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Text des Beitrags Land unter: Deutschland ist auf die zunehmenden Starkregenereignisse schlecht vorbereitet

Moderation Fritz Frey:

O-Ton, Gabi Pieper, Geschäftsinhaberin:

"Wir haben im Laden gestanden, hoch gebaut, und das Wasser kam, war dann so bis zu Kopfhöhe. Die Ware, Mobiliar, Boden alles natürlich kaputt, vollgesogen."

Frau Pieper war das - sogenannter Starkregen hat ihren Laden ruiniert und das nicht nur einmal. Guten Abend zu REPORT, live aus Mainz!

Es kann buchstäblich jeden treffen, nicht nur den, der an einem Fluss oder an einem Bach wohnt. Können sich unsere Städte und Gemeinden auf solche Katastrophen vorbereiten?
Ja, haben uns Experten erklärt - aber sie tun’s nicht. Recherchen von Manuela Dursun zu einem Thema, das immer häufiger in unseren Nachrichten auftaucht.

Bericht:

Münster 2014, Leipzig 2015, Simbach 2016, Berlin 2017. Für Experten steht inzwischen fest: Der Klimawandel ist angekommen - mitten in Deutschland.

Plötzlich riesige Regenmengen: Starkregen. Städte und Gemeinden saufen ab.

Bisher gingen Meteorologen davon aus, dass das Jahrhundert-Ereignisse sind. Extrem, aber auch extrem selten.

Doch hier in Wachtberg bei Bonn haben sie erfahren, dass das nicht mehr stimmt: Drei Jahrhundertfluten hatten sie hier - in nur sechs Jahren.

Dreimal wurde Gabi Pipers Modeladen komplett überflutet.

O-Ton, Gabi Pieper, Geschäftsinhaberin:

"Ich wusste von meinem Vater, dass irgendwann 1930–1933 schon mal so ein Jahrhunderthochwasser war. War für uns ganz unvorstellbar. Und 2010 war für uns dann halt eben auch: Es ist einmal und kommt nicht wieder. Aber es ist leider wiedergekommen."

Vorwarnzeit: Fast null! Der Starkregen überflutet den Laden in Minuten.

O-Ton, Gabi Pieper, Geschäftsinhaberin:

"Wir haben im Laden gestanden, hoch gebaut, und das Wasser kam, war dann so bis zu Kopfhöhe. Die Ware, Mobiliar, Boden alles natürlich kaputt, vollgesogen."

Auch der Wachtberger Michael Risch erinnert sich mit Schrecken an die Fluten. So sah es 2010 vor seinem Haus aus.

O-Ton, Michael Risch, Anwohner:

"Man rechnet ja nicht mit so was. Was in der Hütte war, alles weg! Möbel – alles! Die Türen – alles weg!"

Vor den beiden nächsten Sturzfluten aber hätte sein Haus geschützt werden können, meint er. An der zu kleinen Brücke habe sich das Wasser aufgestaut. Schon 2010 habe er die Gemeinde aufgefordert, eine größere Brücke zu bauen.

O-Ton, Michael Risch, Anwohner:

"Da hat die Gemeinde gar nichts gemacht. Weil die Gemeinde gesagt hat, das ist ein Jahrhunderthochwasser, das kommt nur alle 100 Jahre vor oder alle 300 Jahre."

Erst nach der dritten Sturzflut wurde die Brücke deutlich vergrößert.

Hat die Gemeinde den Weckruf 2010 nicht ernst genug genommen? Verwaltungschef Ostermann gibt zu:

O-Ton, Jörg Ostermann, Verwaltungsleiter Wachtberg:

"Man wird mit jeder Sturzflut besser, schlagkräftiger, man kann mehr agieren, mehr reagieren. Und manchmal bedarf es sicherlich auch dieser Ereignisse, um an einem Strang zu ziehen."

Wachtberg hat seine Lektion inzwischen schmerzvoll gelernt.

Doch es kann alle Gemeinden treffen, weiß Oliver Buchholz. Er hat sich mit dem Phänomen der Sturzfluten auseinandergesetzt.

O-Ton, Oliver Buchholz, Sturzflut-Experte:

"Von einer Sturzflut kann jeder betroffen sein. Dafür muss man nicht an einem Gewässer wohnen, an einem Bach oder an einem Fluss. Das Wasser fließt die Hänge runter und selbst wenn ich am Berg wohne, kann das Wasser mir hinten ins Gebäude reinlaufen."

Nur 40 Prozent aller Hausbesitzer sind gegen solche Elementarschäden versichert. Und die Schadensummen durch Starkregen haben sich in den letzen 30 Jahren verdreifacht – auf knapp zwei Milliarden Euro jährlich.

Wie gut sind die 11.000 Gemeinden in Deutschland auf Starkregen vorbereitet?

Wolfram Geier vom Bundesamt für den Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe hat das untersucht. Er kommt zu dem Ergebnis:

O-Ton, Wolfram Geier, Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe:

"Zum einen haben sich die meisten Gemeinden bislang noch nicht mit diesem Thema beschäftigt. Und um ein genaues Risiko zu ermitteln, sind zunächst einmal die Anfertigungen von Risikogefahrenkarten zwingend erforderlich."

Mit solchen Starkregenrisikokarten kann man die Katastrophe digital simulieren, ohne dass tatsächlich Schäden entstehen.

Andre Assmann erstellt seit 15 Jahren solche Karten und weiß, wie Gemeinden vorsorgen.

O-Ton, André Assmann, Starkregen-Experte:

"Es gibt einzelne Gemeinden, die gut vorbereitet sind, aber in der Summe ist das sicher weniger als ein Prozent, die schon wirklich Karten haben und in diesem Prozess drin sind oder ihn schon abgeschlossen haben."

O-Ton, Wolfram Geier, Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe:

"Also ohne Risikokarten, ohne Risikoanalyse, ohne Risikobewertung kann eine Kommune aus Sicht unserer Behörde keine vernünftige Gefahrenabwehrplanung durchführen. Die Vorsorge vor Gefahren grundsätzlich gehört zur Daseinsvorsorge selbstverständlich dazu. Wenn eine Gemeinde sich auf solche Ereignisse überhaupt nicht vorbereitet, würde ich das in der Tat als grob fahrlässig bezeichnen."

Auch hier in Ditzingen ist erst eine Katastrophe notwendig: Am 4. Juli 2010 versinkt fast die komplette Innenstadt im Wasser. Der Bürgermeister und sein Grünamtsleiter erinnern sich:

O-Ton, Ulrich Bahmer, Bürgermeister Ditzingen:

"Zwei Stunden, Minimum zwei Stunden am Stück. Regen, nur Regen - und wie, wie aus Kübeln."

O-Ton, Anton Schühle, Grünamtsleiter Ditzingen:

"Das konnte sich niemand vorstellen."

O-Ton, Ulrich Bahmer, Bürgermeister Ditzingen:

"Wir haben geplant, wir haben auch Vorsorge getroffen, in der Hinsicht, wie man es sich vorstellen konnte."

Nach der Katastrophe haben sie sofort gehandelt: Ein halbes Jahr später gab es eine Starkregenrisikokarte. Die Basis für viele Schutz-Maßnahmen.

Unter anderem für den Kindergarten, in dem fast einen Meter hoch das Wasser stand.

O-Ton, Anton Schühle, Grünamtsleiter Ditzingen:

"Es war ein großes Glück, dass an diesem Tag Sonntag war und keine Kinder im Gebäude waren. Nicht auszudenken, was sonst passiert wäre."

Diese Mauer schützt nun die Kinder. Der Neubau des Kindergartens hat rund eine Million Euro gekostet, die Mauer nur 65.000. Für den Bürgermeister nicht der einzige Grund, weshalb sich gezielte Vorsorge lohnt.

O-Ton, Ulrich Bahmer, Bürgermeister Ditzingen:

"Es gab einen Fall hier gleich in der Nachbarschaft, da ist halt ein kleines Mädchen morgens in ihrem Bett geschwommen, weil das Wasser in der Wohnung war. Und da muss man sich schon hinterfragen, wie viel Geld benötigt man, um so was eben zu vermeiden. Und damit ist die Frage sicherlich auch für alle, die auch kein Geld haben, klar."

Abmoderation Fritz Frey:

Zum Thema gibt es im Netz noch ein Gespräch, unter anderem zur Frage, wann es endlich eine Strategie zum Schutz vor Starkregen und seinen verheerenden Folgen geben wird.