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SENDETERMIN Mo, 8.1.2007 | 21:45 Uhr | Das Erste

Arbeiter zweiter Klasse Wieso Leiharbeiter gefährlich leben

Moderation Fritz Frey:

2007 ist noch jung, auch wenn die Probleme die alten sind. Herzlich Willkommen zur ersten Sendung von REPORT MAINZ im neuen Jahr!

Zarter Schimmer der Hoffnung am Horizont. Mit der Konjunktur geht es bergauf, und selbst der deutsche Arbeitsmarkt kommt in Bewegung. Vor allem eine Branche boomt, die der Leiharbeit. Oder sollte man lieber Zeitarbeit sagen, weil das nicht so nach Söldner- oder Sklaventum klingt?

Wie immer man es nennt, unbestritten sind die Vorteile. Gut 40 Prozent der Zeitarbeiter kommen aus der Arbeitslosigkeit, knapp ein Drittel von ihnen wird später fest angestellt.

Aber, leider gibt es ein Aber, klammheimlich etabliert sich eine Zweiklassengesellschaft. Hier die privilegierten Festangestellten, dort die fast vogelfreien Leiharbeiter. Besonders brutal wird das beim Thema Arbeitsschutz, wie Thomas Dauser herausgefunden hat. Da kann es dann ganz schnell um Leben oder Tod gehen.

Bericht:

Es ist jedes Mal ein schwerer Gang für ihn. Helmut Cremer am Grab seines Sohnes. Mit 21 Jahren kam Stefan ums Leben, bei einem Arbeitsunfall. Sein Vater selbst fand ihn, tot in einer Müllpresse.

O-Ton, Helmut Cremer:

»Seinen Sohn zu sehen, wie er verpresst wird, die Beine abgetrennt, ist schon sehr hart. Es sind Bilder, die holen einen immer wieder ein.«

Frage: Bilder von einem Unfall, der hätte verhindert werden können?

O-Ton, Helmut Cremer:

»Bin ich überzeugt von.«

Wie genau Stefan Cremer in dieser Kölner Müllverwertungsfirma ums Leben kann, ist bis heute unklar. Ein Ermittlungsverfahren wurde eingestellt, aber Zweifel bleiben. Der Vater ist hier fest angestellt, Sohn Stefan war Leiharbeiter.

Obwohl Stefan keinen Staplerschein hatte, ist er laut seinem Stundenzettel regelmäßig Stapler gefahren. Dabei sollte Stefan laut Verleihfirma nur Müll sortieren, das Betriebsgelände sauber halten. Tatsächlich beschickte er zuletzt die Müllpresse, auch in der Unfallnacht.

O-Ton, Helmut Cremer:

»Man wusste das mit hundertprozentiger Sicherheit, dass er die ganze Woche diese Anlage bedient hat. Schon den Montag, den Dienstag und auch die Todesnacht. Und die Woche davor waren sie halt eben, waren sie mit zwei Personen an dieser Anlage, die auch fest eingeteilt waren. Und in dieser Woche, wo der Unfall war, war halt eben er alleine eingeteilt.«

Frage: Hätte er dort alleine stehen dürfen?

O-Ton, Helmut Cremer:

»Nein.«

Wir treffen einen früheren Vorarbeiter der Verleihfirma, Uwe Jentsch. Er hat 50 Leiharbeiter bei der Müllverwertungsfirma betreut. Auch in Sachen Arbeitsschutz. Beide, Verleihfirma und Müllverwerter, hätten den Arbeitsschutz notorisch vernachlässigt, sagt er.

O-Ton, Uwe Jentsch:

»Es gab Zeiten, wo mitten in der Nacht Leute angekarrt worden sind von anderen Baustellen oder Leute, die erst um 22 Uhr eingestellt worden sind, die sind dann um 22 Uhr 30, 23 Uhr zur Nachtschicht gebracht worden, haben dort lediglich gesagt bekommen: Da ist ein Müllberg, das und das wird raussortiert. Andere Einarbeitungen oder Unterweisungen gab es nicht.«

Die Verleihfirma gibt Stefan Cremer die Schuld an dem tödlichen Unfall. Zu einem Interview ist weder der Verleiher noch der Müllverwerter bereit.

Sicherheit bei der Arbeit – das Spezialthema der Wissenschaftlerin Tatjana Fuchs. Zuletzt untersuchte sie für das Bundesarbeitsministerium, was gute Arbeit ist. Leiharbeit zählt sie nicht dazu.

O-Ton, Tatjana Fuchs, Internationales Institut für empirische Sozialökonomie:

»Wenn Menschen in Zeitarbeit arbeiten, ist das Risiko, dass sie einen Arbeitsunfall erleiden, dreimal so hoch, wie wenn Menschen in der Produktion arbeiten.«

Die höhere Gefährdung von Zeitarbeitern ist seit langem bekannt. Trotzdem setzte Schröder mit Hartz I voll auf Leiharbeit. Die Bundesregierung regelte 2003 zwar, dass für Leiharbeiter die gleichen Arbeitsbedingungen gelten müssen wie für Stammpersonal. Aber das Gesetz lieferte gleich die Möglichkeit mit, diese Regel zu unterlaufen. Ein Tarifvertrag kann nämlich abweichende Regelungen zulassen.

O-Ton, Tatjana Fuchs, Internationales Institut für empirische Sozialökonomie:

»Wenn ich das sozusagen auch lese als Möglichkeit, als sogar herausgehobene Möglichkeit im Gesetz, dann ist mir klar, dass es dem Gesetzgeber nicht primär darum geht, den Gesundheitsschutz bei der Zeitarbeit hochzuhalten. Das macht das Gesetz deutlich.«

Selbst das Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit stellt in einer neuen Studie fest: Der eigentlich gesetzlich garantierte Gleichbehandlungsgrundsatz gilt für den größten Teil der Leiharbeiter nicht.

Zu welchen illegalen Auswüchsen das führen kann, erleben Leiharbeiter wie Bernhard Grimm jeden Tag aufs Neue. Er sollte mit einer Chemikalie eine Großbäckerei reinigen. Ohne Schutzausrüstung.

O-Ton, Bernd Grimm, Zeitarbeiter:

»Und da gibt es ein Sicherheitsdatenblatt, wo drin geregelt ist, mit welchen Sicherheitsvorkehrungen man mit diesem Material bzw. mit diesem Giftstoff umgehen muss. Doch auf meine Nachfrage hin, wo das Sicherheitsdatenblatt ist, wurde mir gesagt, du bist ja nur Leiharbeiter sehe mal zu und mach deine Arbeit. Das interessiert die gar nicht. Hauptsache sie funktionieren. Hauptsache sie machen in jeder Woche ihre 80 Stunden, bis zu 80 Stunden, geben ihre Zettel ab und die Verleihfirmen, die können Profit machen.«

Rolf S. wurde von seiner Verleihfirma in die Metallindustrie geschickt. Er verletzte sich. Rolf S. forderte eine Unterweisung und bekam sofort eine letzte Abmahnung, weil er sich über die fehlende Sicherheitsunterweisung beschwert hatte. Dann die unverhohlene Drohung: Im Wiederholungsfall werde man ihm kündigen.

O-Ton, Rolf S., Zeitarbeiter:

»Ich brauche die Arbeit, ich brauche das Geld. Da kann ich nichts sagen. Da muss ich einfach machen. Das muss ich, in dem Fall, muss ich eben still sein und nichts sagen. Und da achten die Leute auch nicht drauf, ob sie sich letztendlich damit selber schaden oder nicht. Weil sie einfach Angst haben halt.«

Wegen der überdurchschnittlichen Unfallzahlen in der Zeitarbeit setzt das Bundesarbeitsministerium auf mehr Prävention und Überwachung. Aber welche Kontrollen gab es bei der Zeitarbeitsfirma von Stefan Cremer?

Zuständig ist die Bundesagentur für Arbeit. Die allerdings hat in Nordrhein-Westfalen die Zahl der Kontrolleure zuletzt fast halbiert, obwohl es immer mehr Verleihbetriebe gibt. Die Kontrolle sei eher formell, sagt Werner Marquis, man prüfe die Papierform der Verleihbetriebe.

Von Stefan Cremers tödlichem Arbeitsunfall und den Unregelmäßigkeiten erfährt die Behörde erst durch REPORT MAINZ.

O-Ton, Werner Marquis, Bundesagentur für Arbeit, Regionaldirektion NRW:

»Diese Informationen liegen mir nicht vor.«

Frage: Müssten sie Ihnen nicht vorliegen, müssten sie der genehmigenden Behörde nicht vorliegen?

O-Ton, Werner Marquis, Bundesagentur für Arbeit, Regionaldirektion NRW:

»Das ist eine Frage, ob sie uns vorliegen müssten. Sie liegen aber nicht vor. Also ich kann jetzt im Moment nicht klären, warum diese Einzelfälle uns nicht bekannt sind.«

Helmut Cremer will sich damit nicht zufrieden geben. Er kämpft dafür, dass der Tod seines Sohnes endlich vor Gericht aufgeklärt wird. Für Zeitarbeiter wie Bernd Grimm aber bleibt es wohl dabei. Sie leben gefährlicher als ihre fest angestellten Kollegen.

O-Ton, Bernd Grimm, Zeitarbeiter:

»Ich fühle mich als Mensch zweiter Klasse. Ein Kollege hat das mal mit einem Satz formuliert: Wir sind die Sklaven der Nation und kriegen noch nicht mal Mindestlohn. Also so fühle ich mich da. Als Sklave.«

Abmoderation Fritz Frey:

Entdecken unsere Parteien nicht gerade wieder die Sozialpolitik? Lesen wir nicht allerorten, man wolle wieder das soziale Profil schärfen? Das Thema Leiharbeit, so finden wir, eignet sich bestens um zu zeigen, wie ernst man es damit meint.

aus der Sendung vom

Mo, 8.1.2007 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autoren:Thomas Dauser
Kamera:Alexander Böhle,
Jonas Dickmeis,
Ulrich Hohensee
Schnitt:Steffen Steup