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SENDETERMIN Di, 20.3.2018 | 21:45 Uhr | Das Erste

Lückenhafte Aufarbeitung? Neue Missbrauchsvorwürfe bei den Regensburger Domspatzen

Im Missbrauchsskandal bei den Regensburger Domspatzen berichtet REPORT MAINZ über neue Vorwürfe. Danach soll es im weltberühmten Knabenchor sexuelle Übergriffe von älteren auf jüngere Schüler gegeben haben. Bislang bekannt waren lediglich Fälle von Gewalt und Missbrauch von Lehrern und Priestern an Kindern.

Ein ehemaliger Domspatz, der das Internat von 1987-1992 besuchte, erzählt jetzt im Interview mit REPORT MAINZ, es habe schweren sexuellen Missbrauch unter Schülern gegeben: "Ich weiß, dass es System hatte und auch gängige Praxis war, dass ältere Schüler sich an jüngeren Schülern vergriffen haben. Und nicht nur einer mit einem, sondern mehrere Acht-, Neunt-, Zehntklässler, die sich dann die Sechst- und Siebtklässler geangelt haben. Also, von sich gegenseitig mit der Hand befriedigen hin zu Oralverkehr und auch Analverkehr." In seiner Zeit am Internat sei er häufig missbraucht worden, nicht von Lehrern, sondern von älteren Schülern. Dies sei auf Konzertreisen passiert, aber auch im Domspatzen-Internat. Tatorte seien Schlafräume, Toiletten und Duschen im Schwimmbad gewesen.

Darüber hinaus liegen REPORT MAINZ durch ein Gerichtsverfahren weitere Hinweise vor. Das Landgericht Regensburg hat im Dezember 2016 den ehemaligen Domspatzen-Schüler Christian F. rechtskräftig zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt, unter anderem wegen schweren sexuellen Missbrauchs (Az.: KLs 522 Js 10953/14 jug). Zu seinen Opfern zählten auch zwei ehemalige jüngere Schüler des Domspatzengymnasiums. Laut Urteil sei ein Missbrauchsfall möglicherweise schon während der Internatszeit außerhalb der Schule geschehen. Alle anderen Übergriffe seien nach der gemeinsamen Domspatzenzeit bei privaten Übernachtungen geschehen. Der Sprecher des Landgerichts, Thomas Polnik, sagte dazu im Interview mit REPORT MAINZ: "Der Angeklagte war ein Schüler der Oberstufe des Domspatzengymnasiums. Die beiden Mitschüler befanden sich in jüngeren Jahrgangsstufen und wurden von ihm betreut. So entstand der Kontakt, der letztendlich zu den gemeinsamen Übernachtungen und auch zu den Taten führte." REPORT MAINZ liegen exklusiv Protokolle von Zeugenvernehmungen aus den Ermittlungsakten vor. Daraus geht hervor, dass Christian F. sich als älterer Schüler am Domspatzen-Internat sehr um die jüngeren Schüler, seine späteren Opfer, bemüht hatte, um so deren Vertrauen zu gewinnen.

Darüber hinaus haben Recherchen von REPORT MAINZ weitere Hinweise auf mögliche Fälle von Missbrauch unter Regensburger Domspatzenschülern ergeben. Im vergangenen Jahr hatte ein vom Bistum Regensburg eingesetzter Sonderermittler einen umfangreichen Untersuchungsbericht zu Vorfällen von Gewaltausübung durch Erziehungspersonal an Schülern der Regensburger Domspatzen im Zeitraum von 1945 bis 2015 vorgelegt. Auf Seite 226f. heißt es: "Zudem berichten zahlreiche Opfer (...) auch von sexuellem Missbrauch unter Schülern." Im Folgenden zitiert der Ermittler Aussagen von Domspatzenschülern. Darunter: "Ältere Schüler musste ich auch befriedigen." "In Regensburg kam es während der Pubertät zu sexualisierter Gewalt unter Schülern." Und: "Der Missbrauch - durch nächtliche Besuche älterer Internats-Zöglinge (…) - passierte ab der ersten Gymnasiumsklasse (…) bis zum Erreichen der Oberstufe." Im Bericht heißt es jedoch explizit: "Die sexuelle Gewalt unter Mitschülern war jedoch nicht Bestandteil der Aufklärungsarbeit zu diesem Bericht."

Das Bistum Regensburg war trotz mehrfacher Anfragen von REPORT MAINZ weder zu einem Interview noch zu einer schriftlichen Stellungnahme bereit. Fragen nach einer möglichen institutionellen Mitverantwortung blieben ebenso unbeantwortet wie Fragen nach den Erkenntnissen des Bistums zu sexuellen Übergriffen unter Schülern des Domspatzen-Internats. Bislang öffentlich bekannt und aufgearbeitet wurden lediglich Fälle, in denen Priester und Erzieher Gewalt und sexuellen Missbrauch an ihren minderjährigen Schützlingen verübt hatten.