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Text des Beitrags Krank durch Arbeit

Warum bekommen viele Betroffene keine Unterstützung durch die gesetzliche Unfallversicherung?


Bericht:

Hier hat er 23 Jahre lang gearbeitet und hier ist er krank geworden, da ist sich Giuseppe Bonelli ganz sicher. Er zeigt seiner Frau, wo er über Jahrzehnte gearbeitet hat als Monteur mit Montageschaum. Der enthielt krebserregende Stoffe. Und tatsächlich bekam der Mann Krebs.


O-Ton, Giuseppe Bonelli:

"Schlimm. Ich habe nur geweint. Ich habe nur im Bett gelegen, ich habe nur geweint. Ich dachte, ich sterbe. Ich wollte gar nicht sterben."


Moderation Fritz Frey:

Todesangst – weil er durch seinen Beruf als Monteur krank wurde? Guten Abend zu REPORT, live aus Mainz.

Wie gut, dass es eine gesetzliche Unfallversicherung gibt, die hilft, wenn man eine Berufskrankheit hat. Doch seit Jahren wird gestritten:

Wann ist eine Krankheit eine Berufskrankheit? Die Regierungsparteien hatten sich in ihrem Koalitionsvertrag eigentlich vorgenommen, das entsprechende Gesetz weiterzuentwickeln. Wie weit sie damit gekommen sind, auch das zeigt der Fall Bonelli


Bericht:

Nach 23 Jahren Arbeit bekommt Giuseppe Bonelli Krebs – erst an den Stimmbändern, Jahre später an den Mandeln. 31 Chemotherapien hat er überstanden. Monatelang kann er nichts essen.

Er erinnert sich daran, wie der Krebs wiederkam.


Guiseppe Bonelli

Guiseppe Bonelli

O-Ton, Giuseppe Bonelli:

"Es war für mich ein Schock. Ich habe gedacht, dass wars. Ich habe nur geweint und dann habe ich gesagt: 'Nein, nein, nicht schon wieder'. Ja, weil das war schon heftig."


O-Ton, Beate Bonelli:

"Wir hatten beide Angst. Unser Sohn auch. Es war eine schwere Zeit."


Und er glaubt, dass der Krebs durch die Arbeit mit dem Montageschaum kam. Damit hat er jahrzehntelang die Hohlräume von Kühltheken ausgespritzt:


Beate Bonelli

Beate Bonelli

O-Ton, Beate Bonelli:

"Habt ihr auch Schutzbrillen getragen?"


O-Ton, Giuseppe Bonelli:

"Nein, eigentlich nicht. Handschuhe auch nicht."


Heute gibt es für Arbeiten mit Montageschaum strenge Vorschriften: Atemmaske, Schutzbrille und Handschuhe sind Pflicht. Denn der flüssige Bauschaum enthält chemische Bestandteile die krebserregend sind, wie die Bundesanstalt für Arbeitsschutz ausführt.

Inzwischen weiß er von 17 weiteren Kollegen, die ebenfalls an Krebs erkrankt sind.


O-Ton, Giuseppe Bonelli:

"Und die hab ich alle persönlich gekannt – alle."


Viele sind schon gestorben.

Seit sechs Jahren ist er erwerbsunfähig. Er ist sich sicher: Er hat eine Berufskrankheit. Was eine Berufskrankheit ist, das regelt das Berufskrankheitenrecht. Die erste große Hürde für Antragsteller: Die sogenannte Berufskrankheiten-Liste, sie wird vom Gesetzgeber festgelegt. Nur wer eine Krankheit von dieser Liste hat, hat eine Chance entschädigt zu werden. 80 Krankheiten stehen darauf.

Viel zu wenige, kritisiert IG-Metall-Vorstand Hans-Jürgen Urban. Sehr viele arbeitsbedingte Krankheiten fehlten auf der Liste:


Hans-Jürgen Urban, IG Metall

Hans-Jürgen Urban, IG Metall

O-Ton, Hans-Jürgen Urban, IG Metall:

"Diese Liste, die lebt noch in einer anderen Zeit. Sie ist noch nicht in der digitalen Arbeitswelt angekommen. Wir müssen davon ausgehen, dass ein Vielfaches an arbeitsweltbedingten Erkrankungen vorliegen, die nicht entschädigt werden."


Denn viele arbeitsbedingte Krankheiten stehen gar nicht auf der Liste. Etwa Gerüstbauer und Bauarbeiter erkranken häufig an Arthrose in Knie oder Hüfte, Berufsgeiger leiden häufig an Nackenerkrankungen und bei Fluglotsen oder Büroarbeitern kann der Dauerstress Burn-out auslösen.

Für viele Kranke ist die Liste eine zu hohe Hürde: 80.000 Menschen stellen jährlich einen Antrag auf Anerkennung einer Berufskrankheit, nur 5.000 wird letztlich eine Rente bewilligt – gerademal sechs Prozent.

Und hierher wenden sich oftmals die, die abgelehnt werden: ans Bundessozialgericht. Auch der Vorsitzende Richter des 2. Senats Prof. Wolfgang Spellbrink kritisiert, dass so viele kranke Menschen abgelehnt werden müssen.


Prof. Wolfgang Spellbrink, Richter Bundessozialgericht

Prof. Wolfgang Spellbrink, Richter Bundessozialgericht

O-Ton, Prof. Wolfgang Spellbrink, Richter Bundessozialgericht:

"Das Berufskrankheiten-Recht in der gegenwärtigen Ausprägung führt in der Praxis in vielen Fällen zu Frustration, weil das Recht, so wie es im Moment ausgestaltet ist, diese Erwartung oftmals nicht erfüllen kann oder enttäuschen muss. Das ist für einen Richter auch manchmal unbefriedigend."


Auch Giuseppe Bonelli ist unzufrieden: 2015 stellt er einen Antrag bei seiner Berufsgenossenschaft auf Anerkennung einer Berufskrankheit. Doch der wird abgelehnt. Die Begründung: Seine Erkrankung steht nicht auf der Berufskrankheiten-Liste.


O-Ton, Giuseppe Bonelli:

"Abgelehnt, weil diese nicht im Katalog steht, ja. Ohne Worte, Verarschung. Fertig aus."


Bundesrichter Spellbrink erklärt, viele arbeitsbedingte Krankheiten würden es nie auf diese Liste schaffen.


O-Ton, Prof. Wolfgang Spellbrink, Richter Bundessozialgericht:

"So eine Formulierung einer Berufskrankheit wird eben nur vorgenommen, wenn ein hohes Maß an wissenschaftlicher Erkenntnis vorliegt. In bestimmten Erkrankungen gibt es einfach keine ausreichende Anzahl an medizinischen Studien."


O-Ton, Hans-Jürgen Urban, IG Metall:

"Es gibt Einzelfallungerechtigkeit, weil Sie das Pech haben unter einer Erkrankung zu leiden, die es nicht geschafft hat, in die Berufskrankheiten-Liste reinzukommen. Eine Härtefallklausel wäre eine gute, eine notwendige, eine überfällige Regel."


Das Bundesarbeitsministerium arbeitet zurzeit an einer Reform des Berufskrankheitenrechts. Doch eine Härtefallklausel sieht der Referentenentwurf nicht vor.

Der zuständige Staatssekretär Rolf Schmachtenberg sagt, die Berufskrankheiten-Liste würde schon sehr viele Fälle erfassen:


Rolf Schmachtenberg, SPD, Bundesarbeitsministerium

Rolf Schmachtenberg, SPD, Bundesarbeitsministerium

O-Ton, Rolf Schmachtenberg, SPD, Bundesarbeitsministerium:

"Unser Ziel ist nicht, möglichst viele Krankheiten da drauf zu haben, sondern einen klaren Zusammenhang zu haben zwischen Krankheiten und Berufskrankheiten."



Eine Härtefallklausel lehnt er komplett ab:


O-Ton, Rolf Schmachtenberg, SPD, Bundesarbeitsministerium:

"Solche Härtefallklausel wird vermutlich viel wieder an neuen Streitigkeiten auch auslösen. Und ich glaube, insofern ist das wirklich ein Weg, den wir nicht weiterverfolgen sollten."


Das sieht Bundesrichter Spellbrink anders:


O-Ton, Prof. Wolfgang Spellbrink, Richter Bundessozialgericht:

"Also eine Härtefallklausel kann im Einzelfall dazu führen, dass Fälle, wo im Grunde genommen, sag ich mal, es auf der Hand liegt, dass die Arbeit diese Krankheit hervorgerufen hat, dass man dann doch, doch entschädigen kann, auch wenn keine Listen-Berufskrankheit vorliegt. Wenn diese Reform einen Sinn machen muss, will, dann muss sie dazu führen, dass es zu einer höheren Anerkennungsquote kommt."


Doch wenn es kommt, wie erwartet, wird sich für Betroffene wie Giuseppe Bonelli wahrscheinlich nichts ändern.