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SENDETERMIN Di, 1.6.2021 | 21:48 Uhr | Das Erste

Lufthansa Lohndumping auf Staatskosten?

Bei der Lufthansa werden Konzerngesellschaften abgewickelt, während das Unternehmen eine neue Airline gründet. Für die gleiche Arbeit wird nach Recherchen von REPORT MAINZ zum Teil weniger Geld bezahlt. Ehemalige Mitarbeiter der alten Unternehmen fühlen sich ungerecht behandelt. Vor allem weil die Lufthansa in der Corona-Krise vom Staat mit Milliardenhilfen unterstützt wurde.

Pfingstfreitag, der Frankfurter Flughafen. Hunderte Menschen auf dem Weg in den Urlaub.

Flugreisende: "Jetzt freuen wir uns natürlich, dass wir endlich fahren dürfen." - "Raus aus dieser Blase, zu Hause sitzen, vorm Computer." - "Ich freue mich auch auf das Essen." - "Da sind wir richtig geil drauf, oder?"

Glücksgefühle. An denen aber nicht alle teilhaben können. Wir sind in München und treffen Heiko Kurz. Zum ersten Mal ist der arbeitslose Pilot wieder am Flughafen. Nach über einem Jahr.

Heiko Kurz, arbeitsloser Pilot: "Es ist Wehmut. Traurigkeit."

Sozialer Abstieg nach Entlassung

Neun Jahre flog Kurz für den deutschen Ableger der Lufthansa-Tochter Sunexpress, manchmal mit seiner Frau, die Chefstewardess war. Bis zum Schock im Juni 2020: Das Ende der Sunexpress Deutschland wurde bekannt gegeben, mitten in der Corona-Krise. Mit der Kündigung folgte der soziale Abstieg: Jetzt lebt die kleine Familie vom Arbeitslosengeld, erzählt sie uns. Sie jobbe zusätzlich in einer Zahnarztpraxis, er für 450 Euro in einem Getränkemarkt.

Heiko Kurz, arbeitsloser Pilot: "Nagen tut das auf jeden Fall."

Christine Kurz, ehemalige Chefstewardess: "Man hat Existenzängste, ganz klar."

Ihr kleines Reihenhaus, das ganze Leben, alles stehe auf der Kippe. Eine ähnliche Geschichte hören wir bei Germanwings. Die Lufthansa-Tochter hat es ebenfalls nicht durch die Krise geschafft. Im April 2020 verkündete die Lufthansa das offizielle Aus. Auch für den Arbeitsplatz dieser Flugbegleiterin. Sie will nicht erkannt werden, aus Angst vor beruflichen Konsequenzen. Ihr Vorwurf:

Flugbegleiterin (nachgesprochen): "Es war herzlos. Als hätte man vorher gar nichts geleistet."

Dabei hatte die Lufthansa Staatsgelder bekommen. Neun Milliarden Euro hatte die Bundesregierung der Lufthansa zur Verfügung gestellt, um das Unternehmen und die Mitarbeiter durch die Krise zu bringen.

Prof. Stefan Sell

Prof. Stefan Sell

Prof. Stefan Sell, Arbeitsmarktexperte: "Und jetzt geht man hin und unterstützt, weil man auf jede Auflage, auf jede Bedingung verzichtet, unterstützt einen harten Sanierungskurs, der auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen wird."

Neue Airline - mitten in der Corona-Krise

Und das ganz offen: Statt Sunexpress Deutschland und Germanwings zu halten, gründete die Lufthansa im Juli 2020 eine neue Airline, mitten in der Corona-Krise: Eurowings Discover. So präsentiert sie sich in einem Werbevideo. Frisch und jung. Hochglanzoptik, die vor allem Bewerber anlocken soll. Im Sommer geht die Airline an den Start. 500 Mitarbeiter wurden bisher eingestellt.

Auch Familie Kurz wollte dabei sein. Doch schon beim Bewerbungsgespräch, erzählt sie uns, kam die Absage, mit deutlichen Worten, nach neun Jahren bei Sunexpress Deutschland.

Eheleute Kurz

Eheleute Kurz

Christine und Heiko Kurz: "Sie passen nicht ins Bild, Frau Kurz. Dankeschön. Sehr unfair und ungerecht. Und… Man fühlt sich so abgeschoben. Wie, ja… entsorgt. Entsorgt. Arbeit erledigt, gut genug gewesen, jetzt brauchen wir euch nicht mehr."

Über 200 Klagen gegen den Lufthansa-Konzern

Die Lufthansa will sich zu Bewerbern im Detail nicht äußern. Heiko und Christine Kurz haben den Konzern verklagt. Wir treffen ihren Anwalt in Köln. Über 200 Mitarbeiter klagen insgesamt. Martin Leufgen vertritt mehr als die Hälfte, hält die Kündigungen für unwirksam. Denn mit der Eurowings Discover gebe es ja ganz offensichtlich gleichwertige Arbeitsstellen im Konzern. Seine Einschätzung:

Martin Leufgen

Martin Leufgen

Martin Leufgen, Rechtsanwalt: "Die Lufthansa verfolgt aus meiner Sicht eine perfide Strategie: Hier werden altgediente Mitarbeiter entlassen, man probiert sie aus dem Unternehmen zu drängen, zu Gunsten neuer Mitarbeiter, die aber deutlich, deutlich schlechter bezahlt werden."

Die Lufthansa weist die Vorwürfe zurück und hält die Klagen für unbegründet.

Lufthansa: "In der Krise ist unser vordringlichstes Ziel das Überleben der Lufthansa Gruppe zu sichern und gleichzeitig möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten."

Doch zu welchen Bedingungen? Wir sind noch einmal bei der ehemaligen Flugbegleiterin. Sie arbeitet jetzt bei Eurowings Discover. Für weniger Geld. Sie zeigt uns ihre Unterlagen. Früher hat sie demnach Vollzeit gearbeitet, jetzt hat man ihr nur Teilzeit angeboten. Früher waren es 2.500 Euro brutto, jetzt sind es 1.400 Euro.

Flugbegleiterin (nachgesprochen): "Man fühlt sich hilflos, dass man da im Prinzip nicht wirklich eine Wahl bekommen hat, ausgebeutet und ausgenutzt."

Konfrontiert mit diesem Vorwurf, sagt die Lufthansa, die Arbeitsbedingungen seien auf dem Niveau vergleichbarer Flugbetriebe.

Lufthansa: "Ab dem 1. Juni werden bei Neueinstellungen ausschließlich Vollzeitverträge vergeben und bestehende Teilzeitverträge auf 100 Prozent aufgestockt."

Weniger Geld

Für unsere Flugbegleiterin ein schwacher Trost: Laut den REPORT MAINZ vorliegenden Unterlagen käme sie auch bei einem Vollzeitvertrag auf 500 Euro weniger als damals bei Germanwings.

Fazit: Alte Airlines werden abgewickelt, eine neue wird gegründet, mit teils niedrigeren Löhnen. Obwohl der Staat neun Milliarden an Hilfen zur Verfügung stellte, jetzt sogar über 20 Prozent der Anteile besitzt.

Was sagt der neue Großaktionär Bund? Schriftlich heißt es: Die Bundesregierung könne keinen Einfluss auf die operative Geschäftsführung der Lufthansa nehmen. Für den Arbeitsmarktexperten Stefan Sell ist die Lufthansa damit einer der großen Gewinner der Corona-Krise.

Prof. Stefan Sell, Arbeitsmarktexperte: "Das heißt, die Verluste wurden sozialisiert und die möglichen Gewinne, die jetzt realisiert werden, die privatisiert die Lufthansa-Gruppe. Aber für alles muss man einen Preis zahlen. Und der Preis, den zahlen jetzt die Beschäftigten."

Die Familie Kurz hofft jetzt auf ihr Gerichtsverfahren im Oktober. Um möglichst bald wieder dabei zu sein - im sich langsam erholenden Fluggeschäft.