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Lieblingswaffe der Amokschützen Trotz Orlando blockiert Deutschland ein europaweites Verbot von halbautomatischen, kriegsähnlichen Gewehren

Orlando – der Name steht für das jüngste Massaker in Amerika. 49 Menschen tot, erschossen mit einem halbautomatischen Sturmgewehr. Unsere Reaktion? Ja, wir schütteln den Kopf über die laxen amerikanischen Waffengesetze und wundern uns, dass es keinem Präsidenten bislang gelungen ist, dem Irrsinn ein Ende zu machen.

Sujet Waffe

Sujet Waffe

Aber halt: Sind wir Europäer wirklich die Musterknaben, für die wir uns halten? Nach den Terroranschlägen von Paris sollte das europäische Waffenrecht minimal verschärft werden. Gewehre, die aussehen wie vollautomatische Kriegswaffen, sie sollen verboten werden – doch die Waffenlobbyisten laufen Sturm. Eric Beres mit einer Recherche, die dort beginnt, wo Waffen von Männern liebevoll gestreichelt werden und Frauen T-Shirts mit dem Schriftzug BANG tragen.

Bericht:

In einem Schützenhaus im Sauerland vor zehn Tagen. Die "German Rifle Association" hat Waffenfreunde aus ganz Deutschland eingeladen. Wir sind hier unerwünscht. Uns zugespielte Aufnahmen zeigen: Hier dreht sich fast alles um so genannte halbautomatische Gewehre. Gewehre, die Militärwaffen nachempfunden sind. Ein deutscher Waffenhersteller hat sich mit seinem Infostand bestens auf die Klientel eingestellt.  

O-Ton, Gedächtnisprotokoll:

"Also das hier ist ein russisches Modell. Und sehr putzig, sehr, sehr putzig." 

Viele Sportschützen können diese Waffen kaufen. Bisher ganz legal. Rund 165.000 halbautomatische Gewehre sind in Deutschland derzeit im Umlauf, darunter viele kriegsähnliche. Mit aufwändig produzierten Internet-Videos zeigen Hersteller, wie schnell man mit diesen Waffen schießen kann. Und damit auch töten. Orlando vor drei Wochen: 49 Menschen werden erschossen, die gerade fröhlich in einem Club feiern. Der Attentäter, Omar Mateen, benutzte ein solches halbautomatisches kriegswaffenähnliches Gewehr. Nach unseren Recherchen wurden mit solchen Waffen allein in den USA seit 2012 mindestens neun Massaker begangen. Bilanz: 124 Tote.Marc Schieferdecker ist von der "German Rifle Association". Seine Organisation setzt sich dafür ein, dass grundsätzlich jeder zuverlässige Bürger in Deutschland eine Waffe tragen darf. An halbautomatischen kriegswaffenähnlichen Gewehren kann er nichts Schlimmes finden. In Deutschland sei damit schließlich noch nicht viel passiert.

Mark Schieferdecker

Marc Schieferdecker, "German Rifle Association"

O-Ton, Marc Schieferdecker, "German Rifle Association":

"Man kann halt nicht von der Waffe darauf schließen, was damit passiert, sondern man muss sich halt um die Menschen kümmern und versuchen halt Gewalt bei Menschen reduzieren. Ich bin auf vielen Schießständen und ich kenne auch keine Leute, die Waffen haben, um irgendwelche Gewaltfantasien auszuleben." Das Event im Schützenhaus hat er maßgeblich mit organisiert. Die Waffenliebhaber können die Gewehre gleich testen. Ein Aufseher erklärt die verschiedenen Magazine. 

O-Ton, Gedächtnisprotokoll:

"Das hier müsste ein 10-Schuss-Magazin sein. Ich glaube, ein 20er Magazin gibt’s auch. Also mit 20 solltest du den Feind totkriegen." 

Sind das nur harmlose Sprüche? Geht es hier tatsächlich nur um Konzentration und Präzision beim Schießen? Wir zeigen die Aufnahmen Oliver Malchow. Er ist Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei. Viele seiner Mitglieder sind selbst Sportschützen. Doch solche Waffen sieht er kritisch. 

Oliver Malchow

Oliver Malchow, Bundesvorsitzender, Gewerkschaft der Polizei

O-Ton, Oliver Malchow, Bundesvorsitzender, Gewerkschaft der Polizei: 

"Das ist natürlich Sex and Crime, sage ich jetzt mal so. Allein die Art der Waffen macht ja schon deutlich, und da passte diese Präsentation auch zu, dass es hier wirklich um Dominanz geht, und nicht nur um Sport." 

Norwegen, 2011 – Auf der Insel Utoya sterben 69 Menschen im Kugelhagel. Der Attentäter Anders Breivik war Mitglied im Schützenverein. Er besaß auch ein halbautomatisches Gewehr, das "army-like", also Armee-ähnlich aussah.  

O-Ton, Oliver Malchow, Bundesvorsitzender, Gewerkschaft der Polizei:

"Wir müssen alles unternehmen, damit solche Waffen, mit denen man letztendlich auch ziemlich viele Menschen in einem kleinen Zeitraum töten kann, dass die aus dem Verkehr gezogen werden." 

So sieht es auch die EU-Kommission in Brüssel. Auch unter dem Eindruck der Anschläge von Paris will sie "halbautomatische zivile Feuerwaffen, die wie vollautomatische Kriegswaffen aussehen" verbieten. Sie seien "sehr gefährlich", unter anderem wegen der "hohen Munitionskapazität". Félix Braz, grüner Justizminister in Luxemburg. Er hat das Verbot der Waffen von Anfang an unterstützt. 

Felix Braz

Félix Braz, Die Grünen, Justizminister Luxemburg

O-Ton, Félix Braz, Die Grünen, Justizminister Luxemburg:

"Für den Sportgebrauch ist das ja eigentlich eher wesensfremd. Warum sollen Waffen, die eindeutig militärischer Natur sind, in Hände kommen, wo eine nichtmilitärische Nutzung davon vorgesehen und auch erlaubt dann wäre?"

Eine Kampfansage an Waffenlobbyisten in ganz Europa. Seit Monaten fahren sie eine massive Gegenkampagne, starten Online-Petitionen, überhäufen Europa-Abgeordnete mit E-Mails. An vorderster Front dabei: die "German Rifle Association".

O-Ton Marc Schieferdecker, "German Rifle Association":

"Es bildet sich schon so eine Gemeinschaft, weil jetzt jeder versteht, okay wir sitzen alle in einem Boot, wir wollen alle weiter unserem Hobby nachgehen, unserer Leidenschaft nachgehen. Und da haben unsere Mitglieder Aufklärungsarbeit geleistet." 

Luxemburg, vor drei Wochen: Die EU-Innen- und Justizminister beraten über das Thema. Von einem generellen Verbot wollen sie nichts wissen. Verbieten wollen sie nur Gewehre, die mehr als elf Schüsse abfeuern können, und alle anderen erlauben. 

O-Ton, Félix Braz, Die Grünen, Justizminister Luxemburg: 

"Diese Öffnung, die geht mir zu weit. Da reicht es, dass nur sehr wenige schwarze Schafe darunter sind, damit auf legalem Wege militärähnliche Waffen doch noch im Umlauf sein können." 

O-Ton, Oliver Malchow, Bundesvorsitzender, Gewerkschaft der Polizei: 

"Ich habe den Eindruck, dass man sich hier den Lobbyisten der Waffenhersteller, aber auch der Verbände, der Sportschützen und der Jäger angepasst hat. Und das ist falsch." 

Deutschland hat gegen das Verbot gestimmt. Ein Interview dazu lehnt der zuständige Bundesinnenminister ab. Er lässt mitteilen, das Aussehen der Waffen sei für die Gefährlichkeit "nicht ausschlaggebend". Mit bis zu elf Schüssen aus solchen Waffen hat die Bundesregierung offenbar kein Problem.