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SENDETERMIN Di, 14.12.2021 | 21:49 Uhr | Das Erste

Lockdown für Ungeimpfte Coronaleugner schotten sich in Parallelgesellschaften ab

Am Ende des zweiten Pandemiejahres spalten sich Impfgegner offenbar zunehmend von der restlichen Gesellschaft ab. Recherchen von REPORT MAINZ zeigen nun, wie sie sich im Netz organisieren und in sämtlichen Lebensbereichen Parallelgesellschaften aufbauen. Während immer mehr Menschen auf den Intensivstationen an COVID-19 sterben, verhalten sich Impfgegner so, als ob es Corona nicht gäbe.

Der Weihnachtsmarkt in Michelstadt im Odenwald - Idylle, Glühwein, 3G. Nur Geimpfte, Genesene, Getestete dürfen hier rein. Ein paar Meter entfernt, dieses kleine Grüppchen.


"Sind Sie der 0G-Weihnachtsmarkt?"

"Wir sind der 0G-Weihnachtsmarkt. Es sind explizit auch Ungeimpfte willkommen, ja."


Der "0G-Weihnachtsmarkt"

Der "0G-Weihnachtsmarkt"

Sie versuchen, ihren eigenen Weihnachtsmarkt zu machen. Heute ein bisschen kleiner als sonst - sechs Menschen. Es regnet. Vor einer Woche, erzählen sie uns, waren es mehr als 50.


"Können Sie das mit gutem Gewissen hier vertreten, sich auch mit 50 Leuten hier zu treffen."

"50, gerne hundert, ja!"

"Trotz steigender Zahlen? Trotz steigender Intensivkapazitäten?"

"Richtig. Ja gut, das ist ja streitbar, ne? Also habe ich meine Zweifel daran."

"Woran?"

"Na, dass die Inzidenzen jetzt bei…bei wieviel?"

"Im Moment bei über 530."

"Bei über 500. Ja, okay, es ist nicht so mein Eindruck, wenn ich hier mein Leben normal führe eigentlich, dass jetzt hier Not am Mann ist."


Eine eigene Realität, eine eigene Welt.

Wie gespalten ist Deutschland?


In diesem Film wollen wir dieser Frage nachgehen, die aktuell auch die Politik beherrscht. Eine Debatte, zu der sich der neue Bundeskanzler schon geäußert hat.

Olaf Scholz

Olaf Scholz

Olaf Scholz, SPD, Bundeskanzler:
"Deutschland ist nicht gespalten. Es gefällt mir nicht, dass eine solche Diskussion in diesem Land stattfindet."


Ist das so? Bei der Recherche finden wir Hinweise, die auf das Gegenteil hindeuten. Corona-Skeptiker, die die Regeln brechen. Und: Portale für alle Lebensbereiche, fast wie eine Parallelgesellschaft.

Breites Angebot für Impfgegner


Zum Beispiel mit Jobbörsen. Mit Arbeitgebern, die ganz gezielt nach ungeimpften Mitarbeitern suchen. Sogar Physiotherapiepraxen finden wir. Körpernahe Dienstleistungen ohne Impfung - kann das wirklich sein?

Wir geben uns als ungeimpfter Physiotherapeut aus, werden per Mail zum Vorstellungsgespräch eingeladen, alles kein Problem.


Auszug E-Mail:
"Mehrere Mitarbeiter sind ebenfalls nicht geimpft."


Ist das verantwortbar? Wir fragen bei der Praxis nach, erhalten diese erstaunliche Antwort:


Stellungnahme Physiotherapie-Praxis:
"Ich kenne keine wissenschaftliche Studie, die zur Schlussfolgerung kommt, dass Ungeimpfte das Coronavirus schneller, leichter, intensiver, umfangreicher oder wie auch immer als Geimpfte übertragen können."


Absoluter Unsinn, so die Einschätzung des Vorstandsvorsitzenden des Weltärztebundes:


Prof. Frank Ulrich Montgomery

Prof. Frank Ulrich Montgomery

Prof. Frank Ulrich Montgomery, Vorstandsvorsitzender Weltärztebund:
"Er kennt keine Studie, weil er wahrscheinlich keine gelesen hat. Aber das hat er zu verantworten. Sein Verhalten ist verantwortungslos."


Ein Verhalten, das schwere Folgen habe. Eine wütende Pandemie, volle Krankenhäuser.

Viele Infektionen wären vermeidbar


Wir sind auf der Intensivstation im Klinikum Darmstadt. Hier liegen aktuell 13 schwerkranke Covid-Fälle. Fast alle von ihnen ungeimpft - so wie auf den meisten anderen Intensivstationen auch. Dieser Patient wird zwar künstlich beatmet, der Sauerstoff aber reicht trotzdem nicht. Es sieht nicht gut aus für ihn. Ratlosigkeit.


Dr. Ilka Fritsch, Oberärztin Intensivstation, Klinikum Darmstadt:
"Wir können das natürlich machen, aber wir können ihn gar nicht lagern, wir können ihn nicht flachlegen, wir können kein Röntgenbild machen, wir können fast nicht bronchoskopieren."


Aufgeben wollen sie trotzdem nicht. Haben sich die Blutwerte nicht doch gebessert? Nach wenigen Minuten Enttäuschung. Es ist sogar noch schlimmer als gedacht.


Dr. Ilka Fritsch, Oberärztin Intensivstation, Klinikum Darmstadt:
"Der CO2 ist der Wahnsinn."

Nichts mehr zu machen.


Prof. Martin Welte

Prof. Martin Welte

Prof. Martin Welte, Chefarzt Intensivstation, Klinikum Darmstadt:
"Wir müssen den Angehörigen mitteilen, dass wir mit unserem Latein am Ende sind."


Dr. Ilka Fritsch, Oberärztin Intensivstation, Klinikum Darmstadt:
"Die Frau und der Sohn kommen heute Mittag alle zusammen."


Prof. Martin Welte, Chefarzt Intensivstation, Klinikum Darmstadt:
"Ok, dann machen wir das."

Er ist geimpft, doch die Impfung konnte ihn nicht ausreichend schützen. Sein Körper hat wegen einer Vorerkrankung nicht genügend Immunabwehr aufgebaut. Dass andere sich impfen lassen, wäre für ihn der wichtigste Schutz gewesen.


Prof. Martin Welte, Chefarzt Intensivstation, Klinikum Darmstadt:
"Da muss man eben weiterdenken als nur an sich selbst. Man gefährdet andere damit."


Dr. Ilka Fritsch

Dr. Ilka Fritsch

Dr. Ilka Fritsch, Oberärztin Intensivstation, Klinikum Darmstadt:
"Im Prinzip habe ich eine ganze Station Arbeit voll mit Fällen, die vermeidbar gewesen wären, ja? Das frustriert halt schon mal ein bisschen."



In ganz Deutschland werden Operationen verschoben


Frustriert ist auch Tobias Schimon. Der 36-Jährige hat ein Aneurysma im Bein - eine Ausdehnung einer Vene. Schon einmal hatte sie eine Thrombose, sogar eine Lungenembolie verursacht. Er lag deshalb auf der Intensivstation. Damit sich das nicht wiederholt, sollte er eigentlich operiert werden. Doch weil die Klinik wegen Corona keine Kapazitäten hat, wurde die OP verschoben.


Tobias Schimon

Tobias Schimon

Tobias Schimon:
"Du fällst aus allen Wolken, weil du auf einmal dann wieder die Worte hörst: So, da kann wieder eine Thrombose entstehen, da kann wieder eine Lungenembolie draus werden. Und ich weiß ja, was das damals alles bedeutet hat für mich."



Davor hat der Familienvater jetzt Angst. Tobias Schimon postet seine Geschichte im Internet. Schnell merkt er, mit seinem Schicksal ist er nicht allein.

Tobias Schimon:
"Es ist unfassbar: Herzklappen-Operationen, Tumoroperationen, Hüftoperationen. Krebspatienten, die kein freies Krankenhausbett finden, Leukämie-Patienten, die auf eine Behandlung warten. Das ist doch Irrsinn."



Auch Tobias Schimon muss jetzt mit seinem Risiko leben. Man brauche einen Sinneswandel der Ungeimpften, um das alles zu beenden. Sonst gehe das immer so weiter. Das Problem ist nur: Viele der Impfgegner lassen sich nicht mehr überzeugen, meint der Sozialpsychologe Ulrich Wagner. Er beobachtet die Szene seit gut 1 ½ Jahren.


Prof. Ulrich Wagner, Sozialpsychologe, Universität Marburg:
"Da sind bereits Gräben entstanden. Ich würde sogar das Bild der Mauer da anwenden, weil über den Graben könnte man noch miteinander kommunizieren. Und bei manchen der Impfgegner ist eine solche Kommunikation fast nicht mehr möglich."


"Kein Sex mit den Geimpften"


Jemand hält ein Tablet in der Hand, auf dessen Bildschirm man eine Umhängetasche sieht mit dem Aufkleber "Kein Sex mit Geimpften".

Impfgegner werben für ihre Dating-Plattform mit provokanten Sprüchen

Denn das Abgrenzen geht mittlerweile viel weiter. Dating-Plattformen für Ungeimpfte, die im Netz mit provokanten Sprüchen werben: "Dein Booster? Meine Küsse", "Keinen Bock mehr darauf, fremdgesteuerte Zombies zu daten?", "Kein Sex mit den Geimpften". Mehr als 4.000 Menschen haben sich nach Angaben des Portals hier schon angemeldet. Das uns mitteilt, man fordere niemanden auf, sich von Geimpften fernzuhalten.

Der Sozialpsychologe widerspricht. All das trage zu einer Spaltung bei, über die der neue Bundeskanzler, wie gesagt, nicht reden will, im Kampf gegen die Pandemie auf die alten Rezepte setzt - harte Regeln: 3G, 2G, Impfpflicht.

Aber unsere Recherche zeigt: Vielen Impfgegnern sind all die Regeln völlig egal, sie organisieren sich längst, um sie zu umgehen. Zum Beispiel bei Messengerdiensten. Hier geben sich tausende Impfgegner gegenseitig Tipps, in welchen Geschäften die Pandemieregeln angeblich nicht so ernst genommen werden. Alles geordnet nach Postleitzahlen.

Personen ohne Maske im Supermarkt

Personen ohne Maske im Supermarkt

Parallelgesellschaften, die es tatsächlich zu geben scheint. Diese Bilder aus einem großen Supermarkt wurden uns zugespielt: Kunden, die seelenruhig ohne Maske einkaufen. Auch bei dieser Tankstelle. Wir haben die Läden angefragt. Die Firmen beteuern, man bemühe sich mit aller Kraft, die Regeln umzusetzen, um die sich eigentlich Behörden kümmern müssten. Doch das Verkaufspersonal sei …


Stellungnahme Geschäft, anonym:
"...durch den Umgang mit einzelnen uneinsichtigen und teils aggressiven Kunden, die sich der Regeln verweigern, extrem belastet."


Aussagen, die wir immer wieder hören. Die Folge der Parallelgesellschaft - Menschen, die sich nicht nur abschotten, sondern immer weiter radikalisieren. Gegen die Mehrheit, gegen den Staat.


Prof. Ulrich Wagner

Prof. Ulrich Wagner

Prof. Ulrich Wagner, Sozialpsychologe, Universität Marburg:
"Ich sehe das Risiko, dass auch wenn Corona hoffentlich irgendwann mal vorbei ist, eine kleine Splittergruppe sich in diesem Abseits weiter aufhalten wird. Die werden andere Themen finden, warum sie sich in Gegnerschaft zum Staat befinden. Und das beinhaltet die gewaltige Gefahr, dass hier auch Gewalt entsteht."


Eine düstere Prognose. Die Spaltung unserer Gesellschaft könnte also bleiben. Dabei ist die Situation jetzt schon fast unerträglich.