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Text des Beitrags | Krankmachende Kabinenluft Schädigen giftige Gase in Flugzeugen Personal und Passagiere?


Moderation Fritz Frey:

Dass tonnenschwere Flugzeuge in 10.000-Meter-Höhe bei dünnster Luft von einem Ort zum anderen rasen und wir Passagiere dabei aber trotzdem ganz normal atmen können, das ist schon ein kleines Wunder. Eine komplizierte Technik machts möglich. Die aber, so berichten Nick Schader und Markus Steinhausen, ist nicht ohne Risiko.


Bericht:

Vor wenigen Tagen. Ein Passagier filmt den Moment als sich die Kabine mit Rauch füllt und Hektik ausbricht. Auch Stewardess Gabriele Ragheb hat so etwas vor vier Jahren erlebt.


Gabriele Ragheb

Gabriele Ragheb, ehemalige Flugbegleiterin

O-Ton, Gabriele Ragheb, ehemalige Flugbegleiterin:

"Ich fühlte mich, als ob ich keine Kontrolle über meinen Körper hätte. Ich hatte einen Druck auf der Stirn. Ich hatte das Gefühl ich hatte keine Tränenflüssigkeit mehr in meinen Augen. Und es war ein Kontrollverlust."


Hier brennt es nicht, sondern es sind Öl-Dämpfe aus den Triebwerken. Ein sogenanntes "Fume Event".


O-Ton, Gabriele Ragheb, ehemalige Flugbegleiterin:

"Meine Hände fühlten sich taub und kribbelnd an. Und da habe ich gemerkt, hier stimmt was wirklich was nicht. Also mir ging es wirklich sehr schlecht."


Statistisch gesehen gibt es zwei Fume Events pro Tag in Deutschland. Doch nur die wenigsten gelangen an die Öffentlichkeit. Deshalb ist über Kabinenluft-Vergiftungen wenig bekannt.

Wir machen eine nicht repräsentative Umfrage, unterstützt von Flug-Gewerkschaften. Es beteiligen sich mehr als 750 Arline-Mitarbeiter. Erstaunlich: 75 Prozent der Teilnehmer geben an, sie hätten schon mal ein Fume Event erlebt. Hunderte berichten uns von zum Teil schwerwiegenden Krankheitssymptomen.

Wie können giftige Dämpfe überhaupt in die Kabine kommen? Für Flugzeugexperten liegt es eindeutig an der Konstruktion der Belüftungsanlage. Was viele Passagiere wohl nicht ahnen: Die "Frischluft" für die Kabine wird aus den Triebwerken abgezapft. Bei fast allen aktuellen Passagierflugzeugen ist das der Fall. Doch in den Triebwerken werden gesundheitsschädliche Schmieröle eingesetzt. Wenn sich die Triebwerke erhitzen, verdampfen diese Öle. Da es hier keine Filter gibt, können die Schadstoffe so in die Klimaanlage gelangen.


Prof. Dieter Scholz

Prof. Dieter Scholz, Hochschule für angewandte Wissenschaften, Hamburg

O-Ton, Prof. Dieter Scholz, Hochschule für angewandte Wissenschaften, Hamburg:

"Wenn das Öl in die heiße Verdichterluft kommt, dann pyrolysiert es oder verbrennt es, dabei entstehen Hunderte von giftigen Stoffen. Das darf nicht sein, nach den Zulassungsvorschriften wird klar gefordert, dass die Luft frei von schädlichen Komponenten sein muss."


Doch das ist sie offenbar nicht. Wir stellen fest, weltweit wurden Opfergemeinschaften gegründet, so wie hier in Nürnberg. Sie kämpfen darum, dass die Airlines ihre gesundheitlichen Schäden durch Fume Events anerkennen.


Günter Knorr

Günter Knorr, ehemaliger Flugkapitän

O-Ton, Günter Knorr, ehemaliger Flugkapitän:

"Ich konnte nichts mehr festhalten. Wackeliger, unsicherer Gang. Sprachstörungen, Wortfindungsstörungen."


Während Kabinenpersonal die Gefahren kennt, können Passagiere mögliche Gesundheitsschäden nur schwer mit dem Vorfall in Verbindung bringen.


Markus Eichmüller

Markus Eichmüller, Passagier

O-Ton, Markus Eichmüller, Passagier:

"Aber leider die Symptome kommen erst Monate und Jahre später und kein Mensch bringt es mehr in Zusammenhang mit diesem Unfall."




Wir sind auf Spurensuche bei einem britischen Unternehmen, dass Passagier-Flugzeuge verschrottet. Hier dürfen wir erstmals mit der Kamera filmen, was die Luftfahrtindustrie am liebsten nicht zeigen will. Uns interessieren vor allem die Belüftungsrohre. Ob wir hier Spuren der Öle finden – dort, wo sie keinesfalls hingehören?

Ein Techniker hilft uns dabei, die Belüftungsrohre zu öffnen. Was wir sehen bestätigt unseren Verdacht – die Rohre sind innen "pechschwarz".


O-Ton, Prof. Dieter Scholz, Hochschule für angewandte Wissenschaften, Hamburg:

"Außerdem wird deutlich, dass man sowas nie und nimmer reinigen kann. Weil es gar nicht zugänglich ist."


Das heißt, die Schadstoffe bleiben in der Belüftung. Das bestätigen auch unsere weiteren Funde in dem Flugzeug. Überall entdecken wir völlig verschmutzte Belüftungsrohre - viele sind mit einem schwarzen Ölfilm überzogen.


O-Ton, Prof. Dieter Scholz, Hochschule für angewandte Wissenschaften, Hamburg:

"Wenn man das sieht, dann versteht man, dass wir heute mit der heutigen Konstruktion eine Fehlkonstruktion haben der Kabinenluftversorgung. Das wird auch deutlich aus Vorschriften. Und dort steht seit Jahrzehnten drin, dass man so, wie heute die Luft für die Passagierflugzeuge aufbereitet wird, nicht aufbereiten soll."


Und was sagt die zuständige Europäische Agentur für Flugsicherheit dazu?


Zitat, Quelle: Europäische Agentur für Flugsicherheit:

"Bisherige Forschungen […] haben ergeben, dass die Luftqualität im Flugzeug […] ähnlich oder besser ist wie in normalen Innenräumen. […] Wir haben keine Erkenntnisse gewonnen, die Konstruktionsveränderungen rechtfertigen würden."


Hier sieht man das ganz anders - ein Speziallabor im italienischen Modena. Dr. Antonietta Gatti hat Flugzeug-Öle untersucht und mit Gewebeproben von Bordpersonal verglichen. Durch ein neues Mikroskop-Verfahren konnte Sie nachweisen, dass die Kabinen-Schadstoffe aus den Triebwerken stammen. Und diese Metall-Teilchen seien so klein, dass sie sehr tief in den Körper eindringen können.


O-Ton:

"Hier sehen sie einen Fremdkörper im Gehirn, aus Titan, Eisen und Aluminium."


Dr. Antonietta Gatti

Dr. Antonietta Gatti, Institut Nanodiagnostics, Modena

O-Ton, Dr. Antonietta Gatti, Institut Nanodiagnostics, Modena:

"Innerhalb des Flugzeugs, insbesondere im Cockpit, wird eine neue Verschmutzung freigesetzt. Wenn die Piloten das einatmen, kann dies zu toxischen Reaktionen führen, insbesondere zu Hirn-Schädigungen."


Und was sagen die Verantwortlichen dazu? Wir konfrontieren Hersteller und Fluggesellschaften mit unseren Rechercheergebnissen. Ein Hersteller verweist uns an die Zulassungsbehörden.

Und das Luftfahrbundesamt? Bei Fragen zu Schadstoffkonzentrationen oder Gesundheitsschäden heißt es, es gebe: "Keine Erkenntnisse".


Der Luftfahrtexperte der Grünen Markus Tressel beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema und fordert die Behörden auf, endlich zu handeln.


Markus Tressel

Markus Tressel, B'90 / Die Grünen, Sprecher für Tourismuspolitik

O-Ton, Markus Tressel, B'90 / Die Grünen, Sprecher für Tourismuspolitik:

"Was man zeitnah machen könnte, ist dass man tatsächlich Filtersysteme in den Flugzeugen vorschreibt. Und langfristig muss man weg vom Zapfluftsystem."




Also keine Luft mehr aus den Triebwerken. Die Personalvertretung von Lufthansa fordert übrigens ganz aktuell: Atemschutzmasken für alle Crews. Für die Passgiere sehen Behörden und Hersteller aber keinen Handlungsbedarf.