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SENDETERMIN Mo, 19.7.2010 | 21:45 Uhr | Das Erste

Kriegserklärung der Hausärzte Wie Ärztefunktionäre mit Hausarztmodellen weiter Kasse machen wollen

Moderation Fritz Frey:

Es kann auch Sie und mich treffen, da plagt uns ein Übel, wir gehen zum Hausarzt doch an der Tür ein Schild "Praxis geschlossen" – aus Protest. Wenn es so käme, wären wir als Patienten einmal mehr die Opfer eines Verteilungskampfes im Gesundheitssystem.

Die Kontrahenten dieses Mal: Der Verband der Hausärzte auf der einen Seite und auf der anderen FDP-Gesundheitsminister Philipp Rösler.

Der hat ein Finanzloch zu stopfen, von elf Milliarden Euro ist da die Rede, doch bei dieser Stopfaktion wollen die Hausärzte nicht mithelfen. Heiliger St. Florian verschon mein Haus, zünd´ andere an. Ticken die Hausärzte so? Antworten von Monika Anthes und Eric Beres.

Bericht:

Dr. Thomas Aßmann ist Hausarzt in Lindlar, in Nordrhein-Westfalen. In seiner Praxis wirbt er offensiv für Krankenkassen, die den sogenannten Hausarztvertrag anbieten.

Die Idee dahinter: Patienten sollen immer zuerst zu ihrem Hausarzt gehen. Damit sollen teure Facharztbesuche vermieden werden. Vorteil für Dr. Aßmann: Für jeden Patienten, der teilnimmt, bekommt er ein deutlich höheres Honorar. Deshalb will er auch, dass möglichst viele Patienten mitmachen.

T. Aßmann

Dr. Thomas Aßmann, Hausarzt

O-Ton, Dr. Thomas Aßmann, Hausarzt:

»Diese Patienten, die sich nicht einschreiben in diese Hausarztverträge, das wären so genannte Trittbrettfahrer, die sich auf das Engagement der anderen verlassen, dass die mit ihrer Einschreibung dafür sorgen, dass wir so viel Geld bekommen, dass wir eine gute Versorgung gewährleisten können.«

Wer also nicht mitmacht, soll ein schlechtes Gewissen haben. Wie dreist Hausärzte Druck ausüben, hat Roswitha Hiefinger aus Bayern erlebt. Sie suchte einen neuen Hausarzt. Doch der wollte Sie nur behandeln, wenn sie beim Hausarztmodell mitmacht, obwohl die Teilnahme freiwillig ist.

I. Hiefinger

Roswitha Hiefinger, gesetzlich Versicherte

O-Ton, Roswitha Hiefinger, gesetzlich Versicherte:

»Das hat mir der Arzt nicht gesagt, dass das freiwillig ist, sondern ich muss dieses Hausarztmodell unterschreiben, damit er mich behandeln kann. Ansonsten muss ich privat bezahlen. Und das ist für mich reine Erpressung.«

Doch nicht nur Patienten werden unter Druck gesetzt. Auch viele Krankenkassen, wie die KKH-Allianz, bieten das Hausarztmodell nicht freiwillig an. Der Gesetzgeber zwingt sie dazu.

I. Kailuweit

Ingo Kailuweit , Vorstandsvorsitzender KKH-Allianz

O-Ton, Ingo Kailuweit , Vorstandsvorsitzender KKH-Allianz:

»Wir haben auch von der KKH-Allianz Modellversuche gemacht und die Modellversuche haben eindeutig belegt, dass es keinen Erfolg gibt. Das haben wir auch der Politik signalisiert. Gegen unseren Rat haben sie dennoch im Gesetzgebungsverfahren das als Verpflichtung für uns aufgenommen, Hausarztverträge abschließen zu müssen.«

Zwang zum Hausarztmodell, obwohl Studien der Krankenkassen ergeben haben: Die Patienten im Hausarztmodell gingen öfter zum Facharzt, verursachten höhere Arzneimittelkosten. Insgesamt war ihre Behandlung teurer als in der Standardversorgung.

Der Fall der zehnjährigen Corinna aus Bayern zeigt, wie absurd das Modell sein kann. Auch sie nimmt daran teil. Das bedeutet, der Hausarzt bekommt für das Kind jedes Quartal Honorar, auch wenn er es gar nicht behandelt.

Selbst einfachste Untersuchungen aber macht ihr Kinderarzt Dr. Hilber. Der Hausarzt schreibt nur die Überweisung, so wie in diesem Fall „zum Größe und Gewicht messen“, um zu sehen, ob das Kind normal wächst.

U. Hilber

Dr. Ulrich Hilber, Kinder- und Jugendarzt

O-Ton, Dr. Ulrich Hilber, Kinder- und Jugendarzt:

»Das perfide daran ist, dass jemand die Basisarbeit nicht kann, aber dafür, dass er es nicht kann, Geld kassiert.«

Frage: Wie finden Sie das?

O-Ton, Dr. Ulrich Hilber, Kinder- und Jugendarzt:

»Unverschämt.«

Experten im Bundesgesundheitsministerium kommen inzwischen zu einem vernichtenden Urteil. REPORT MAINZ liegt ein internes Papier zur „hausarztzentrierten Versorgung“, also zum Hausarztmodell vor.

Darin heißt es: Das „Ziel der Qualitätsverbesserung“ werde „durch die derzeitige Regelung nicht erreicht“. Die Experten sehen ein „Einsparvolumen von rund einer Milliarde Euro“.

Berlin, Bundespressekonferenz. Jetzt will Gesundheitsminister Rösler beim Hausarztmodell sparen. In der Zukunft sollen Ärzte für Patienten im Hausarztmodell nur noch so viel Honorar bekommen wie für alle anderen Patienten.

P. Rössler

Philipp Rösler, FDP, Bundesgesundheitsminister

O-Ton, Philipp Rösler, FDP, Bundesgesundheitsminister:

»Das heißt, die zu erwartenden Kostensteigerungen aufgrund der hausarztzentrierten Versorgung treten dann nicht mehr ein.«

Bis zu einer Milliarde Euro will er so einsparen. Doch da hat Rösler die Rechnung ohne die Lobby der Hausärzte gemacht. Bevor Röslers Plan Gesetz wird, versuchen die Hausarztverbände mit den Kassen jetzt noch viele teure Hausarztverträge abzuschließen.

Die AOK Rheinland-Hamburg zum Beispiel hat sich bisher erfolgreich dagegen gewehrt. Doch jetzt wächst der Druck, die Kassen fürchten Abschlüsse in letzter Minute.

C. Prüfer-Storcks

Cornelia Prüfer-Storcks, AOK Rheinland/Hamburg

O-Ton, Cornelia Prüfer-Storcks, AOK Rheinland/Hamburg:

»Damit sind natürlich dann auch Verträge festgesetzt mit allen Kostenfolgen, die damit einhergehen und möglicherweise auch für einen langen Zeitraum.«

Vollendete Tatsachen schaffen, Pfründe sichern. Darum geht es ihnen auch hier: Köln, Treffen der Spitzenfunktionäre des deutschen Hausärzteverbandes. Sie planen Kampfmaßnahmen und eine groß angelegte Kampagne unter dem Motto: „Lüge – dieser Minister schadet Ihrer Gesundheit“.

W. Hoppenthaler

Wolfgang Hoppenthaller, Vorsitzender Bayerischer Hausärzteverband

O-Ton, Wolfgang Hoppenthaller, Vorsitzender Bayerischer Hausärzteverband:

»Wir werden mit unseren Patienten zusammen deutlich machen, dass wir die Politik der FDP und des Herrn Rösler nicht akzeptieren werden.«

B. Dietsche

Berthold Dietsche, Vorsitzender Hausärzteverband Baden-Württemberg

O-Ton, Berthold Dietsche, Vorsitzender Hausärzteverband Baden-Württemberg:

»Wir werden eine eskalierende Aktion im Laufe der nächsten Monate vorbereiten und werden die auch konsequent umsetzen.«

Druck machen, so sieht das in der Praxis aus. Dr. Aßmann bearbeitet seinen CDU-Wahlkreisabgeordneten Klaus-Peter Flosbach.

O-Ton:

»Die Fakten sind so wie sie sind jetzt. Und wir müssen jetzt handeln, bevor es zu spät ist.«

Gemeinsam mit einem Kollegen redet er zwei Stunden auf den CDU-Mann ein. Am Ende verspricht der Politiker, sich für die Hausärzte einzusetzen.

C. P. Flosbach

Klaus-Peter Flosbach, CDU, Bundestagsabgeordneter

O-Ton, Klaus-Peter Flosbach, CDU, Bundestagsabgeordneter:

»Vielleicht wird der ein oder andere Punkt im Rahmen des parlamentarischen Prozesses noch wieder verändert.«

Botschaft angekommen und das soll auch bei der großen Politik funktionieren. Bad Gögging, Bayerischer Hausärztetag, am vergangenen Samstag.

Zu Gast, der bayerische Gesundheitsminister Söder von der CSU. Auch seine Partei hat Röslers Sparpläne mitgetragen. Doch schon nach dem ersten Aufschrei der Hausärzte rudert er zurück.

M. Söder

Markus Söder, CSU, Gesundheitsminister Bayern

O-Ton, Markus Söder, CSU, Gesundheitsminister Bayern:

»Jeder in Deutschland bekommt ein Stück mehr und die Hausärzte sollen weniger bekommen. Das wird es mit uns nicht geben, meine Damen und Herren. Hundertprozentig nicht.«

Und so scheint sich die Politik dem Druck der Hausärzte wieder einmal zu beugen. Für ein teures Modell, das niemandem nutzt, außer den Ärzten.

aus der Sendung vom

Mo, 19.7.2010 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autoren:
Eric Beres,
Monika Anthes
Kamera:
Werner Bachor,
Peter Kempter,
Kolja Nieber,
Thomas Reutter,
Markus Stoffel
Schnitt:
Marcus Kaul,
Christian Schreiber