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Text des Beitrags Luxuswohnungen statt Pflegeheime

Werden alte Menschen aus den Innenstädten vertrieben?

Alte Menschen in Wut. Ein Pflegeheim soll dicht gemacht werden. Sie fürchten, dass es Luxuswohnungen Platz machen soll.

Empörte Menschen

Empörte Angehörige

Da ist Druck auf dem Kessel. Guten Abend zu REPORT MAINZ. So ist das, wenn man älteren Menschen und den Angehörigen einen Umzug zumutet, und dabei der Verdacht entsteht, man tut’s nur des Geldes wegen.

So geschehen in Bonn. Die Alexianer GmbH, die zum katholischen Orden der Alexianer Brüder gehört, möchte verkaufen, nämlich eines ihrer Pflegeheime. Das liegt in bester Lage, die Stadtverwaltung ist nur einen Steinwurf entfernt und um die Ecke gibt’s einen Supermarkt.

Doch jetzt sollen die Bewohner raus. Kein Wunder, dass da aus Angehörigen Wutbürger werden. Gottlob Schober hat sie besucht.

Bericht:

O-Ton, Angehöriger:

»Ich bin mehr als wütend. Ich weiß nicht, was ich dazu überhaupt sagen soll.«

O-Ton, Angehöriger:

»Ohnmächtig, kalte Wut. Richtig sauer.« 

O-Ton, Angehörige:

»Mir schwillt der Kamm. Ich kann nachts nichts mehr schlafen.«

Pflegeheim St. Paulus

St. Paulus Seniorenpflegeheim

Das St. Paulus Seniorenpflegeheim soll geschlossen und die Immobilie verkauft werden. Es liegt in ruhiger Top-Lage, hat einen ausgezeichneten Ruf.

Träger ist die katholische Alexianer GmbH. Ein bundesweit tätiges Unternehmen mit über 11.000 Mitarbeitern. Ihr Leitbild: Menschlichkeit, Nächstenliebe und Verlässlichkeit. Halten sie sich daran?

Der Rechtsanwalt und Kommunalpolitiker Herbert Spoelgen hat sich intensiv mit dem geplanten Verkauf des Heims beschäftigt und Akteneinsicht bei der Stadt Bonn bekommen. Seine Einschätzung

Herbert Spoelgen

Herbert Spoelgen, SPD, Bezirksverordneter

O-Ton, Herbert Spoelgen, SPD, Bezirksverordneter:

»Den Alexianern geht es darum, für ihr Grundstück möglichst viel Geld zu bekommen. Und dafür muss man eben auch möglichst viel Wohnbebauung dort schaffen. Deshalb ist es klar das Ziel der Alexianer möglichst intensiv das Grundstück mit Wohnbebauung vollzupflastern. Und die Interessen der Betroffenen sind dann zweit- oder drittrangig.«

Dem widerspricht die Geschäftsführerin der Alexianer in Bonn, Birgit Boy. Sie verteidigt die Schließung des Paulusheims.

Birgit Boy

Birgit Boy, Alexianer GmbH

O-Ton, Birgit Boy, Alexianer GmbH:

»Wir müssten, wenn wir das Haus weiter betreiben wollten, das Haus kernsanieren oder neu bauen«

Frage: Und das ist wirtschaftlich nicht möglich derzeit?

O-Ton, Birgit Boy, Alexianer GmbH:

»Das ist überhaupt nicht möglich.«

Frage: Was wäre denn die Alternative dann?

O-Ton, Birgit Boy, Alexianer GmbH:

»Ich gehe schon von Wohnbebauung aus.«

Modellbau Luxuswohnungen

Modell der Luxuswohnanlage

Soll das Pflegeheim also weichen, damit möglicherweise Luxuswohnungen gebaut werden können? Eine Information, die viele in der Bürgerinitiative wütend macht. Denn sie fürchten, dass ihre pflegebedürftigen Angehörigen aus einer exklusiven Innenstadtlage vertrieben werden.

O-Ton, Angehöriger:

»Heuschrecken sind hier am Werke! Und die Alexianer, die gehören mit dazu!« 

O-Ton, Angehörige:

»Ich denke, dass meine Mutter verschachert wird.«

Frage: Hat das mit dem christlichen Selbstverständnis der Alexianer noch was zu tun?

O-Ton, Angehörige:

»Das ist doch jetzt ein Witz die Frage. Oder?«

Frage: Trotzdem, die Alexianer sagen natürlich, reden natürlich davon, dass sie ….

O-Ton, Angehörige:

»Ja, ich weiß. Die krönen sich auch mit den Worten der Barmherzigkeit und ich weiß nicht, was noch alles. Was hat das denn mit Barmherzigkeit, mit Würde, mit Respekt, was hat das mit all dem zu tun? Gar nichts.«

Wo aber sollen die Menschen, die im Paulusheim leben hin? Die Alexianer wollen demnächst ein in Bau befindliches Pflegeheim im fast 20 Kilometer entfernten Troisdorf beziehen. Dort könnten auch die 89-jährige Gertrud Schmitz, hier zusammen mit ihrer Tochter, und andere Bewohner unterkommen.

Beim Ortstermin ist auch dabei Ortlieb Fliedner, der Sprecher der Bürgerinitiative. Auch seine demenzkranke Schwiegermutter muss womöglich umziehen.

Ortlieb Fliedner

Ortlieb Fliedner, Sprecher Bürgerinitiative

O-Ton, Ortlieb Fliedner, Sprecher Bürgerinitiative:

»Ich weiß nicht, ob meine Schwiegermutter das überleben würde. Denn sie braucht feste Strukturen. Und jede Ortsveränderung macht ihr Angst.«

O-Ton, Gertrud Schmitz, Bewohnerin im Paulusheim:

»Man ist lebendig begraben, weil man ja niemanden mehr hat. Die Familie, die kann doch nicht kommen mit Kindern. Man ist wirklich abgeschlossen mit allem!«

Gertrud Schmitz

Gertrud Schmitz, Bewohnerin im Paulusheim

Und was sagen die Alexianer dazu?

O-Ton, Birgit Boy, Alexianer GmbH:

»Also erst einmal zwingen wir niemanden, mit nach Troisdorf zu gehen, das ist schon mal festzuhalten.«

Frage: Aber viele andere Möglichkeiten haben sie nicht?

O-Ton,Birgit Boy, Alexianer GmbH:

»Ich denke schon, dass wir … wir haben ja genug Zeit. Wir haben es im März kundgetan, und von den 103 Bewohnern haben schon 28 eine andere Lösung gefunden.«

Frage: Davon sind auch einige gestorben?

O-Ton,Birgit Boy, Alexianer GmbH:

»Es sind auch einige gestorben, das stimmt.«

Einrichtungen, wie das Paulusheim, liegen oft in exzellenten Innenstadtlagen. Dort explodieren die Mietpreise für Wohnraum. Deshalb wecken solche Filetstücke bundesweit Begehrlichkeiten. 

Beispiel Hannover. Wir fahren zur Firma Gundlach. 2012 hat das Unternehmen von Geschäftsführer Lorenz Hansen ein Pflegeheim in Top-Lage von einem Wohlfahrtsverband gekauft.

Das in die Jahre gekommene Gebäude hätte saniert werden müssen und sei nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben gewesen. Jetzt sollen Luxuswohnungen entstehen, wie dieses Modell zeigt. Ein gutes Geschäft. Aber was ist mit den Menschen?

Lorenz Hansen

Lorenz Hansen, Geschäftsführer Gundlach GmbH & Co. KG

O-Ton, Lorenz Hansen, Geschäftsführer Gundlach GmbH & Co. KG:

»Wir haben sichergestellt, das haben wir uns auch in den Verträgen zusichern lassen, dass mit den Menschen, die dort wohnen und arbeiten in den Pflegeheimen, gut umgegangen wird. Sie sind alle untergebracht worden in anderen Pflegeheimen.«

Frage: Wissen Sie, wo sie untergebracht wurden?

O-Ton, Lorenz Hansen, Geschäftsführer Gundlach GmbH & Co. KG:

» Nein, das weiß ich nicht.«

Frage: Aber für sie ist das letztendlich lukrativ?

O-Ton, Lorenz Hansen, Geschäftsführer Gundlach GmbH & Co. KG:

»Ja selbstverständlich. Am Ende muss es sich rechnen und das tut es dann auch.«

Pflegeexperten wie die ehemalige Bundesgesundheitsministerin Ursula Lehr und Professor Rolf Hirsch von der Initiative „Handeln statt Mißhandeln“ sehen solche Geschäfte mit großer Sorge.

Prof. Rolf D. Hirsch

Prof. Rolf D. Hirsch, Initiative "Handeln statt Misshandeln"

O-Ton, Prof. Rolf D. Hirsch, Initiative "Handeln statt Misshandeln":

»Also mein Eindruck ist: Es beginnt hier mit einzelnen Einrichtungen. Aber gerade große Träger werden zunehmend mehr versuchen, genau diese Masche fahren zu lassen, dass sie erst Reibe machen, viel Geld damit verdienen, um woanders investieren zu können, wo sie meinen, dass sie noch mehr Geld verdienen.«

O-Ton, Ursula Lehr, CDU, Bundesministerin a. D.:

»Man könnte auch sagen, es ist eine andere Form von Altenmisshandlung, indem man die Rechte, die Wünsche, die Bedürfnisse sowohl der älteren Menschen nicht achtet, aber offenbar auch die Bedürfnisse ihrer Familien, indem man auf diese Weise noch vorhandene Familien auseinanderreißt.«

Fazit: Im Kampf um die besten Lagen drohen pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen auf der Strecke zu bleiben. 

Abmoderation Fritz Frey:

In den Streit um das Paulusheim hat sich jetzt auch der Bonner Oberbürgermeister eingeschaltet. Er wird sich dafür einsetzen, dass das Paulusheim als Pflegeheim erhalten bleibt. Viel Glück dabei!