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SENDETERMIN Mo, 4.6.2007 | 21:45 Uhr | Das Erste

Warum Prügelväter nach der Trennung bevorzugt werden Kampf ums Kind

Moderation Fritz Frey:

Guten Abend zu REPORT aus Mainz. Zwei Tage noch bis zum offiziellen Beginn des G-8-Gipfels. Und das Treffen der Mächtigen wirft seine Schatten voraus.

Krawalle in Rostock, NPD-Anhänger, die durchs Brandenburger-Tor ziehen, und vom Gipfel selbst erwartet kaum noch einer konkrete Ergebnisse. Doch zum Gipfel gleich mehr.

Von Gewalt ganz anderer Art handelt unser erster Beitrag. Es geht um die so genannte häusliche Gewalt. Konkret geht es um die Frage: Was passiert, wenn sich geprügelte Ehefrauen mit den Kindern in Sicherheit bringen? Wer bekommt dann, in der Regel, das Sorgerecht? Die flüchtende Frau oder der prügelnde Vater? Thomas Dauser mit erschreckenden Antworten.


Bericht:

Planschen im Garten. Die Mutter, wir nennen sie Bettina, mit ihrer Tochter, sagen wir Lena. Sie sollen unerkannt bleiben. Denn jetzt sind sie bei Verwandten, in Sicherheit. Doch gemeinsam spielen können sie nur übers Wochenende, dann kommt die Angst wieder.

Dann muss Bettina ihre Tochter zu ihrem Ex-Partner bringen. Zum prügelnden Ex-Partner.

O-Ton, Bettina, Opfer häuslicher Gewalt:

»Er hat ja immer cholerische Anfälle und alles. Also wo wir zusammen gelebt haben, und jetzt bin ich halt nicht mehr da. Und, ja, wo kann er seine Wut auslassen?«



Und das, nachdem sie ihre Tochter Lena und sich selbst endlich in Sicherheit glaubte. Vor vier Monaten sei alles eskaliert. Wegen einer Nichtigkeit rastete Bettinas Ex-Partner aus, erzählt sie. Er habe sie eingesperrt, zugeschlagen.

O-Ton, Bettina, Opfer häuslicher Gewalt:

»Er hat mich dann auch sehr doll ins Gesicht, zweimal, geschlagen. Gerade so, dass ich von der Wucht halt auch auf den Boden gefallen bin. Ich hatte halt panische Angst, was passiert noch, was macht er noch.«

Bettina, grün und blau geschlagen. Ein Arzt bestätigt Anzeichen körperlicher Gewalt in Form von Hämatomen, also Blutergüssen. Bettina flieht mit ihrer Tochter, hat endlich Ruhe. Glaubt sie. Doch das Jugendamt schreibt ihr, sie habe ohne Absprache mit dem auch sorgeberechtigten Vater einen Wohnort- und Kitawechsel eingeleitet und so das Kind aus seinem gewohnten Umfeld herausgelöst.

O-Ton, Bettina, Opfer häuslicher Gewalt:

»Wenn einem so was wiederfahren ist, und man flieht, wie gesagt, wie kann es dann sein, dass das halt als Kindsentführung gesehen wird? Das verstehe ich halt überhaupt nicht.«

Das Gericht sieht das anders. Der Kindesvater bekommt vorläufig das Aufenthaltsbestimmungsrecht. Denn so, in der bisherigen Wohnung, werde dem Kind die dringend benötigte Stabilität vermittelt. Das heißt, Tochter Lena kommt zum prügelnden Ex-Partner.

Die Soziologin Professor Barbara Kavemann. Sie erforscht seit dreißig Jahren, was nach häuslicher Gewalt passiert.

O-Ton, Prof. Barbara Kavemann, Kath. Hochschule für Sozialwesen, Berlin:

»Wenn dann ein Mann zur zuständigen Behörde geht und sagt, meine Frau hat das Kind mitgenommen, die hat das Kind entführt, ja, ich will mein Kind zurück. Dann macht er als ein besorgter Vater bei der Behörde einen sehr guten Eindruck. Und dann kann es passieren, dass die von Gewalt betroffene Frau, die alles getan hat, um Sicherheit herzustellen, endlich das Kind auch in Sicherheit zu bringen, dass die möglicherweise sogar das Kind verliert, ja. Weil sie keinen so guten Eindruck macht.«

So werden Frauen ein zweites Mal Opfer, wie Melanie. Ihr Mann prügelte und missbrauchte sie, jahrelang.

O-Ton, Melanie, Opfer häuslicher Gewalt:

»Dieses Ausgeliefertsein, dass man sich nicht wehren kann, das war eigentlich das Schlimmste.«






Frage: Haben Ihre Kinder diese Gewalt mitbekommen?

O-Ton, Melanie, Opfer häuslicher Gewalt:

»Die waren indirekt betroffen. Wenn er was geworfen hat, und die kriegten das ab, dann haben sie halt Pech gehabt.«

Nach der Scheidung darf der immer noch rabiate Vater die Kinder unter Aufsicht treffen. Obwohl die nicht wollen. Sie schreiben ihrem Vater: Lass uns endlich in Ruhe. Doch der Richter ordnet an, dass die Kinder über Ostern zum Vater müssen, allein.

Aus Angst taucht Melanie mit dem Kleinsten unter. Das Gericht sagt, sie entfremde die Kinder ihrem Vater. Und deshalb wird die gesamte elterliche Sorge der Mutter entzogen. Die Kinder kommen ins Heim.


O-Ton, Melanie, Opfer häuslicher Gewalt:

»An ihrem Geburtstag ist dieser Verfahrenspfleger mit dem Sorgerechtsentzug zu ihnen gegangen und hat ihnen das als Geschenk gemacht. Und gesagt: Eure Mutter seht ihr so schnell nicht wieder. Ich hatte das Gefühl, es nicht mit Menschen, sondern mit Monstern zu tun zu haben.«

Familienrechter Professor Ludwig Salgo spricht von einem verheerenden Trend. Zu oft würden Gerichte häusliche Gewalt nicht berücksichtigen.

O-Ton, Prof. Ludwig Salgo, Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt am Main:

»Es gibt tatsächlich Tendenzen, das Umgangsrecht um jeden Preis durchzusetzen und auch bei häuslicher Gewalt über mögliche Bedenken und gefährdende Situationen hinwegzugehen. Hier gibt es offensichtlich noch ein Refugium, wo häusliche Gewalt keine Konsequenzen nach sich zieht.«

Experten wie er befürchten, dass es künftig noch schlimmer kommt. Vor wenigen Tagen hat die Bundesregierung einen Gesetzentwurf für ein neues Familienrecht vorgelegt. Es solle Verfahren um Sorge- und Umgangsrechtstreitigkeiten beschleunigen, und das Gericht soll in jeder Lage des Verfahrens auf ein Einvernehmen der Beteiligten hinwirken.

O-Ton, Prof. Barbara Kavemann, Kath. Hochschule für Sozialwesen, Berlin:

»Ich halte es für grundsätzlich falsch, in Fällen von Gewalt auf eine schnelle einvernehmliche Lösung hinzuwirken. Es ist einer von Gewalt betroffenen Frau nicht zumutbar, kaum dass sie aus der Gewaltsituation geflüchtet ist, quasi, kaum dass möglicherweise die Polizei das Haus wieder verlassen oder sie im Frauenhaus angekommen ist oder der gewalttätige Partner der Wohnung verwiesen wurde, sich bereits mit ihm an einen Tisch zu setzen und zu verhandeln. Es ist nicht zumutbar.«

Wir wollen mit Bundesjustizministerin Brigitte Zypries darüber sprechen, bekommen aber nur eine schriftliche Antwort. Das neue Verfahrensrecht in Familiensachen lasse dem Gericht den notwendigen Spielraum, auch bei Fällen häuslicher Gewalt. Das Gesetz dürfe vom Gericht eben nicht schematisch gehandhabt werden.

Das reicht ihm nicht. Professor Salgo fordert klare rechtliche Vorgaben für Fälle häuslicher Gewalt.

O-Ton, Prof. Ludwig Salgo, Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt am Main:

»Hier wird alles über einen Leisten gebrochen. Und das finde ich an diesem Entwurf nicht gut. Also schlicht und einfach die Ignoranz dieser gravierenden gesellschaftlichen Problematik von häuslicher Gewalt in dem Entwurf.«

Für Opfer wie Bettina wird es nicht einfacher. Trotzdem hofft sie, dass sie ihre Tochter jetzt, in der Hauptsacheentscheidung, zugesprochen bekommt. Bislang allerdings wurden ihre Einsprüche alle abgewiesen.

Melanie hat das Sorgerecht für ihre drei Kinder zurück bekommen. Weil ein Richter sie nach jahrelangen zermürbenden Verfahren endlich als Opfer häuslicher Gewalt ernst genommen hat.