Bitte warten...

SENDETERMIN Di, 24.8.2021 | 21:47 Uhr | Das Erste

Knapp 6 Millionen Dosen auf den Müll? Drohende Vernichtung von Impfstoff aus Arztpraxen und Impfzentren

Knapp sechs Millionen Impfdosen aus deutschen Arztpraxen und Impfzentren drohen zu verfallen. Der Impfstoff darf nicht einfach an Länder abgegeben werden, in denen er dringend benötigt wird. Nun zeigt sich: Die Verträge der EU-Kommission mit den Herstellern lassen eine Weitergabe vorerst nicht zu.

Prof. Jochen Dahm-Daphi

Prof. Jochen Dahm-Daphi

Prof. Jochen Dahm-Daphi, Facharzt für Allgemeinmedizin:
"Hier stehen ungefähr 200 Impfdosen. Jede Flasche enthält zehn Impfdosen. AstraZeneca."

Reporterin:
"Und was passiert damit?"

Prof. Jochen Dahm-Daphi, Facharzt für Allgemeinmedizin
"Ja, die werden wir sozusagen mit dem Tage des Verfallsdatums werden wir die vernichten. Diese verfallen im Oktober. Wir werden sie an dem Tage wegschmeißen."

In die Hamburger Praxis von Prof. Jochen Dahm-Daphi kommen immer weniger Menschen zum Impfen. Insbesondere der Impfstoff von AstraZeneca bleibt liegen.

Prof. Jochen Dahm-Daphi, Facharzt für Allgemeinmedizin:
"Es ist nach wie vor so, dass Millionen Menschen, Milliarden auf der Welt, auf Impfstoff warten, dringlich warten. Und die würden sich sehr freuen über so eine Astra-Impfung."

Was passiert mit dem ganzen Impfstoff, der sich jetzt in Arztpraxen ansammelt? Tatsächlich gibt es für Ärzte wie Dahm-Daphi keine Möglichkeit, überschüssigen Impfstoff an den Bund zurückzugeben - aus rechtlichen Gründen. Der Bund ist Eigentümer des Impfstoffs und nur er kann ihn weitergeben.

Millionen Impfdosen drohen, aktuell zu verfallen

Nun drohen 3,2 Millionen Impfstoffdosen aus Arztpraxen, zu verfallen. So das Ergebnis einer aktuellen bundesweiten Umfrage des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland. Die Hälfte davon betrifft Impfstoffe von AstraZeneca und Johnson&Johnson. Und die wandern jetzt wohl in den Müll.

Studienleiter Dominik Graf von Stillfried kritisiert das scharf.

Dr. Dominik Graf von Stillfried

Dr. Dominik Graf von Stillfried

Dr. Dominik Graf von Stillfried, Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung:
"Wir würden davon ausgehen, dass die fast nicht mehr verimpfbar sind in den Praxen. Und deswegen besteht jetzt hier großer Handlungsbedarf, diese Impfstoffe möglichst einzusammeln, weil sie eben an anderen Orten auf der Welt dringend benötigt werden."

Bund untersagt Impfstoffspenden durch Ärzte und Nichtregierungsorganisationen

Genau das hat auch Gisela Schneider vor. Die Medizinerin arbeitet für das Deutsche Institut für Ärztliche Missionen, eine Nichtregierungsorganisation. Fast täglich bekommt sie Hilferufe aus Afrika. Heute spricht sie mit einer Kollegin aus Liberia.

Patricia Kamara

Patricia Kamara

Patricia Kamara, Christian Health Association of Liberia:
Englisch: "In our meeting we had with the Minister to discuss with her that there was a need to have a vaccine. Please help us to get a vaccine to the country!"
Deutsch: "Es gab ein Krisentreffen mit unserer Ministerin. Wir brauchen Impfstoff. Bitte helft uns, Impfstoff zu bekommen!"

Mit ihrer Organisation steht Gisela Schneider bereit, mindestens 2.000 Impfdosen AstraZeneca nach Liberia zu transportieren. Auch die Einhaltung der gesamten Kühlkette ist sichergestellt. Doch vom Bund kommt die Antwort, sie dürfe die Dosen nicht weitergeben.

Dr. Gisela Schneider

Dr. Gisela Schneider

Dr. Gisela Schneider, Deutsches Institut für ärztliche Missionen e.V.
"Da war das schon, ja, fast ein Schlag ins Gesicht, muss ich sagen, dann plötzlich zu hören: ‚Nein, das geht nicht, aus verfahrensrechtlichen, vertragsrechtlichen Gründen, aus haftungsrechtlichen Gründen.‘ Aber die Frage ist: Wenn wir mitten in einer Pandemie sind, brauchen wir nicht manchmal auch pragmatische Lösungen?"

Auch in Impfzentren sind Millionen Impfstoffdosen übrig

Überschüssigen Impfstoff gibt es nicht nur in Arztpraxen. Hinzu kommen laut Bundesgesundheitsministerium aktuell rund 2,7 Millionen Dosen aus den Impfzentren. Insgesamt sind es somit knapp sechs Millionen Dosen, die drohen, zu verfallen.

Auf Anfrage teilt uns das Bundesgesundheitsministerium mit, es plane diese “zeitnah an Drittstaaten mit entsprechendem Bedarf abzugeben.”

Ob das überhaupt möglich ist, daran zweifelt Britt Hornei. Die Chef-Virologin vom Evangelischen Krankenhaus Oberhausen wollte ebenfalls Impfstoff sammeln und selbst vor Ort verimpfen - in Tansania.

Die Stadt Oberhausen hat die Initiative unterstützt und um grünes Licht vom Bund gebeten. Auch hier - eine Absage. In der Begründung an die Stadt verweist der Bund
auf interne Verträge mit den Impfstoff-Herstellern. Diese untersagen offenbar die Weitergabe von Impfstoffen.

Dr. Britt Hornei

Dr. Britt Hornei

Dr. Britt Hornei, Evangelisches Krankenhaus Oberhausen:
"Wir haben die Information bekommen, dass momentan die Verträge so interpretiert werden, dass es der Bundesregierung nicht möglich ist, den Impfstoff an Dritte oder Private weiterzugeben oder zu verkaufen. Ich bin wirklich total enttäuscht und fühle mich ohnmächtig. Es ist so schwer auszuhalten, dass man helfen könnte."

Verträge zwischen EU-Kommission und Herstellern verhindern Weitergabe von Impfstoffen

Kann es sein, dass Verträge mit den Herstellern Impfstoffspenden im Wege stehen? Unser Verdacht bestätigt sich durch ein internes Schreiben aus dem Bundesgesundheitsministerium. Darin verbietet der Bund eine Weitergabe von Impfstoffen durch die Länder, verweist auf die Verträge mit den Herstellern: "Spenden an Drittstaaten bedürfen regelmäßig der vorherigen Zustimmung des Herstellers."

Warum ist das so? Auf unsere Anfragen antwortet das Ministerium nicht. Daher sprechen wir Gesundheitsminister Jens Spahn am Rande einer Wahlkampfveranstaltung direkt an.

Reporterin:
"Was sagen Sie über den Transfer von Impfstoffen an andere Länder, die das dringend brauchen?"

Jens Spahn, CDU, Bundesgesundheitsminister:
"Jetzt weiß ich schon gar nicht mehr, wo ich war. Sie bringen mich ganz aus dem Konzept. Sie können jetzt auch die ganze Zeit filmen, können Sie auch alles senden, ist ja alles wie immer mit Ihrem Magazin."

Auf erneute Anfrage von REPORT MAINZ räumt das Ministerium tatsächlich ein: Die Verträge zwischen EU-Kommission und Herstellern stünden einer Abgabe an andere Staaten im Weg. Darüber würde nun neu verhandelt. Ob Ergebnisse erzielt werden, bevor Millionen Dosen ablaufen, ist fraglich.