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SENDETERMIN Di, 1.12.2020 | 21:48 Uhr | Das Erste

Kaum Schutz Durchlässige FFP2-Masken in Kliniken und Apotheken

Die Bundesregierung plant, mehr als 27 Millionen Risikopersonen mit so genannten FFP2-Masken zu versorgen - als Schutz vor Corona. Gegenüber REPORT MAINZ sagen Experten, dass hunderttausende dieser auf dem Markt befindlichen Filter-Masken problematisch seien. Nach Recherchen des ARD-Politikmagazins wurde auch im Klinikum Ludwigshafen in Rheinland-Pfalz mit mangelhaften Filtermasken gearbeitet. Der ärztliche Direktor der Klinik, Prof. Günter Layer, schloss im Interview mit REPORT MAINZ nicht aus, dass es zu COVID19-Infektionen wegen der Masken gekommen sei.

Filtermasken könnten Risikopersonen besser vor Corona schützen

Caroline Graef aus München ist auf gut funktionierende Masken angewiesen, hat sie sogar von ihrer Krankenkasse verschrieben bekommen.

Caroline Graef

Caroline Graef

Caroline Graef, Risikopatientin: "Ja, für mich sind die sehr wichtig. Ich habe eine Immundefizienz, beziehungsweise Immundefekt. Und deswegen bin ich also - A - sehr infektionsgefährdet und - B - sehr gefährdet für schwere Krankheitsverläufe."

Doch als sie die Masken in der Apotheke abgeholt hatte, kamen die ersten Zweifel. Denn: Es fehlten wichtige Angaben.

Caroline Graef, Risikopatientin: "Ich war erstmal davon ausgegangen: Wenn ich auf Rezept welche aus der Apotheke kriege, dass die in Ordnung sind. Und dann habe ich gedacht: 'So, jetzt gucke ich einfach mal nach.' Eine hat gar keinen Aufdruck, bei der anderen fehlt die Nummer der Zertifizierungsstelle. Ja, da habe ich gedacht: 'Irgendwas ist nicht einwandfrei.'"

Was bedeuten die Aufdrucke auf den Masken?

FFP2 und KN-95 - Was ist der Unterschied?

Um in Europa eine FFP2-Filtermaske auf den Markt zu bringen, braucht sie ein so genanntes CE-Zertifikat mit einer vierstelligen Zahl dahinter. Die zeigt, welche Prüfstelle die Maske getestet und zertifiziert hat.

Weil die FFP2-Masken im Frühjahr aber so knapp waren, hat Deutschland Ausnahmen erlaubt. Es wurden sehr viele KN95-Masken aus China eingeführt, die einen ähnlichen Schutz bieten sollen, aber kein CE-Siegel haben.

Stattdessen müssen sie einen Schnelltest bei einer deutschen Prüfstelle bestehen. Der soll den Schutz gegen Viren bescheinigen. So zumindest die Theorie.

Experten warnen: Viele Masken erfüllen die Schutzkriterien nicht

Doch in Deutschland seien hunderttausende Masken auf dem Markt, die diese Bedingungen nicht erfüllen, meint der Sachverständige für Schutzausrüstung Christian Kühn. Er erstellt Gutachten, unter anderem für Behörden, und prüft, ob zum Beispiel Krankenhäuser korrekte persönliche Schutzausrüstung wie Masken bereitstellen.

Christian Kühn

Christian Kühn

Christian Kühn, Sachverständiger für Schutzausrüstung: "Aus den Erfahrungen her, wie der Markt überschwemmt wird, würde ich mal sagen, dass zwei Drittel, zwei Drittel der Masken auf dem Markt problematisch sind. Masken sind sehr komplexe, gebaute Gebilde. Man kann nicht eben mal letztendlich irgendwelche Fliese zusammennehmen und tackern und meinen, dadurch hätte man dann eine Maske, die wirksam ist."

Erfüllen die Masken von Caroline Graef diese komplexen Bedingungen? Das wird ein Test von REPORT MAINZ gleich zeigen.

Filtermasken in Kliniken sollen Mitarbeiter und Patienten wirksamer vor Corona schützen

Doch zunächst treffen wir diesen Krankenpfleger. Er möchte anonym bleiben. Für ihn ist eine funktionierende Filtermaske quasi überlebensnotwendig. Denn er arbeitet an der Klinik Ludwigshafen, auch mit Corona-positiven Patienten. Die Klinik habe ihm diese KN-95-Maske aus China gestellt. Der Pfleger erzählt uns, ihm und auch anderen Kollegen schien die Maske nicht vertrauenswürdig.

Krankenpfleger: "Ich ging mit Bauchschmerzen in die Arbeit, weil ich einfach das Gefühl nicht los wurde, etwas stimmt mit der Maske nicht. Einige von uns wollten das Prüfzertifikat sehen, aber die Klinik hat es uns nicht ausgehändigt."

REPORT MAINZ prüft Maske aus dem Klinikum Ludwigshafen

Wir lassen seine Maske zunächst von Christian Kühn begutachten.

Christian Kühn, Sachverständiger für Schutzausrüstung: "Diese Maske hat überhaupt keinen Aufdruck. Man kann nicht nachvollziehen, was die Maske kann, wer sie ist. Es steht nur KN95 drauf. Sie merken hier auch, dass die nicht optimal sitzt. Die Brille beschlägt sehr schnell, sie haben also eine relativ hohe Leckage-Rate."

Heißt: Viel Luft könne seitlich entweichen. Wir wollen die Schutzfunktion nun genauer untersuchen und lassen die Maske durch die DEKRA - ein zertifiziertes Prüflabor - testen. Für uns messen sie die Durchlässigkeit, also wie viele Viren die Maske passieren würden. Erlaubt sind maximal sechs Prozent.

Jörg-Timm Killisch

Jörg-Timm Killisch

Jörg-Timm Killisch, Geschäftsführer DEKRA Testing: "Sie sehen, wir haben ein Durchlass von 42,8. Wir haben also hier ein mehr als achtfachen Wert. Das heißt, die Maske ist für den Einsatz, wenn sie deklariert ist als FFP2-Maske oder als KN95-Maske, völlig ungeeignet."

DEKRA: Filtermaske eingesetzt am Klinikum Ludwigshafen mangelhaft

Wir zeigen die Ergebnisse dem Krankenpfleger, der die Maske bei der Arbeit auch mit COVID-Patienten getragen habe.

Krankenpfleger: "Ich bin wirklich geschockt. Dass diese Maske so schlecht schützt? Ich bin sprachlos. Ich denke an die Kollegen und Patienten, die tagtäglich einem Risiko ausgesetzt sind. Ich hätte erwartet, dass uns die Klinik eine Ausrüstung gibt, die uns wirklich gegen Corona schützt."

In der Klinik Ludwigshafen arbeiteten also Mitarbeiter auf acht COVID-Stationen über Wochen unter anderem mit einem Maskentyp, der nicht wirksam gegen Corona schützt.

Wir konfrontieren den Ärztlichen Klinikdirektor. Er sagt, man habe aufgrund unserer Anfrage alle betroffenen Masken ausgetauscht.

Ärztlicher Direktor: Corona-Ansteckung am Klinikum Ludwigshafen über die Maske nicht ausgeschlossen

Und er räumt ein: Es sei in den vergangenen Wochen zu Ansteckungen unter Mitarbeitern und Patienten gekommen.

Prof. Günter Layer

Prof. Günter Layer

Prof. Günter Layer, Ärztlicher Direktor Klinikum Ludwigshafen: "Das war bisher vermutet worden, dass es eher durch Unachtsamkeit, zum Beispiel im Pausenverhalten oder ähnliches war. Wenn sich herausstellen sollte, dass diese Maske bei COVID-positiven Patienten eingesetzt worden ist und systematisch undicht war, dann können wir natürlich nicht ausschließen, dass es auch zu Infektionsfällen über die Maske gekommen ist."

Weiterhin teilt das Klinikum mit, man könne nicht bestätigen, dass Mitarbeiter nach Zertifikaten gefragt hätten. Die Unterlagen vom Lieferanten hätten damals keinen Anlass für Zweifel gegeben.

Nicht einmal Krankenhäuser sind also in der Lage, fehlerhafte Masken zu erkennen. Nun will die Bundesregierung Filtermasken an rund 27 Millionen Risikopersonen ausgeben. Wir fragen nach beim Bundesgesundheitsministerium, wie man sicherstellen will, dass keine mangelhaften Masken dabei sind.

Bundesregierung: Maskenabgabe an Risikopersonen geplant

Die Antwort des Bundesgesundheitsministeriums: "Ihre Fragen können wir im Detail noch nicht beantworten, weil die Rechtsverordnung für die Maskenausgabe noch in Arbeit ist."

Zurück zu Caroline Graef in München. Auch ihre Maske lassen wir im Labor testen. Das Ergebnis: mangelhaft. Sie lässt mehr als 32 Prozent aller Viren durch - fünfmal so viel, wie erlaubt.

Caroline Graef, Risikopatientin: "Nein! Da bin ich schockiert. Ich möchte nicht wissen, wie viele Millionen dieser Masken im Umlauf sind."

Caroline Graefs Apotheke, in der sie die Masken gekauft hat, will sich uns gegenüber nicht äußern. Die Münchnerin will ihre Masken nun auf jeden Fall umtauschen, denn die Apotheken haften für die Qualität ihrer Produkte. Caroline Graef hofft, dann endlich eine FFP2-Maske mit wirksamem Schutz vor Corona zu bekommen.