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SENDETERMIN Di, 20.4.2021 | 22:03 Uhr | Das Erste

Mangelnde Kontrolle und ausufernde Preise Goldgrube Corona-Testzentrum

Private Corona-Testzentren sind ein wichtiger Baustein in der Pandemie-Eindämmung. Doch in manchen Testzentren geht es offenbar vor allem darum, das schnelle Geld zu verdienen – auf Kosten der Getesteten. In einigen Bundesländern gibt es zudem kaum Kontrollen des Personals oder der Arbeit in den Testzentren. Experten fordern besser qualifiziertes Personal.

Ein Corona-Testzentrum im Visier der Justiz. Bilder aus dem März. Das Zentrum in Lübeck ist mittlerweile geschlossen:
Gesine Albrecht ist zum ersten Mal wieder hier und erhebt schwere Vorwürfe:

Gesine Albrecht

Gesine Albrecht

Gesine Albrecht: "Das ist der Ort, an dem wir betrogen wurden. Enttäuschend finde ich das immer, dass Menschen solche Notlagen ausnutzen, wenn Menschen sich auf irgendwas verlassen und für die das wichtig ist."

Noch vor wenigen Wochen zeigt sich der Betreiber - ein Student aus Berlin - stolz der Öffentlichkeit. Seine Mitarbeiter testeten sogar an einer Schule - und in seinem Testzentrum war eine angebliche Ärztin mit Boot. Dr. L.

Ihr Name steht auch auf dem PCR-Testzertifikat für Gesine Albrechts Mutter. Doch: Das Datum auf dem Dokument ist zunächst falsch. Dr. L. habe, so erzählt Frau Albrecht, keine Schutzkleidung getragen und den Rachenabstrich von der Wange genommen.

Gesine Albrecht recherchiert, findet die Ärztin online, die offenbar Studentin ist. Und das zuständige Labor hat von dem Testzentrum noch nie etwas gehört.

120 Euro für wertlosen PCR-Test

Gesine Albrecht: "Da stimmt was überhaupt nicht. Da ist was nicht richtig. Und möglicherweise ist dieser Test überhaupt gar nicht gemacht worden. Also natürlich abgenommen, aber nicht ausgewertet."

Rund 120 Euro hat Gesine Albrecht gezahlt - für einen wertlosen PCR-Test. Sie erstattet Anzeige, jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft.
Wir versuchen den Betreiber zu kontaktieren.

Telefonansage: "Der gewünschte Gesprächspartner ist zur Zeit nicht erreichbar."

Auch schriftlich keine Antwort auf unsere Fragen.

Nicht der einzige Fall. Auch in Hamburg ermittelt die Staatsanwaltschaft. Hier bekommt eine Kundin bereits das negative Testergebnis, bevor sie überhaupt getestet wurde. Auch sie erstattet Anzeige.

Der Betreiber des Testzentrums spricht gegenüber REPORT MAINZ von Problemen bei der Systemumstellung im Testverfahren, und von einem "menschlichen Fehler".

Hohe Umsätze für private Corona-Testzentren

Wieder Ermittlungen - in einem unübersichtlichen Schnelltestmarkt. Auf den immer mehr Anbieter drängen, die mit Medizin und Testen vorher nichts zu tun hatten.
Realitystars, Discotheken, Shisha-Bars und Bordelle werden jetzt zum Testzentrum - sogar Franchise-Anbieter gibt es schon. Ein lukratives Geschäft offenbar.

18 Euro bekommen private Testzentren pro Schnelltest vom Bund. Bei hundert Tests am Tag wäre das ein Umsatz von rund 43.000 Euro pro Monat. Mit PCR-Tests sind noch deutlich höhere Umsätze möglich.

Doch woher kommt der Boom der privaten Anbieter? Grund ist das Infektionsschutzgesetz. Bis November durften nur Ärzte auf Corona testen. Jetzt gilt: Alle dürfen es, unabhängig von der beruflichen Qualifikation.

Die Folge: Immer mehr Testanbieter. Und immer mehr Unregelmäßigkeiten. In diesem Nachtclub auf der Hamburger Reeperbahn war bis vor kurzem ebenfalls ein Testzentrum. Noch während unserer Recherchen wird es dicht gemacht. Warum? Das wollen wir vom Betreiber wissen.

Sprechen will er nicht mit uns. Die zuständige Behörde teilt uns mit, Hygienevorgaben seien nicht eingehalten worden.

Immerhin: hier hatte man das Testzentrum im Blick - in Lübeck war das offenbar nicht der Fall.

Jan Lindenau

Jan Lindenau

Jan Lindenau, SPD, Bürgermeister Lübeck: "Die Frage ist, wo sollen wir denn hingucken, es gibt keine echte Grundlage, auf der wir hätten prüfen können. Dann gab es übrigens die Mitteilungen eine Woche später seitens der Landesbehörden, dass man nur stichprobenartig eine Kontrolle für notwendig erachtet."

Unterschiedliche Regeln in den Bundesländern

In Köln versucht man der Lage, Herr zu werden - in einem der größten Gesundheitsämter Deutschlands. Doch der Leiter Johannes Nießen und seine Mitarbeiter stoßen immer wieder auf schlimme Zustände, wie in diesem Testzentrum, das eigentlich ein Kiosk ist. Viele solcher Testzentren habe er schon schließen müssen.

Johannes Nießen

Johannes Nießen

Johannes Nießen, Leiter Gesundheitsamt Köln: "Ja, wenn die Müllentsorgung stattfindet direkt neben den Testungen und dann überquellende Mülleimer einfach so umherliegen. Auch neben dem Mülleimer Sachen liegen, Essensreste dabei aufgefunden werden - das geht so nicht."

Auch in Köln komme man mit den Kontrollen kaum hinterher. Dazu kommt: In NRW bekommt jeder Testzentrums-Betreiber 1.000 Euro Zuschuss - im Monat, unabhängig von der Qualität der Arbeit.

Aber wie sind die Kontrollen in anderen Bundesländern geregelt? Jedes Land macht es anders. Während Niedersachsen oder Baden-Württemberg beispielsweise nur anlassbezogen kontrollieren, hat es in Thüringen bisher keine Kontrollen gegeben. In Sachsen-Anhalt sind Kontrollen gar nicht erst vorgesehen.

Und wie stellen die Länder sicher, dass das Personal ausreichend qualifiziert ist? Sachsen-Anhalt sieht die Verantwortung dafür allein bei den Betreibern der Testzentren.

Schulung per Online-Video

In Rheinland-Pfalz gilt schon als qualifiziert, wer sich dieses Online-Schulungsvideo anschaut - kann man allein durch ein Video wirklich lernen, Abstriche korrekt zu nehmen? Nein, sagt Martin Scherer von der Deutschen Gesellschaft für Allgemein - und Familienmedizin - er hält ärztliche Anleitung für unverzichtbar.

Prof. Martin Scherer

Prof. Martin Scherer

Prof. Martin Scherer, Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin: "Schulungsvideos können hier und da natürlich eine Ergänzung sein, aber nur ein Video angucken und sonst nichts. Das reicht vielleicht beim Pizza backen oder bei einem Kuchenbacken, aber für so eine wichtige gesamtärztliche Verantwortung reicht es nicht."

Zudem kritisiert er die Anleitung im Video, die Probe nur aus Nase ODER Rachen zu nehmen. Deutlich zuverlässiger sei das Ergebnis, wenn beides abgestrichen würde.

Prof. Martin Scherer, Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin: "Wenn man wirklich sicher gehen will und Fehlerquellen bei der Probenentnahme wirklich vermeiden möchte, dann ist es sicher, eine Abstrichentnahme an der Rachenhinterwand hinzukriegen, das heißt, durch die Nase und durch den Mundrachen."

Mehrmals haben wir uns testen lassen während unsere Recherche - den Nasen- UND Rachenabstrich aber erleben wir nicht ein einziges Mal.
Martin Scherer fordert: Die Qualität in den Testzentren müsse verbessert werden.

Prof. Martin Scherer, Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin: "Das müssen approbierte Ärztinnen und Ärzte sein, die diese Testzentren leiten. Und es müssen Fachkräfte sein, die eine Qualifikation mitbringen. Eine abgeschlossene Ausbildung, die in diesen Testzentren arbeiten, um die Qualität hochzuhalten und auch die Korrektheit der Abläufe zu gewährleisten."

Ein Vorschlag, auch um den Wildwuchs einzudämmen. Und was will das Bundesgesundheitsministerium tun? Die Behörde sieht sich nicht in der Verantwortung, für Kontrollen seien die Länder zuständig, für die Qualität die Betreiber.
Dass das nicht funktioniert, zeigt der Fall von Gesine Albrecht. Ihr Vertrauen in die Testzentren ist verloren gegangen.  

aus der Sendung vom

Di, 20.4.2021 | 22:03 Uhr

Das Erste

Autor*innen:
David Mailänder, Sara Reiner-Esderts, Christian Stracke

Kamera:
Matthias Kulik, Seydal Rotter, Christian Saal, Till Talmann

Schnitt:
Frank Schumacher