Bitte warten...

SENDETERMIN Mo, 4.5.2009 | 21:45 Uhr | Das Erste

Massentierhaltung in Deutschland Züchten wir vor der Haustür die nächste Pandemie?

Nein, sagen die Experten vom Robert-Koch-Institut, bei der Schweinegrippe kann noch keine Entwarnung gegeben werden. Vielmehr müsse damit gerechnet werden, dass sich das Grippevirus weiter verändere und gefährlicher werde, als es derzeit ist. Keine gute Prognose.

Wie ist dieser Mischvirus eigentlich entstanden? Das haben Adrian Peter und Nicola Timm weltweit Experten gefragt. Herausgekommen ist eine Indizienkette, die uns direkt in den modernen Schweinemastbetrieb führt.

Bericht:

Auf engstem Raum eingepfercht, Tausende Tiere – Schweinehaltungsbetriebe in Deutschland. Industrielle Massentierhaltung, die seit langem in der Kritik von Tier- und Umweltschützern steht. Wir fragen uns: Gibt es einen Zusammenhang zwischen solcher Art Tierhaltung und dem Auftreten des gefährlichen H1N1-Grippevirus? Eine Spurensuche.

La Gloria, Mexico. Der fünf Jahre alte Edgar Hernandez. Es heißt, er sei der so genannte Patient 0. Der erste also, der sich mit dem gefährlichen Erreger infiziert hat. Seine Mutter ist überzeugt: Die Grippe ihres Sohnes hat mit der dieser Schweineanlage in der Nachbarschaft zu tun. Doch Beweise fehlen. Der Betreiber betont: Bei seinen Schweinen sei der Erreger nicht nachgewiesen worden.

Hat das Auftauchen von H1N1-Grippe irgendetwas mit Massentierhaltung zu tun? Für das Bundeslandwirtschaftsministerium steht fest:

Zitat:
»Es handelt sich um eine Humaninfektion, die ohne Kontakt zu Schweinen, von Mensch zu Mensch weitergeben werden kann.«

Insofern bestehe

Zitat:
»(...) zwischen der „Südamerikagrippe” und den großen Schweinemast- oder Zuchtbetrieben kein Zusammenhang.«

Kein Zusammenhang also. Also auch kein Anlass, über Massentierhaltung nachzudenken? Doch was weiß man überhaupt über die Entstehung des Virus?

Der Niederländer Albert Osterhaus hat als erster den Vogelgrippevirus beim Menschen nachgewiesen, ist einer der weltweit führenden Virologen. Er erklärt, wie eine Mischung aus Schweineviren jetzt als A/H1N1 für Menschen zur Gefahr wurde.

O-Ton, Albert Osterhaus, Leiter Institut für Virologie Universität Rotterdam:

»Das Virus kommt ursprünglich aus Vögeln, ist übertragen worden auf Schweine. In diesem Fall hier hat es sich erst in Menschen noch vermehrt und dann ist es auf Schweine übergegangen. Da hat es vier Schweineviren gegeben, die haben sich gemischt. Und das Mischvirus, das gemischte Virus, das ist auf Menschen übertragen worden. Und das ist jetzt ein Menschenvirus geworden.«

Bislang also ein harmloses Virus. Erst eine Mutation machte es für Menschen gefährlich. Was hat das mit Massentierhaltung zu tun?

Eine erste Antwort finden wir in den USA beim größten klinischen Forschungszentrum der Welt. Die staatlichen U.S. National Institutes of Health haben bereits 2006 vor möglicherweise gefährlichen Folgen von Massentierhaltung im Zusammenhang mit H1N1 gewarnt.

Zitat:

»Weil die Massentierhaltung dazu neigt, eine große Zahl von Tieren auf engen Raum zu konzentrieren, fördert sie die schnelle Übertragung und Vermischung von Viren.«

Auch die UNO -Welternährungsorganisation FAO sieht in der Massentierhaltung schon seit Jahren ein unterschätztes Problem. Veterinärepidemiologe Joachim Otte hat 2007 eine Studie über die Gesundheitsrisiken der industriellen Tierhaltung erstellt. Das Ergebnis:

O-Ton, Joachim Otte, Veterinärepidemiologe FAO:

»Viren haben eine so kurze Generationszeit, und wenn man halt eine sehr große Zahl von Wirten hat für diese Viren, dann haben sie sozusagen Evolution im Zeitraffer, und je mehr Generationen ich habe, desto größer ist natürlich die Wahrscheinlichkeit, dass sich irgendwo eine Mutation durchsetzt, die dann pathogen sein kann für den Menschen.«

Also: Je mehr Tiere, desto schneller können Viren mutieren. Und so auch zum Krankheitserreger für Menschen werden. Massentierhaltung – eine Brutstätte für gefährliche Viren?

Der US-Biologe Robert G. Wallace beschäftigt sich seit Jahren mit Industrieller Tierproduktion und den Risiken durch veränderte Viren. Für ihn steht fest:

O-Ton, Robert G. Wallace, Biologe Universität Minneapolis:

»Es ist nicht H1N1 über das wir uns Sorgen machen. Es ist der Prozess, in dem sich weniger ansteckende Grippeviren zu hochansteckenden entwickeln. Und dieser Prozess wird im wesentlichen vorangetrieben indem man Hundertausende Stück Geflügel oder Schweine zusammenpfercht.«


Dennoch: In Deutschland ist der Trend zur Massentierhaltung ungebremst. Sandbeiendorf in Sachsen-Anhalt. In dieser Schweinzucht- und Mastanlage sind bis zu 65.000 Schweine zusammengepfercht.

In Ostdeutschland gibt es etliche solcher Anlagen. Es sind die größten Europas. Und weitere sind geplant, zum Teil noch größer als die bereits bestehenden.

Solche Anlagen werden mancherorts bedenkenlos nebeneinander angesiedelt. Bad Kleinen in Mecklenburg-Vorpommern. Eine
Mastanlage für 62.000 Schweine. Nur wenige hundert Meter entfernt: ein gigantischer Geflügelhaltungsbetrieb für Hunderttausende Tiere.

Genau vor dieser gefährlichen Nähe haben die amerikanischen National Institutes of Health 2006 gewarnt:

Zitat:

»Es besteht die Sorge, dass eine Erhöhung der Zahl von Schweineanlagen in der Nachbarschaft zu Geflügelanlagen, die Entwicklung der nächsten Pandemie weiter vorantreiben könnte.«

Fazit: Weltweit wird seit Jahren über Pandemierisiken im Zusammenhang mit Massentierhaltung diskutiert. Höchste Zeit, diese Diskussion auch in Deutschland zu führen.

aus der Sendung vom

Mo, 4.5.2009 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

AutorInnen:
Adrian Peter
Nicola Timm
Kamera:
Alexander Gruner
Matthias Thomae
Schnitt:
Michael Schwarz