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SENDETERMIN Di, 26.7.2022 | 23:15 Uhr | Das Erste

Long Covid Monatelanges Warten auf Diagnose und Reha

Viele Kliniken können kurzfristig keine Long Covid-Patienten mehr behandeln. Einige haben Wartezeiten bis ins kommende Jahr. Das ergibt eine Umfrage von REPORT MAINZ unter den 35 größten Kliniken, die eine Spezialambulanz für Corona-Folgeerkrankungen betreiben.

Kurz nach neun Uhr morgens: Ein bisschen Blumen gießen. Und Cornelia G. kann nicht mehr. Nach 20 Minuten: Schicht im Schacht.


Cornelia G., Long-Covid-Patientin:
"Ich bin ein wenig erschöpft, ja. Ich habe Schwierigkeiten, Luft zu holen, vor allem, wenn es rauf und runter geht. Ich schaffe dann in dem Zustand auch keine Treppen hoch. Ich krieche praktisch auf allen Vieren dann nach oben."


Im November hat sich Cornelia, deren Nachnamen wir nicht nennen sollen, mit Corona angesteckt. Seitdem ist nichts mehr, wie es mal war. Damals: Eine glückliche Familie. Drei Kinder hat das Ehepaar. Nach der Elternzeit hatte sie gerade wieder beruflich Fuß gefasst als Krankenpflegerin. Doch nach der Infektion blieben die Symptome: Geschmacksverlust, Schwindel, Herzklopfen, Müdigkeit. Bis heute geht das so. Mit Kardiologen habe sie gesprochen, Lungenärzten, ihrer Hausärztin. Keiner habe ihr helfen können. Und so wächst in ihr langsam die Angst, dass das alles nie mehr weggeht.


Cornelia G.

Cornelia G.

Cornelia G., Long-Covid-Patientin:
"Ja, das ist dann schon eine Verzweiflung, wenn man in einem Körper steckt, der nicht so reagiert, wie man es braucht und wie er soll. Ich habe drei Kinder und meinen Mann. Was passiert, wenn ich komplett ausfalle und die stehen alleine da? Ich habe mit meiner Ärztin geredet: Was kann ich denn machen? Da hat sie gesagt: Also eine Reha, eine Kur, wäre für sie jetzt das Beste."


Die einzige Chance auf Besserung, aber die scheint an diesem Vormittag fast unerreichbar. Vor mehr als elf Wochen hat sie mit ihrem Mann den Antrag auf Reha gestellt - bei der Deutschen Rentenversicherung, die dafür in Deutschland zuständig ist. Seitdem wartet sie auf eine Nachricht und verzweifelt jeden Tag ein bisschen mehr.


Cornelia G., Long-Covid-Patientin:
"Dieses Stehenbleiben, nicht weiterkommen, nicht wissen. Das ist so frustrierend."


Die Deutsche Rentenversicherung schreibt uns, Anträge würden in aller Regel innerhalb von drei Wochen entschieden. Cornelia G. wartet bis zu unserem Drehtag schon fast vier Mal so lang - so als wäre sie festgefahren in diesem Gesundheitssystem. In dem Experten, Verbände, Wissenschaftler einen Ansturm von Long-Covid-Patienten erwarten. So viele, dass Klinikvertreter Alarm schlagen - wie der Geschäftsführer des Spitzenverbands der medizinischen Reha-Einrichtungen in Deutschland.


Christof Lawall

Christof Lawall

Christof Lawall, Deutsche Gesellschaft für Medizinische Rehabilitation:
"Wir haben schon den Eindruck, dass viele Betroffene sehr lange allein gelassen werden und nicht zügig die Hilfe kriegen, die sie brauchen. Das bedeutet ganz konkret, bei Berufstätigen etwa, dass sie längerfristig arbeitsunfähig bleiben und nicht in den Job zurückkommen."


Zu späte Diagnosen, langes Warten auf Reha-Bescheide: Das alles müsse sich verbessern.

Wir sind in Nettetal an der deutsch-niederländischen Grenze, treffen Claudia Scholz und ihren Partner. Auch sie fühlt sich ausgebremst auf ihrem Weg raus aus Long-Covid. Die 48-jährige gehörte zu den ersten Infizierten im Mai 2020. Immer noch kämpft sie mit starken Symptomen - einem chronischen Erschöpfungssyndrom, Wortfindungsstörungen. Sie kann nicht mehr arbeiten, hat einen Reha-Antrag gestellt, der nach mehr als drei Monaten Wartezeit bewilligt wurde. Die Zusage kam Ende März.


Claudia Scholz

Claudia Scholz

Claudia Scholz, Long-Covid-Patientin:
"Ich habe dann in der Klinik angerufen und habe dort nachgefragt, wann mein Termin wäre. Das hieß dann im September. Ja, das macht wütend."


Ein halbes Jahr sollte sie warten - auf eine Reha, die sie so dringend braucht. Das will Claudia Scholz nicht hinnehmen. Deshalb sucht sie selbst nach einer Reha-Klinik und tatsächlich: Sie findet eine, die ihr einen deutlich früheren Platz anbietet - aber nur mit Zustimmung der Rentenversicherung.


Claudia Scholz, Long-Covid-Patientin:
"Und habe bis heute nichts gehört. Und, ja, ich habe dann mehrmals da angerufen, wochenlang. Man erreicht keinen. Und wir haben…"


Erik Schiffer

Erik Schiffer

Erik Schiffer, Partner von Claudia Scholz:
"Wir haben es auf die Spitze getrieben. Also mit vier Telefon- oder Mobilgeräten haben wir diese Hotline-Nummer angerufen, haben eine gute Stunde in der Warteschleife gestanden, um dann nach einer Stunde, ich glaube zwischenzeitlich wurden zwei Geräte rausgeschmissen, und dann kommt die ominöse Ansage: Melden Sie sich später nochmal."


Irgendwann war der Klinikplatz weg. Und Claudia Scholz muss wieder warten, am Tag unseres Drehs wären es noch fast zwei Monate bis zur Reha. Die Deutsche Rentenversicherung erklärt, man habe kein Problem mit der eigenen Telefonhotline.


Deutsche Rentenversicherung:
"Die telefonische Erreichbarkeit der Deutschen Rentenversicherung lag im vergangenen Jahr bei 78 Prozent. Sie liegt damit nahe dem in Callcentern üblichen Zielwert von 80 Prozent."


Außerdem habe man früh reagiert, ein breites Rehabilitationsangebot aufgebaut. Also alles in Ordnung?


Studie zeigt Versorgungslücke für Long-Covid-Patienten


Wir sind in der Bonner Universitätsklinik. Hier kommt man zu einem anderen Schluss. Catherine Widmann hat 1.200 Long-Covid-Patienten befragt, die Antworten für REPORT MAINZ exklusiv vorab ausgewertet. Das Ergebnis verheerend: 84 Prozent der befragten Patienten gaben an, nach ihrer Infektion noch einen Behandlungsbedarf gehabt zu haben. Nur 49 Prozent aber wurden tatsächlich behandelt. Eine Riesenlücke, so die Wissenschaftlerin.


Catherine Widmann

Catherine Widmann

Catherine Widmann, Leitung der Abteilung Neuropsychologie Universitätsklinikum Bonn:
"Das heißt, es gibt einen Rückstau an Patienten, die Hilfe brauchen. Es ist einfach explodiert, sage ich mal, die Anzahl von Patienten, die nach Covid-Infektion kardiologische, pulmologische, neurologische und andere Hilfen benötigen."


Einen Rückstau auf dem Weg zur Reha gebe es, aber auch auf dem Weg zur Diagnose - auf die die meisten Betroffenen ebenfalls viel zu lange warten müssten.
Dabei sind dafür sogar eigens Long-Covid-Ambulanzen geschaffen worden – Spezialabteilungen für schnellere und bessere Diagnosen. Das Konzept: Die Ärzte kommen aus verschiedenen Fachrichtungen, alle als Experten für das neue Krankheitsbild "Long Covid".

Wie ist es, als Betroffener dort Hilfe zu suchen? Wir rufen stichprobenartig bei solchen Ambulanzen an.


Claudia Kaffanke, Autorin:
"Wann wäre denn der frühestmögliche Termin bei Ihnen?"


Mitarbeiterin einer Long-Covid-Ambulanz (Gedächtnisprotokoll):
"Erst nächstes Jahr wieder."


Mitarbeiterin einer Long-Covid-Ambulanz (Gedächtnisprotokoll):
"Wir haben nur sieben Termine in der Woche."


Mitarbeiterin einer Long-Covid-Ambulanz (Gedächtnisprotokoll):
"Eigentlich haben wir gar keine Kapazitäten mehr."


Und auch eine REPORT MAINZ-Umfrage bei den 35 größten Kliniken mit Long-Covid-Ambulanzen ergibt: 28,5 Prozent der antwortenden Ambulanzen haben erst Ende August einen Termin, 43 Prozent im Herbst, 28,5 Prozent erst im kommenden Jahr, in einem Fall sogar erst im Sommer.

Und die Folge? Die Menschen werden immer kränker. Wir sind Heidelberg in der Rehaklinik, wo Chefarzt Robert Nechwatal jeden Tag erlebt, was das bedeutet. Wegen der langen Wartezeiten kämen Patienten viel zu spät zur Behandlung. Gerade bei Long Covid sei das aber fatal.


Robert Nechwatal

Robert Nechwatal

Robert Nechwatal, Chefarzt Rehaklinik Heidelberg-Königstuhl:
"Wenn ein Müdigkeitssyndrom zum Beispiel erst mal monatelang besteht, sich verselbstständigt, immer schlimmer wird, ist es natürlich therapeutisch viel schlechter zu behandeln. Wir gehen ja davon aus, dass sich das dann chronifiziert, chronisch wird."


Und das ausgerechnet im Moment, wo offenbar immer mehr Long-Covid-Patienten in die Reha-Kliniken kommen. In den vergangenen sechs Monaten sind es schon fast so viele wie im ganzen vergangenen Jahr, erklären viele große Rehakliniken gegenüber REPORT MAINZ.


Bundesgesundheitsministerium verweist auf Arbeitsstab


Und was tut der Bundesgesundheitsminister? Ein Interview gibt es nicht. Dafür eine E-Mail, in dem sein Ministerium vor allem betont, was man nicht tun könne - etwa "unmittelbaren Einfluss auf die Hochschulkliniken nehmen", um die Wartezeit zu reduzieren. Auch die Deutsche Rentenversicherung arbeite in "Selbstverwaltung". Man habe jetzt aber einen "Arbeitsstab", in dem "Fragen der bedarfsgerechten Versorgung bearbeitet werden." Dabei hatte der Minister selbst in einem Interview gewarnt: "Wir haben nicht im Ansatz die Kapazität, um alle Long-Covid-Patienten zu versorgen."


Und trotzdem sei zu wenig passiert, kritisiert Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz.


Eugen Brysch

Eugen Brysch

Eugen Brysch, Vorstand Deutsche Stiftung Patientenschutz:
"Es ist ein Lamentieren, ein Beschreiben des Zustands. Man ist jetzt Gott sei Dank weg, ihn kleinzureden. Aber den Zustand beschreiben und den Bedarf zu beschreiben, dafür ist man nicht Bundesgesundheitsminister geworden, sondern man ist Bundesgesundheitsminister geworden, um Lösungen anzubieten."


Solange sich nichts ändert, werden immer mehr Patienten immer länger warten müssen. Nur Claudia Scholz und Cornelia G. nicht mehr. Sie erlebten kurz nach unseren Dreharbeiten ein kleines Wunder: Die erhoffte Reha wurde ganz plötzlich doch noch möglich gemacht.

aus der Sendung vom

Di, 26.7.2022 | 23:15 Uhr

Das Erste