deren Hinterbliebene: potentielle Mandanten für Karim Popal. Auch unabhängige Regierungsorganisationen haben bei Kunduz recherchiert. Sie kommen auf niedrigere Zahlen: Amnesty International nennt 83 tote Zivilisten.


O-Ton, Monika Lüke, Amnesty International Deutschland:
»Zur Zeit schachert Herr Popal um die Opferzahlen, und das halte ich nicht für hilfreich. Ich befürchte, dass das dem Ziel, was wir alle, einschließlich Herrn Popal, haben, eine Entschädigung für die Opfer zu erreichen, eher schadet.«


Jetzt verhandelt das Verteidigungsministerium mit dem Anwalt Karim Popal. Am Ende droht womöglich ein langer Gerichtsprozess. Von allen vermeintlichen Hinterbliebenen hat Popal nach eigenen Angaben mittlerweile Vollmachten eingeholt. Aufnahmen von seiner Mandanten-Akquise.


O-Ton:
»Nehmen Sie mich zu ihrem Anwalt, damit ich die Rechte ihrer Märtyrer verteidigen kann?«


O-Ton:
»Ja.«


Karim Popal erklärt uns gegenüber schriftlich:


Zitat:
»Ich habe keine Mandanten, die ich nicht kenne oder die ich nicht kontaktiert habe.«


REPORT MAINZ liegt diese brisante E-Mail an das Verteidigungsministerium vor. Ein deutscher Anwalt, der Popal zweimal nach Kunduz begleitet hat, schreibt Ende Dezember: Bisher sei es „nur zu einem direkten Zusammentreffen mit insgesamt 11 Angehörigen“ gekommen. „Sämtliche Ihnen darüber hinaus vorliegenden Vollmachten wurden nicht in Anwesenheit der Rechtsanwälte ausgestellt und unterzeichnet.“

Ist das möglich? In Kunduz treffen wir eine Abgeordnete des Regionalparlaments. Sie heißt Korshid Zaka. Sie bestätigt uns, dass sie für Karim Popal Vollmachten besorgt hat.


O-Ton, Khorshid Zaka, Abgeordnete Regionalparlament Kunduz:

»Jede Unterschrift und jeden Fingerabdruck, den wir haben, haben wir von den jeweiligen Personen persönlich bekommen.«





Für Aufwandsentschädigungen, sagt sie, habe Karim Popal ihr auch Geld gegeben. Einige Dorfälteste misstrauen dem deutschen Anwalt mittlerweile. Mohammad Musa Mahmodi ist Direktor der afghanischen unabhängigen Menschenrechtskommission. Im Dezember hat er einen Brief bekommen. Von sechs besorgten Dorfältesten, die Angehörige bei dem Luftangriff verloren haben.


O-Ton, Mohammad Musa Mahmodi, Afghanische unabhängige Menschenrechtskommission):

»Wissen Sie, diese Leute haben den Eindruck: Sie haben niemanden als ihren Anwalt beauftragt, sondern jemand mit dem Namen Popal ist auf sie zugegangen – als Vertreter der deutschen Regierung.«





Popal streitet ab, sich so bei den Leuten vorgestellt zu haben. Fakt ist: Mit dem deutschen Anwalt wollen diese sechs Dorfältesten nichts zu tun haben. Entschädigung wollen sie direkt von der deutschen Regierung.

Fazit: Karim Popal gibt sich als engagierter Opferanwalt, doch seine Methoden sind fragwürdig. Geht es ihm vor allem um Publicity und Honorar?


O-Ton, Omid Nouripour, Bündnis 90/Die Grünen, MdB:
»Es sieht sehr stark danach aus, als würde dort ein Rechtsanwalt tatsächlich versuchen Geld zu machen mit Menschenleben. Und das ist indiskutabel.«


Abmoderation Fritz Frey:

Natürlich muss es eine angemessene Entschädigung für die Angehörigen geben. Doch nach allem was wir heute wissen, ist Herr Popal wohl eher nicht der richtige Gesprächspartner für das Bundesverteidigungsministerium.

aus der Sendung vom

Mo, 11.1.2010 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autor:
Eric Beres
Red. Mitarbeit:
Markus Gürne
Kamera:
Jens Köppelmann,
Eduard Sperling
Amir Said
Schnitt:
Alexander Jung
Sprecher:
Eric Beres