Bitte warten...

SENDETERMIN Di, 30.3.2021 | 22:02 Uhr | Das Erste

Mehr Freiheiten? Corona-Impfung und Genesung - Der planlose Umgang der Regierung

Täglich bekommen mehr Menschen eine Corona-Impfung. Doch bisher weigert sich die Regierung den Geimpften und auch den Genesenen Sonderrechte einzuräumen. Nicht nur Betroffene, auch Virologen und Juristen fordern jetzt Lockerungen der Corona-Regeln für Menschen, die gegen Corona immun sind.

The Happy Disharmonists, Chor: "Ich wollt ich wär immun, ich könnte alles tun. All das was grad verboten war, wegen Corona."

Dieses Lied eines Berliner Chors spricht Viele an, wurde innerhalb weniger Tage über 400. 000-mal geschaut. Auch von Susanne Grams-Sautier. Die 74-Jährige hat gerade eine Corona-Infektion durchgemacht und wünscht sich, dass sie als Genese nun auch mehr tun kann.

Susanne Grams-Sautier

Susanne Grams-Sautier

Susanne Grams-Sautier, Genesene: "Es geht niemals um Genesene. Die brauche ihre Normalität einfach. Die haben es hinter sich, die sind krank gewesen. Das war für viele nicht einfach und jetzt werden sie immer noch ihrem normalen Leben gehindert."

Geimpfte Senioren leben weiter isoliert

Ein kleines Stück mehr Normalität, das wünschen sie sich auch hier. Im Seniorenzentrum Mühlehof in Steinen bei Lörrach. In dieser Einrichtung für betreutes Wohnen sind 51 der 56 Bewohner sowie das Personal zwei Mal geimpft. Bewohner, wie Hansjörg Noe, müssen trotz Impfung weitgehend isoliert in ihren kleinen Apartments leben. Die Situation ist für ihn nur noch schwer zu ertragen:

Hansjörg Noe

Hansjörg Noe

Hansjörg Noe, Bewohner: "Manchmal sind Behausungen wie ein Gefängnis. Dieses Eingesperrt sein macht depressiv. Und selber muss man sich immer an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen."

Ihm fehlen die Begegnungen mit den anderen Bewohnern. Die haben immer hier stattgefunden. In der sogenannten "Kaffemühle". Rechtlich betrachtet ist dieser Raum ein Café und alle Bewohner leben in ihrem eigenen Haushalt, deshalb sind Treffen und gemeinsames Essen durch die Corona-Schutzverordnung verboten. Die Pandemiebeauftragte kann das nicht verstehen:

Birgit Petersen Mirr

Birgit Petersen Mirr

Birgit Petersen-Mirr, Vorsitzende Seniorengenossenschaft Steinen e.V.: "Ich bin überzeugt davon, dass die geimpften Leute eher ein höheres Risiko haben, sich vom Balkon zu stürzen, als jetzt, dass hier ein Rest - Rest- Restrisiko besteht sich eine Covid-Infektion zu holen."

Jetzt wo praktisch alle geimpft sind, kämpft die Heimleitung dafür, dass sich die geimpften Bewohner - und zwar nur die - hier wieder treffen können, um gemeinsam zu essen.

Die Politik hat noch keine Pläne für Geimpfte und Genesene

Immun und was nun? Das fragen sich täglich immer mehr Menschen in Deutschland. Laut RKI sind rund 4 Millionen Menschen bereits zweimal geimpft. Dazu kommen rund 2,7 Millionen Genesene. Also ca. 6,7 Millionen Erwachsene haben bereits eine gewisse Immunität.
Doch was bedeutet das für diese Menschen? Wir fragen alle Bundesländer nach ihrer Strategie für Geimpfte und Genesene. Nirgends gibt es aktuell Pläne sie anders zu behandeln als Ungeimpfte. Das gilt auch für das Bundesgesundheitsministerium. Es erklärt auf unsere Anfrage:

Bundesgesundheitsministerium für Gesundheit: "Solange die Zuverlässigkeit und Dauer des Schutzes vor Weitergabe der Infektion durch Geimpfte nicht eindeutig geklärt sind (…) ist keine Unterscheidung zwischen Geimpften und Nicht-Geimpften vorgesehen."

Außerdem heißt es:

Bundesgesundheitsministerium für Gesundheit: "Es ist noch nicht abschließend geklärt, ob und wenn ja wie lange Genesene immun sind. Insofern gelten für sie grundsätzlich die gleichen Regeln, wie für alle anderen."

Studien belegen die Wirkung der Impfung

Dieser Einschätzung widersprechen anerkannte Virologen, vor allem in Bezug auf Geimpfte. Prof. Thomas Iftner, Virologie an der Uni Tübingen und Berater des Landesregierung Baden-Württemberg in Sachen Corona.

Thomas Iftner

Prof. Thomas Iftner

Prof. Thomas Iftner, Universität Tübingen: "Es gibt ganz klar publizierte und begutachtete Studien, die eben belegen, dass eine Wirkung der Impfung gegen die Erkrankung, aber eben auch gegen die Weitergabe der Infektion, da ist."

Zur gleichen Einschätzung kommt auch Dr. Daniela Huzly. Sie ist die Vorsitzende des Berufsverbandes der Ärzte für Virologie und fordert, Geimpfte in Öffnungsstrategien zu berücksichtigen.

Dr. Daniela Huzly, Bundesverband der Ärzte für Virologie: "Da gibt's definitiv Daten und wir wissen inzwischen, dass wir einen ungefähr 90-prozentigen Schutz vor der asymptomatischen Infektion haben. Also die Wahrscheinlichkeit, dass jemand, der nichts hat, das Virus trägt und überträgt, ist damit um 90 Prozent reduziert. Wir müssen anfangen, die Impfung und die Immunität einzubauen in unsere Empfehlungen."

2:26 min | Di, 30.3.2021 | 22:02 Uhr | Das Erste

Mehr Info

REPORT MAINZ fragt Dr. Daniela Huzly

Dr. Daniela Huzly ist Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärzte für Virologie. REPORT MAINZ fragt sie, ob Geimpfte in eine Öffnungsstrategie mit aufgenommen werden sollten.


USA und Israel haben klare Regeln für Geimpfte

Andere Länder machen es vor: In Israel genießen Geimpfte und Genesene größere Freiheiten und auch in den USA hat die oberste Seuchenschutzbehörde CDC bereits Anfang März die Regeln für Geimpfte geändert. Vollständig geimpfte müssen zum Beispiel keine Tests machen und auch nicht in Quarantäne, solange sie keine Symptome haben. Und Sie können andere vollständig Geimpfte auch im Innenraum ohne Masken und Abstand treffen.
Prof. Steffen Augsberg ist Jurist und Mitglied des Deutschen Ethikrats. Er fordert ebenfalls, dass Immunität auch zu mehr Freiheitsrechten führt:

Prof Steffen Augsberg

Prof. Steffen Augsberg

Prof. Steffen Augsberg, Deutscher Ethikrat: "Wenn wir davon ausgehen können, und das sieht im Moment danach aus, dass sowohl bei denjenigen, die von einer Covid -19-Erkrankung genesen sind, als auch bei denen, die dagegen geimpft sind, die Infektiosität, die Ansteckungsfähigkeit, deutlich reduziert ist. Dann müssen wir für beide Gruppen entsprechend Freiheitsbegrenzungen zurücknehmen. Müssen also entsprechend Freiheiten zurückgewähren."

Zurück zum Mühlehof - Die Heimleitung kämpft hier weiter dafür, dass die Bewohner gemeinsam essen können, hat sich bereits durch alle Instanzen geklagt, bisher ohne Erfolg. Jetzt hat sie gemeinsam mit Hansjörg Noe Beschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht eingereicht.