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Text des Beitrags Marode Ausrüstung und mangelhafte Ausbildung

Wieso Deutschland einen Masterplan zur Waldbrandbekämpfung braucht

brennender Wald

Steigende Gefahr durch Waldbrände

Moderation Birgitta Weber:

"Nachdem die Verteidigung erfolgreich war, gehen wir jetzt zum Angriff über." Das klingt nach Krieg, nicht nach der Bekämpfung eines Waldbrands. Doch die Situation letzte Woche in Mecklenburg-Vorpommern war dramatisch. Der größte Waldbrand in der Geschichte des Landes.

Verteidigung und Angriff waren in diesem Fall erfolgreich, Brand gelöscht, keine Opfer, doch die bundesweite Gefahr neuer, großer Waldbrände wegen der Trockenheit steigt. Und damit die Frage: Wie gut sind unsere Feuerwehren eigentlich ausgestattet?

Marius Meyer, Ulrich Neumann und Philipp Reichert haben mit Experten und Feuerwehrleuten gesprochen. Viele fühlen sich – sagen wir mal – „abgebrannt“. Hier die Details.


Bericht:

Immer häufiger in den vergangenen Jahren brennt es in Deutschlands Wäldern. Und die Brände werden immer größer. Wie gut sind wir auf diese neue Herausforderung vorbereitet?

Wir sind im brandenburgischen Hennickendorf. Auch hier hat es vor wenigen Tagen gebrannt.

Dieses Feuerwehrauto war mit dabei. Marke Barkas, uralte DDR-Technik. Für den Oldtimer war es der letzte Einsatz, denn dabei ging er kaputt.

Und das ist nicht das einzige Uralt-Auto der Feuerwehr hier. Durchschnittsalter aller Fahrzeuge – stolze 25 Jahre. Und das ist sogar 50! Doch für den Bürgermeister ist das bei weitem nicht das einzige Problem.


Stefan Scheddin, Bürgermeister Nuthe-Urstromtal

Stefan Scheddin, Bürgermeister Nuthe-Urstromtal

O-Ton, Stefan Scheddin, Bürgermeister Nuthe-Urstromtal:

"Ich höre mir das Gemecker von den Leuten an, die natürlich in dem Moment auch aufgebracht sind, weil sie am Einsatzgeschehen sind. Und ich kriege den ganzen Hass dann ab: Warum haben wir keine ordentlichen Einsatzstiefel? Warum haben wir nur dicke Handschuhe? Warum ist die Einsatzkleidung nicht sommertauglich? Ja, wir haben halt nur solche dicken Dinger. Dicke Klamotten."


Schon vor einem Jahr hat sich der Bürgermeister mit einem Brandbrief an die brandenburgische Regierung gewandt. Die wenigen Antworten waren nichtssagend. Während er hier durch den verbrannten Wald geht, wird er im brandenburgischen Landtag verhöhnt.

Aktuelle Stunde zu den Waldbränden. Die Stimmung ist aufgeheizt. Was der Innenminister sagt, passt so gar nicht zu unseren Beobachtungen von vor Ort.


Karl-Heinz Schröter, SPD, Innenminister Brandenburg

Karl-Heinz Schröter, SPD, Innenminister Brandenburg

O-Ton, Karl-Heinz Schröter, SPD, Innenminister Brandenburg:

"50 Jahre alte Technik – mag sein, die gibt es. Aber an den Stellen, wo Bürgermeister noch Freude an Oldtimern haben. Ich bin auch Freund von Oldtimern, allerdings von Motorrädern. Ja, ganz klar: Unsere Feuerwehr-Frauen und -Männer sind gut vorbereitet, das Land ist gut vorbereitet."


Im vergangenen Jahr hat es in den Wäldern von Brandenburg rund 500 Mal gebrannt und in diesem Jahr bereits über 290 Mal.

Fast überall in Deutschland steigt in den letzten Jahren die Zahl der Waldbrände, ergibt eine Umfrage von REPORT MAINZ unter den Ländern. Und auch der Deutsche Wetterdienst warnt: Das Risiko für Waldbrände steigt noch weiter.

Prof. Johann Goldammer. Ein weltweit anerkannter Brandschutz-Experte aus Freiburg. Sein Fachwissen ist bei den Vereinten Nationen gefragt, ebenso bei Ex- Regierungschef Tsipras in Griechenland, Europas Waldbrandland Nummer eins. Seine Einschätzung:


Prof. Johann Goldammer, Global Fire Monitoring Center

Prof. Johann Goldammer, Global Fire Monitoring Center

O-Ton, Prof. Johann Goldammer, Global Fire Monitoring Center:

"Insgesamt sind wir in Deutschland im Hinblick auf Ausrüstung, Ausbildung, taktisches Wissen bei der Bekämpfung von Landschaftsbränden nicht richtig aufgestellt."


Frage: Was brauchen wir?


O-Ton, Prof. Johann Goldammer, Global Fire Monitoring Center:

"Wir brauchen zusätzliche persönliche Schutzausrüstung, Spezialausrüstung, um dem Feuer im unwegsamen Gelände, im Wald, direkt und aktiv begegnen zu können. Vor allen Dingen das taktische Training, wie ein Waldbrand sicher und effektiv bekämpft werden kann."


Genau das wird hier trainiert: Wir sind bei @fire. Der kleine gemeinnützige Verein tut etwas, was eigentlich der Staat zu leisten hätte, bildet bundesweit Feuerwehrleute aus, Waldbrände effektiv mit spezieller Technik zu bekämpfen.


Andreas Rauch, Ausbilder @fire

Andreas Rauch, Ausbilder @fire

O-Ton, Andreas Rauch, Ausbilder @fire:

"Wie sich das Feuer ausbreitet, von welchen Faktoren es abhängt, wie Wind, Sonneneinstrahlung, Trockenheit und Ähnliches, das ist nicht in den Köpfen drin."




Bei der Waldbrandbekämpfung ist außerdem besonders wichtig: die Kleidung. Leicht wie beim Wandern, trotzdem feuerfest.

Zurück in Brandenburg. Von den Kameraden wollen wir wissen, ob sie eine solche moderne Ausrüstung haben.


O-Ton, Feuerwehrmann:

"Nein, so eine Ausrüstung haben wir nicht."


O-Ton, Feuerwehrmann:

"Haben wir nicht."


O-Ton, Feuerwehrmann:

"Wenn es im Sommer brennt, dann ist die Jacke viel zu schwer und auch zu warm."


O-Ton, Feuerwehrmann:

"Mit den dicken Jacken hält man im Sommer nicht lange durch."


O-Ton, Feuerwehrmann:

"Und dann bleibt eben keine Kraft mehr, um den Waldbrand zu bekämpfen, weil die eben so ausgelaugt sind."


Zuständig für die Waldbrandbekämpfung in Deutschland sind die Kommunen und Landkreise. Jeder tut, was er für richtig hält und bezahlen kann. Eine bundesweite Strategie fehlt.

Genau das muss sich ändern, sagt er. In einem unveröffentlichten Papier an den Bundestag, das REPORT MAINZ vorliegt, fordert er eine bundesweite Einrichtung zur Bekämpfung von Landschaftsbränden.


O-Ton, Prof. Johann Goldammer, Global Fire Monitoring Center:

"Wir vom Zentrum der Globalen Feuerüberwachung sehen den Bund sehr stark gefordert. Wir sehen in der Bedrohung der Umwelt und auch der Gesellschaft durch den Klimawandel eine Herausforderung, die wir nicht den Gemeinden und den Kreisen und den Bundesländern überlassen sollten."


Also ist er gefordert – Bundesinnenminister Seehofer. Unsere Interviewanfrage ignoriert sein Haus. Deshalb treffen wir ihn bei der Innenministerkonferenz. Wir wollen wissen, ob der Bund jetzt stärker aktiv werden muss. Ungewöhnlich einsichtig - der Bundesinnenminister:


Horst Seehofer, CSU, Bundesinnenminister

Horst Seehofer, CSU, Bundesinnenminister

O-Ton, Horst Seehofer, CSU, Bundesinnenminister, 14.06.2019:

"Kurzum auf Ihre Frage, Sie haben da einen wunden Punkt angesprochen: Wir werden in den nächsten Monaten hier eine Strategie entwickeln, dass wir die verschiedenen Beteiligten mit ihren Verantwortlichkeiten so zusammenführen, dass wir in absehbarer Zeit sagen können, wir sind hier als Bundesrepublik Deutschland gut. Ich habe ausdrücklich gesagt: Wir sind noch nicht gut genug. Und da müssen wir uns noch deutlich verbessern."


Eine späte, aber richtige Einsicht, an der er sich in Zukunft messen lassen muss.


Abmoderation Birgitta Weber:

"Sie haben da einen wunden Punkt angesprochen" und "Wir sind noch nicht gut genug" – solch offene Worte hört man selten aus dem Mund eines Ministers. Nur müssen jetzt auch Taten folgen.