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SENDETERMIN Di, 9.2.2021 | 21:46 Uhr | Das Erste

Mangelnde Kontrollen? Corona-Schutz am Arbeitsplatz

Rund ein Jahr nach Beginn der Pandemie zeigt sich, dass die Corona-Kontrollen in deutschen Betrieben nach wie vor unzureichend sind. Das zeigen Recherchen von REPORT MAINZ und BuzzFeed News Deutschland. Behörden versagen, weil Personal fehlt oder abgezogen wurde. Außerdem sind die rechtlichen Corona-Schutzregeln zu ungenau und schwer durchsetzbar.

Susanne T., Lagerarbeiterin: "Ich bin froh, dass ich da nicht drin bin."

Susanne T. fährt mit uns an ihrem Arbeitsplatz vorbei, dabei kommt vieles hoch:

Susanne T., Lagerarbeiterin: "Ärger, Frust, Wut."

In diesen Hallen eines Versandhändlers in Rheinland-Pfalz arbeitet sie als Lagerarbeiterin, verpackt und versendet mit ihren Kollegen Produkte.

Geschützt vor dem Corona-Virus sei sie dabei über Monate nicht gewesen, oft habe sie Angst gehabt, sich am Arbeitsplatz anzustecken, erzählt sie uns. Sicher fühlt sie sich nur noch zu Hause.

Susanne T., Lagerarbeiterin: "Masken gab es für uns keine, kein Desinfektionsmittel, keine Handschuhe."

Und dabei handelt die Firma sogar mit Schutzausrüstung. Im Onlineshop stoßen wir auf Gesichtsvisiere und Desinfektionsspender.

Susanne T.

Susanne T.

Susanne T., Lagerarbeiterin: "Ich buche und lagere haufenweise ein: Masken, Arbeitsanzüge, Trennschilde, palettenweise Desinfektionsmittel, und nichts davon darf ich mir nehmen, um mich selber zu schützen."

Wir wollen vom Arbeitgeber von Susanne T. wissen, ob das sein kann. Rufen mehrfach bei der Firma an. Keine Reaktion. Auch auf unsere schriftliche Anfrage bekommen wir keine Antwort.

Weil sich die Situation über Monate nicht gebessert habe, wendet sich die 54-Jährige gemeinsam mit Ihrem Mann an die Behörden, bittet um Hilfe. Sie schreiben Emails und rufen mehrfach an.

Andreas W.

Andreas W.

Andreas W., Ehemann von Susanne T.: "Es macht mich wütend, dass ich auf der Straße als Privatperson mit Bußgeldern belegt werde. Aber in der Firma, da passiert gar nichts, da werden keine Bußgelder verhangen. Da ändern sich die Zustände nicht."

Die zuständige Arbeitsschutzbehörde in Rheinland-Pfalz, die Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord, schreibt uns auf Anfrage:

Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD Nord): "Aktuell liegen der SGD Nord keine Beschwerden hinsichtlich des Arbeitsschutzes vor. Die SGD Nord wird Ihre Anfrage aber zum Anlass nehmen und hier tätig werden."

Wie kann das sein? Das Ehepaar hatte die Kreisverwaltung bereits im April 2020 informiert. Auf unsere Nachfrage verweist uns die Kreisverwaltung zunächst zurück an die SGD Nord. Erst als wir nachhaken, schreibt sie uns: Man habe den Betrieb Mitte Januar 2021 vor Ort kontrolliert. Ergebnis:

Kreisverwaltung Trier-Saarburg: "Es wurden Verstöße gegen die allgemeinen Corona Regelungen (Maskenpflicht, Abstandsregelung, fehlendes Desinfektionsmittel) festgestellt. Die Firma wurde aufgefordert, die Missstände abzustellen."

Der Versandhändler habe mitgeteilt, die Missstände seien beseitigt.
Kontrolliert habe man das bisher nicht, das Verfahren laufe noch.

In ganz Deutschland fühlen sich Arbeitnehmer*innen schutzlos

Viele Arbeitnehmer fühlen sich in der Pandemie schutzlos ausgeliefert - auch jetzt noch, im zweiten Lockdown. Das zeigt die exklusive Auswertung einer Befragung von gut 11.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern durch die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung für REPORT MAINZ.

Malte Lübker

Malte Lübker

Malte Lübker, Hans-Böckler-Stiftung: "Das sind keine isolierten Einzelfälle, sondern das ist eine Gruppe von ungefähr 13 Prozent der Befragten, die uns sagen: 'Bei uns im Betrieb ist noch nicht ausreichend gehandelt worden. Es gibt noch keine ausreichenden Corona-Schutzmaßnahmen'. Und das ist schon erstaunlich, jetzt im zweiten Lockdown, dass die Zahlen immer noch so hoch sind."

Dabei wird Bundesarbeitsminister Hubertus Heil nicht müde, den Arbeitnehmern zu versprechen, dass sie sich auf die Einhaltung von Arbeitsschutzstandards verlassen können:

Hubertus Heil (SPD)

Hubertus Heil (SPD)

Hubertus Heil, Bundesarbeitsminister: "Wir müssen mit aller Macht verhindern, dass Arbeitsplätze zum Infektionsort werden. Umso wichtiger ist, dass wir die Arbeitsschutzstandards, die wir miteinander verbindlich entwickelt haben, auch konsequent einhalten."

Auf dem Papier sind die Arbeitnehmer gut geschützt. Doch wenn es Streit gibt, fühlen sie sich von den Behörden oft im Stich gelassen.

Großkonzerne bilden keine Ausnahme

Beispiel: Deutsche Bahn. Wir bekommen heimlich gedrehte Aufnahmen aus Reisezentren an Berliner Bahnhöfen zugespielt. Die Aufnahmen sollen zeigen, dass Mitarbeiterinnen der Bahn hinter zu kleinen, schmalen Plexiglasscheiben sitzen, die deshalb nicht den SARS-CoV-2-Arbeitsschutzregeln entsprechen.

Darin heißt es, dass bei Arbeitsplätzen mit stehenden Kunden die Abtrennungen mindestens zwei Meter über dem Boden hoch sein müssen. Deshalb fordert der zuständige Betriebsrat seit Monaten Nachbesserungen:

Cornelia Lempe

Cornelia Lempe

Cornelia Lempe, Betriebsrat DB-Vertrieb: "Jeder hat Angst, auch ich, sich anzustecken. Gerade weil ja man doch nahen Kundenkontakt hat, weil die Leute eben doch mal nach links oder nach rechts sich rüberlehnen, weil sie uns dann halt besser verstehen. Und deshalb finde ich das so wichtig, dass die Spuckschutzwände wirklich zum Beispiel zwei Meter hoch sind und auch die Breite etwas nach außen geht, weil die sind einfach zu schmal."

Damit konfrontiert erklärt der Konzern:

Deutsche Bahn: "Wir weisen alle Vorwürfe entschieden zurück."

Man habe die SARS-CoV-2-Arbeitsschutzregeln bundesweit in allen DB-Reisezentren vollständig umgesetzt.

Aus Sicht der Bahn also alles in Ordnung? In einem Schreiben der Arbeitsschutzbehörde in Mecklenburg-Vorpommern, das REPORT MAINZ vorliegt, klingt das ganz anders. Darin heißt es: Die geforderte Mindesthöhe von mindestens zwei Metern über dem Boden werde nicht eingehalten. Das Unternehmen wird aufgefordert, die Abtrennungen entsprechend zu verändern. Die Regeln klingen eindeutig. Dennoch, erzählt uns der Betriebsrat, habe er seine Forderungen bisher nicht durchsetzen können. Weder in Mecklenburg-Vorpommern noch in Berlin.

Warum werden Arbeitsschutzregeln nicht konsequenter eingefordert? Um das herauszufinden, fragen wir 70 Arbeitsschutzbehörden an, rund 50 antworten uns. Mehr als zwei Drittel der Behörden klagen über zu wenig Personal. Außerdem seien die Regeln zu unklar und schwer zu überprüfen. Was sagt Bundesarbeitsminister Hubertus Heil dazu? Auf Nachfrage heißt es: Der Minister habe nachdrücklich darum gebeten, gerade in der Pandemie ein hohes Kontrollniveau aufrechtzuerhalten. Zudem seien vor kurzem Mindestkontrollquoten festgelegt worden.

Lagerarbeiterin Susanne T. und ihr Mann sind frustriert. Sie haben das Vertrauen in ihren Arbeitgeber und die Behörden verloren:

Andreas W., Ehemann von Susanne T.: "Was mich am meisten enttäuscht bei der ganzen Angelegenheit ist halt die Tatsache, dass man ein Jahr lang, fast ein Jahr lang, immer wieder darauf aufmerksam gemacht hat, was für Missstände herrschen. Aber an der Situation hat sich nie was geändert."

Susanne T., Lagerarbeiterin: "Dass ich mir acht Jahre lang da den Buckel krumm geschuftet habe, dass interessiert jetzt im Nachgang kein Aas mehr."


3:13 min | Di, 9.2.2021 | 21:46 Uhr | Das Erste

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REPORT fragt Dr. Wolfgang Hien

REPORT Mainz fragt Dr. Wolfgang Hien nach seiner Einschätzung über das Thema Arbeitsschutz in Corona Zeiten. Er forscht seit Jahrzehnten über das Thema Arbeitsschutz und kritisiert die aktuelle Situation scharf.

aus der Sendung vom

Di, 9.2.2021 | 21:46 Uhr

Das Erste

Autor*innen:
Monika Anthes, Niklas Maurer, Philipp Reichert

Kamera:
Sarah Krah, Andreas Schlosser, André Schmidtke, Sigurd Frank, Jens Ridders

Schnitt:
Björn Klose