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SENDETERMIN Di, 30.3.2021 | 22:02 Uhr | Das Erste

Kritiker erheben schwere Vorwürfe Mangelnder Brandschutz bei Stuttgart 21?

Das Bahn-Projekt Stuttgart 21 könnte sich wegen möglicher Nacharbeiten beim Brandschutz verzögern und teurer werden. Nach Recherchen von REPORT MAINZ wurde für die insgesamt 60 Tunnel-Kilometer die Evakuierung der Fahrgäste bei einem Brand nicht digital simuliert. Das geht aus einem Schreiben von Anwälten der Bahn an das Eisenbahnbundesamt hervor, das dem Politikmagazin exklusiv vorliegt. Außerdem wurden Fahrgäste, die in ihrer Mobilität beeinträchtigt sind, für die Simulation nicht berücksichtigt. Deshalb sei die von der Bahn genannten Evakuierungszeit nicht realistisch, sagt eine Brandschutz-Expertin, die das Politikmagazin befragt hat.

Stuttgart 21: Kritik am Brandschutz

Es ist eine der größten Baustellen Europas: Stuttgart 21. Ein Jahrhundert-Projekt. Bahnhof und Gleise sollen unter die Erde: Insgesamt rund 60 Kilometer. Durch diese Eisenbahn-Tunnel will die Bahn viele Millionen Fahrgäste jährlich befördern.
Vor ihnen hat Karlheinz Scherwinski großen Respekt. Der regelmäßige Bahnfahrer verfolgt das Tunnelprojekt seit vielen Jahren und kritisiert Mängel beim Brandschutz.

Karlheinz Scherwinski

Karlheinz Scherwinski

Karlheinz Scherwinski:
"Ich muss um mein Leben bangen, weil ich kann mir nicht vorstellen, dass eine schnelle, sichere Rettung in meinem Fall möglich wäre."

Auch Christoph Engelhardt ist besorgt. Der Physiker und Stuttgart 21-Kritiker hat Bahntunnel weltweit untersucht. Seine Einschätzung:


Christoph Engelhardt

Christoph Engelhardt

Christoph Engelhardt, Kritiker Stuttgart 21: "In Summe sind die Stuttgart 21 Tunnel die gefährlichsten Tunnel weltweit. Wir haben enge Rettungswege, wir haben weite Abstände zu den Notausgängen und besonders viele Menschen, die mit den Zügen hier diese Tunnel befahren. In Summe haben die Menschen eine sehr geringe Überlebenschance, wenn es zu einem Brand in dem Tunnel kommt."

Solche Äußerungen von Kritikern bezeichnet die Bahn als "Panikmache".
Ist in Sachen Brandschutz bei Stuttgart 21 also alles in Ordnung? Engelhardt, Scherwinski und weitere Kritiker haben 2020 beim Eisenbahn-Bundesamt, der zuständigen Genehmigungsbehörde von Stuttgart 21, Alarm geschlagen. Sie verlangen weitreichende Verbesserungen beim Brandschutz.
Deshalb hat das Eisenbahnbundesamt von der Bahn eine Stellungnahme eingefordert. REPORT Mainz liegt die Antwort der Bahn-Anwälte exklusiv vor.

Sie schreiben: Die Bahn ist bei ihrer digitalen Evakuierungssimulation von Fahrgästen "von einem Kalt-Ereignis" ausgegangen, "bei dem ein Zug im Tunnel zum Stehen kommt". Beispielsweise bei einer Entgleisung.

Feuer und Rauch nicht berücksichtigt

Das heißt: Die Bahn hat bei ihrer Simulation Feuer und Rauch in den Stuttgart 21 Tunneln nicht berücksichtigt.
Was das heißt, wollen wir von Professorin Kathrin Grewolls von der Technischen Hochschule Regensburg wissen. Ihr Fachgebiet: Vorbeugender Brandschutz. Sie arbeitet auch als unabhängige Sachverständige und betreibt seit vielen Jahren ein Ingenieurbüro.

Katrin Grewolls

Katrin Grewolls

Kathrin Grewolls, Technische Hochschule Regensburg:
"Als ich das gelesen habe, war ich sehr erstaunt, denn aus meiner Sicht gehören Brandsimulationen zum heutigen Stand der Technik."

Sie verweist auf vielfältige wissenschaftliche Veröffentlichungen darüber, vor allem aus dem Ausland. Wie eine solche Brandsimulation aussehen kann, zeigt sie uns an einem fiktiven Beispiel.

Kathrin Grewolls, Technische Hochschule Regensburg:
"Die Türen öffnen sich und die Leute laufen neben dem Zug in Richtung der sicheren Rettungsröhre. Der Rauch strömt aus den Türen heraus entlang der Tunneldecke und kühlt sich dort ab. Durch dieses Abkühlen fällt er hinunter in den Rettungsweg. Die Personen hier können sich nicht mehr orientieren. Sie werden fluchtunfähig und sie ersticken."

Mit derartigen Simulationen können alle möglichen Gefahrenquellen im Brandfall berechnet und ein realistisches Rettungskonzept entwickelt werden. Warum aber hat die Bahn das nicht gemacht?

Das Unternehmen verweist darauf, dass die Stuttgart 21 Tunnel "alle strengen Sicherheitsanforderungen" erfüllten. Außerdem sehe "das einschlägige Regelwerk … solche Simulationen nicht vor." Diese Regelungslücke bestätigt die Brandschutzexpertin.

Kathrin Grewolls, Technische Hochschule Regensburg: "Es ist eine Sicherheitslücke. Und da diese Nachweise mit einem Brandschutzkonzept und einer Brand- und Evakuierungssimulation auf der Freiwilligkeit der Bahn zurzeit beruhen, ist hier die Politik gefragt."

Wir halten fest: Für die Stuttgart 21 Tunnel hat die Bahn keine computergestützte Evakuierungssimulation für den Brandfall durchgeführt. Für die Expertin eine Sicherheits- und eine gesetzliche Regelungslücke.

Damit konfrontiert sagt Verkehrsminister Andreas Scheuer: Die Sicherheit in Tunneln sei gewährleistet. Ein Rettungskonzept müsse "während der Planung" mit den zuständigen Stellen abgestimmt werden. Zur Regelungslücke sagt er nichts.
Wozu kann eine solche Lücke bei Stuttgart 21 führen? Da die Bahn keinen Brandfall in den Tunneln simulieren ließ, erhält sie im Ergebnis eine Evakuierungszeit von nur "15 Minuten".
Zum Vergleich: 2018 dauerte die Evakuierung eines brennenden ICE bei Montabaur rund dreimal so lang. Und dass, obwohl der Zug im Freien stand.

Christoph Engelhardt, Kritiker Stuttgart 21: "Die 15 Minuten sind überhaupt nicht realistisch. Unter realen Bedingungen ist mit 35 bis 45 Minuten mindestens zu rechnen."

Kathrin Grewolls, Technische Hochschule Regensburg: "Weil ich nicht nur junge, gesunde Personen in einem Zug habe, sondern ich muss damit rechnen, dass ich bewegungseingeschränkte, mobilitätseingeschränkte Personen habe und auch Personen mit einem erhöhten Platzbedarf, z.B. eine Mutter mit kleinen Kindern, sodass hier die Evakuierungszeiten deutlich höher ausfallen werden."

Diese Fahrgäste aber kommen in der Simulation der Bahn nicht vor. Die Anwälte des Konzerns räumen tatsächlich ein: "Mobilitätseingeschränkte Personen wurden nicht betrachtet."

Karlheinz Scherwinski: "Es ist einfach nicht tragbar, das ist einfach, es ist menschenverachtend."

Dazu sagt die Bahn auf Anfrage von REPORT MAINZ: "Das Eisenbahn-Bundesamt hat als zuständige Behörde das Brandschutzkonzept für den künftigen Stuttgarter Hauptbahnhof und die zulaufenden Tunnel geprüft und genehmigt."

Expertin: Fertigstellung von Stuttgart 21 steht in den Sternen

Das Bundesamt aber verweist darauf, dass die Bahn erst noch eine “detaillierte Ausführungsplanung wie auch die betriebliche Regelung zum Brandschutz” vorlegen muss sowie ein Konzept für die Selbst- und Fremdrettung.

Kathrin Grewolls, Technische Hochschule Regensburg: "Dadurch, dass die ganzheitliche Brandschutzplanung noch nicht abgeschlossen ist und auch die Prüfung noch nicht abschließend vorliegt, müssen wir damit rechnen, dass weitere Maßnahmen erforderlich werden. Und die natürlich dazu führen, dass das Projekt teurer wird und dass auch die fristgerechte Fertigstellung von Stuttgart 21 in den Sternen steht."