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SENDETERMIN Mo, 8.1.2007 | 21:45 Uhr | Das Erste

Leiden für den Luxus Wieso in Deutschland weiter Pelztiere gequält werden dürfen

Moderation Fritz Frey:

Ein Nerzmantel. Nein, meine Damen, wir wollen Ihnen nicht die Freude am jüngsten Weihnachtsgeschenk vermiesen. Aber als wir das Filmmaterial gesehen haben, das unserem Kollegen Thomas Reutter zugespielt wurde, da haben wir uns doch entschlossen, der Sache nachzugehen.

Das Ergebnis: Nerzfarmen in Deutschland, die hässliche Seite des schönen Scheins.

Bericht:

Pelz liegt wieder im Trend. Felle in allen Variationen, schick und topaktuell. Die Haut-Couture hat das Luxusmaterial neu entdeckt. Gucci und Gaultier aber auch junge Modedesigner. Die Pelzindustrie wirbt wie nie zuvor.

Die meisten Pelze stammen von Nerzen. Diese Bilder wurden heimlich gedreht. Der Verein „Die Tierfreunde“ bekam sie zugespielt. REPORT MAINZ hat die Aufnahmen geprüft. Das Videomaterial ist aktuell und zeigt ausschließlich Zuchtanlagen in Deutschland.

Aufnahmen aus zehn deutschen Nerz-Batterien. Überall das gleiche Bild: kleine, verdreckte Gitterboxen. Ein Tier liegt tot in seinem Käfig.

Wir zeigen die Aufnahmen Dr. Karl Fikuart, dem Tierschutzexperten der Bundestierärztekammer.

O-Ton, Dr. Karl Fikuart, Bundestierärztekammer:

»Hier sehen wir eine Fähe, die ist also, die muss man schon als apathisch beizeichnen, weil sie ihre Jungtiere schon nicht mehr verteidigt. Und das ist nun wirklich also an der absoluten Grenze. Da noch zu diskutieren, ob das tierschutzgerecht sein könnte oder nicht, halte ich also für völlig verfehlt. Das ist in hohem Maße, genau wie dieses erkrankte Tier, tierschutzwidrig.

Das sind also extreme Stereotypien, er dreht sich immerzu im Kreis, weil von Natur aus er, dieser Nerz, Bewegung haben muss. Das ist eine grobe Tierquälerei.«

Ein harter Befund. Damit wollen wir die deutsche Pelzbranche konfrontieren. Stellungnahme einer PR-Sprecherin.

Frage: Sie selbst kennen ja die Nerzfarmen in Deutschland, Sie haben sie schon...?

O-Ton, Susanne Kolb-Wachtel, Deutsches Pelzinstitut:

»Ich kenne alle Farmen in Deutschland.«







Frage: Sie kennen alle Nerzfarmen in Deutschland. Haben Sie nicht das Gefühl, dass dieses Einsperren vielleicht für die Tiere auch Tierquälerei sein könnte?

O-Ton, Susanne Kolb-Wachtel, Deutsches Pelzinstitut:

»Warum?«

Frage: Weil es zu eng ist.

O-Ton, Susanne Kolb-Wachtel, Deutsches Pelzinstitut:

»Das macht den Tieren nichts aus. Den Tieren geht es hervorragend.«

Frage: Also Sie sind der Auffassung, den Tieren geht es wirklich gut?

O-Ton, Susanne Kolb-Wachtel, Deutsches Pelzinstitut:

»Den Tieren geht es wirklich gut.«

REPORT MAINZ wollte die Farmer konfrontieren, doch Interviews und Filmaufnahmen wurden uns verweigert. Denn die Farmen würden regelmäßig von den Behörden überprüft. Ohne Beanstandungen. Versagen die Kontrollen oder haben Veterinäre keine rechtliche Handhabe gegen brutale Haltungsmethoden?

Tatsächlich ist bislang nicht einmal die Größe der Käfige in Deutschland vorgeschrieben. Doch wie lässt sich eine solche Haltung mit dem Tierschutzgesetz vereinbaren?

Nerze sind Wildtiere und lieben Gewässer. In der freien Natur nutzen sie ein Territorium von etwa zwei Quadratkilometern Fläche. In Deutschland wurde jetzt erstmals eine Pelztierverordnung eingeführt. Die Käfige sollen größer werden, aber erst in fünf Jahren, so die Übergangsfrist.

Wir zeigen die Bilder Gerd Müller, dem zuständigen Parlamentarischen Staatssekretär im Verbraucherschutzministerium.

Frage: Die Bundestierärztekammer sagt uns, dass das Halten von Nerztieren überhaupt an sich Tierquälerei sei, weil es eben Wildtiere wären, die man einsperrt in solchen Käfigen.

O-Ton, Gerd Müller, CSU, Parl. Staatssekretär, Verbraucherministerium:

»Ja, das ist eine Meinung. Der kann man sich natürlich anschließen.«









Frage: Sie schließen sich nicht an?

O-Ton, Gerd Müller, CSU, Parl. Staatssekretär, Verbraucherministerium:

»Der kann man sich anschließen. Wir können als Ministerium, wir können von der Gesetzgebung her die Haltung dieser Tiere nur an entsprechende Standards binden.«

England und Österreich waren da konsequenter, haben die Zucht ganz verboten.

O-Ton, Maria Rauch-Kallat, ÖVP, Bundesministerin für Gesundheit, Österreich:

»Die Pelztierhaltung ist in der Regel sehr grausam gewesen. Pelztiere sind Wildtiere, wenn sie von Kaninchen absehen. Und Haltung von Wildtieren in Käfigen ist Tierquälerei.«

Warum also kein Verbot in Deutschland? Auch hier wird laut Tierschutzgesetz bestraft, wer Wirbeltiere tötet ohne vernünftigen Grund. Was aber ist ein vernünftiger Grund? Ein Nerzmantel?

Wir wollen wissen, was noch aus den Fellen gemacht wird. Modedesigner Alfredo Pauly und seine Kundin Ilsetraut Walter zeigen uns modische Accessoires mit Stil. Etwa dieses Mopsbett mit Nerz. Oder ein neuer Pelz für Schoßhund Sissy.

O-Ton, Alfredo Pauly, Modedesigner:

»Das kleine Pelzmäntelchen wird um die knapp 1.000 Euro kosten. 960 Euro. Das hält sich noch in Grenzen. So was mit Nerz um die 500 Euro. Ich glaube ohnehin, dass in 80-90 Prozent der Fälle eigentlich damit auch, sagen wir mal, die Präsentation, der Präsentationswille von Herrchen und Frauchen über den Hund mitbefriedigt wird, sage ich jetzt einfach mal so.«

Das Geschäft mit den Pelzen boomt. Die Umsätze steigen deutlich. Bilder von gequälten Nerzen passen da nicht zum Edelimage.

O-Ton, Susanne Kolb-Wachtel, Deutsches Pelzinstitut:

»Das kann nicht... das Tier hat ja gar kein Wasser da drin, das geht ja gar nicht. Dann steht hier ein offener Draht, halte ich für unmöglich. Das kann nicht in Deutschland sein.«

Frage: Meinen Sie nicht?

O-Ton, Susanne Kolb-Wachtel, Deutsches Pelzinstitut:

»Ne.«

Frage: Warum?

O-Ton, Susanne Kolb-Wachtel, Deutsches Pelzinstitut:

»Es sind viel zu viele drin. Die sind ja schon viel zu groß. Das kann nicht in Deutschland sein. Das sind ja vier Stück drin.«

Die Sprecherin der deutschen Pelzbranche will es nicht wahrhaben. Doch die Aufnahmen stammen allesamt aus Deutschland. Die Farmen lassen sich eindeutig identifizieren.

Fazit: Die Pelzindustrie leugnet die Missstände. Der Gesetzgeber gewährt den Züchtern weitere fünf Jahre Schonfrist. Und die Quälerei geht weiter, weil Deutschland sich nicht zu einem Verbot der Nerztierzucht durchring

aus der Sendung vom

Mo, 8.1.2007 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autoren:Thomas Reutter
Kamera:Ole Jürgens,
Peter Linskens,
Klaus Tomaschewski
Schnitt:Michael Schwarz