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SENDETERMIN Di, 24.1.2023 | 21:50 Uhr | Das Erste

Kalte Wohnungen Vermieter lassen Menschen frieren

Schimmel, Feuchtigkeit und Heizungen, die kaputt sind - Probleme, die bei vielen Mietern, deren Wohnungen von Belvona verwaltet werden, an der Tagesordnung sind. Wie konnte es so weit kommen? REPORT MAINZ deckt ein weitverzweigtes Netz von Gesellschaften auf, das bis nach Liechtenstein führt. Die Probleme sind den Behörden bekannt, aber sie scheinen machtlos.

Aus diesem Dortmunder Hochhaus kam ein Notruf. Wir sind unterwegs mit Marco Krieg vom Verein Mieter Netzwerk Dortmund. Menschen würden hier schon seit Monaten ohne Heizung leben - und das mitten im Winter. Im Innenhof jede Menge Müll - und Ratten.

Marco Krieg

Marco Krieg

Marco Krieg, Mieter Netzwerk Dortmund e. V.:
"Das beängstigt mich im Hinblick auf die Kinder, die hier wohnen, weil die gelten als Gesundheitsgefährdung. Wie man sieht, kommen die aus dem Keller. Da kann ich mir lebhaft vorstellen, wie die Keller aussehen."

Ein Familienvater will uns anonym seine Wohnung zeigen:

Mieter:
"Katastrophe. Guck mal, Kinder."

Es ist bitterkalt in der Wohnung. Beißender Schimmelgeruch liegt in der Luft.

Marco Krieg, Mieter Netzwerk Dortmund e. V.:
"Das ist die Küche. Ach du scheiße."

Mieter:
"Guck mal. Guck mal da unten - und hier."

Marco Krieg, Mieter Netzwerk Dortmund e. V.:
"Da müssen wir raus."

Mieter:
"Ja, ich hab ein Foto hier."

Marco Krieg, Mieter Netzwerk Dortmund e. V.:
"Ach du scheiße, das ist Ihr Essen."

Auf dem Fenstersims steht das Wasser. Und es zieht - da die Fenster nicht schließen. Die Kinder seien ständig krank, erzählt uns der verzweifelte Familienvater. Warum, wird schnell klar:

Marco Krieg, Mieter Netzwerk Dortmund e. V.:
"Nee. Das Kinderzimmer. Ach du scheiße! Wie kann man Menschen so leben lassen?"

Eine andere Wohnung findet die fünfköpfige Familie momentan nicht. So angespannt und teuer sei der Wohnungsmarkt. Also müssen sie in der schimmeligen Wohnung auf Hilfe hoffen:

Marco Krieg, Mieter Netzwerk Dortmund e. V.:
"Ich will ja nicht frech sein, aber in meinen Augen ist das Körperverletzung."

Belvona - 14.000 glückliche Mieter?

Doch bei der zuständigen Hausverwaltung erreicht Marco Krieg auch heute niemanden. Das sei schon seit Monaten so, erzählen uns viele Mieter. Die Hausverwaltung war bis Ende Dezember die Firma Belvona. Die neue sei noch unbekannt. Nun gebe es keinen Ansprechpartner mehr.

Kalte Wohnungen, Schimmel und Ratten - sind das Einzelfälle? Die Hausverwaltung Belvona ist ein bundesweit tätiges Unternehmen mit, laut eigenen Angaben, 14.000 glücklichen Mietern. Wir finden in unserem Archiv zahlreiche unglückliche Belvona-Mieter. Gerade in den letzten Monaten klagten viele Mieter über kalte Wohnungen.

In der Öffentlichkeit zeichnet Belvona ein anderes Bild. Das Unternehmen wirbt mit einem Hochglanzvideo für bezahlbaren Luxus unter dem Motto "belvona - schöner wohnen":

Belvona (Werbevideo):
"Belvona, bezahlbarer Luxus für Sie. Erstklassige Bodenbeläge im Fischgrätmuster im Wohnzimmer und Schlafzimmer."

Doch auch ein paar Stockwerke höher in Dortmund: ein anderes Bild. Keine Heizung, dafür überall Schimmel und kranke Kinder. Die Nachbarin zeigt uns die Wohnung ihrer Freundin. Gut 800 Euro Miete zahle sie - für eine Wohnung mit kaputten Fenstern und Tapeten, die sich lösen.

Mieterin:
"Sehen Sie, mehr kann man nicht sagen. Sehen Sie, wie sie ist. Probleme sind auch die Krankheiten. Deswegen haben wir so Angst - um unsere Kinder."

Marco Krieg, Mieter Netzwerk Dortmund e. V.:
"Der Schimmel macht das."

Mieterin:
"Der Schimmel verbreitet sich schon. Man kann sich nicht mit der Firma verbinden. Wir rufen an, wir bekommen keine Antwort, schicken E-Mails. Umsonst. Es kommt nichts. Gar nichts."

Sind das Einzelfälle?

Ortswechsel: Auch im nordrhein-westfälischen Werl werden mehrere Häuser von Belvona verwaltet. Und auch in diesem Hochhaus gebe es seit Monaten keine Heizung, sagen uns viele Mieter. Uns wird ein Video aus dem Gebäude zugespielt - eine leerstehende Wohnung.

Gleich hinter dieser Wand lebt ein Mann, der anonym bleiben will. Der Schimmel hat sich schon durch die Wände gefressen. Auch viele Mieter dieses Hauses haben versucht, Belvona zu erreichen - vergeblich.

Nicht mal eine Woche nach unserem Dreh ließ Bürgermeister Torben Höbrink das Hochhaus räumen - wegen eines Brandes im Sicherungskasten und Unbewohnbarkeit des Hochhauses. Die Mieter seien nun bei Freunden, Familie und im Obdachlosenheim untergebracht, erzählt der Bürgermeister:

Torben Höbrink

Torben Höbrink

Torben Höbrink, CDU, Bürgermeister Stadt Werl:
"Also mit bezahlbarem Luxus zu werben und dann das hier vor Ort den Bewohnerinnen und Bewohnern zuzumuten, und ich glaube, das muss man so sagen, zumuten, das passt nicht zusammen. Man hört ja nicht erst seit gestern auch von Bewohnern, dass es schwierig ist, die Belvona zu erreichen. Das ist in Teilen auch uns so ergangen."

Auch unsere umfangreiche Anfrage bei Belvona zu zahlreichen Missständen in verwalteten Immobilien bleibt unbeantwortet. Wir erhalten lediglich eine mündliche Bestätigung, dass unsere Fragen eingegangen seien.

Wie konnte es so weit kommen? Noch bis vor circa zwei Jahren wurde das Haus in Werl von einer Vorgängerfirma verwaltet. Diese stand bereits 2019 und 2020 in der Kritik. Die Vorwürfe damals: Wohnungen voll Schimmel, kaputte Heizungen und Ungeziefer. Es kam es zu Kontrollen in ganz Nordrhein-Westfalen und zu Schließungen.

Ein Netzwerk, das in Liechtenstein endet

Wir recherchieren zu den Geschäftsverbindungen ausgehend von Belvona und stoßen auf ein riesiges und unübersichtliches Firmennetzwerk: ein Geflecht aus zahlreichen Gesellschaften und Tochterunternehmen. Spuren führen uns zu einem Briefkasten mit 11 unterschiedlichen Firmennamen. Geschäftsführer und Namen wechseln oft. Andere Spuren versickern in Liechtenstein.

Auch die Eigentümergesellschaft des Hochhauses in Dortmund finden wir in dem von uns recherchierten Netzwerk. Wir zeigen Christoph Trautvetter das Firmengeflecht. Er ist Steuer- und Immobilienexperte und hat schon als Ermittler für namhafte Wirtschaftsprüfungsunternehmen gearbeitet. Seine Bewertung:

Christoph Trautvetter

Christoph Trautvetter

Christoph Trautvetter, Netzwerk Steuergerechtigkeit:
"Rund um die Immobilien, die wir uns hier angeguckt haben, gibt es ein Netzwerk aus GmbHs, die die Immobilien besitzen, GmbHs, die diese Immobilien verwalten und ein Netzwerk an Geschäftsführern und anderen Personen, die am Ende irgendwie über AGs in Liechtenstein in Beziehung stehen. Aber da endet dieses Netzwerk tatsächlich in der Anonymität Liechtensteins."

Auch André Juffern vom Mieterbund Nordrhein-Westfalen hat sich mit der Thematik intensiv beschäftigt und kritisiert das von REPORT MAINZ recherchierte undurchsichtige Firmennetzwerk.

André Juffern

André Juffern

André Juffern, Mieterbund NRW:
"Da steht zwar irgendeine Firma im Grundbuch drin, aber dann ist es ja eine ganze Unternehmenskette, die dann nachvollzogen werden muss, damit man erst mal an einen Ansprechpartner da rankommt, weil diese Firmen haben teilweise irgendwelche Briefadressen zum Teil noch nicht einmal in Deutschland sondern im Ausland. Und da etwas hinzuschreiben hat normalerweise keinen Sinn, sondern man muss irgendwo an eine Person kommen, die dahintersteht. Und das ist zum jetzigen Zeitpunkt nach deutschem Recht relativ schwierig."

Wer am Ende profitiere, das bliebe oftmals im Dunkeln.

Eine Bürgermeisterin versucht, Kontakt aufzunehmen

Wie schwer es ist, an die Verantwortlichen heranzukommen, das weiß man in Porta Westfalica in Nordrhein-Westfalen. In den von Belvona verwalteten Häusern gäbe es schon seit Monaten kein warmes Wasser mehr, sagt man uns im Rathaus. Bürgermeisterin Anke Grotjohann hat deswegen Belvona und der Eigentümerfirma mit einer Anordnung ein Bußgeld von 500.000 Euro angedroht.

Anke Grotjohann, B'90/Die Grünen, Bürgermeisterin Stadt Porta Westfalica:
"Unsere Anordnung ist zugestellt worden. Die Zustellung ist bestätigt worden."

Das Ergebnis: keine Antwort.

Anke Grotjohann

Anke Grotjohann

Anke Grotjohann, B'90/Die Grünen, Bürgermeisterin Stadt Porta Westfalica:
"Wenn man Verwaltungsakte oder eben sowas wie Bußgelder festsetzen lassen möchte, braucht man natürlich den richtigen Ansprechpartner, Adressaten. Und das ist hier detektivische Kleinarbeit, weil wir hier von einem sehr verschachtelten System sprechen. Es ist außerordentlich schwierig, in Kommunikation zu treten, auch in offizieller Natur, weil man nie genau weiß, welche Firma ist jetzt gerade für dieses Objekt, in diesem Moment, zuständig."

Und wie reagieren Eigentümer und die Hausverwaltung auf die Vorwürfe? Wir fragen viele Firmen aus dem von uns recherchierten Netzwerk an. Belvona antwortet auf einen ausführlichen Fragenkatalog nicht. Ein internationaler Investmentfonds äußert sich aber zu den Immobilien in Porta Westfalica und Werl:

Das Unternehmen habe "höchste Ansprüche an die Qualität seiner Immobilien. Wir haben ein komplexes Portfolio übernommen und befinden uns aktuell noch in den Anfängen unserer Zeit als Eigentümer. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, unsere Wohnanlagen in den kommenden Jahren zu einem lebenswerten Zuhause für unsere Bewohner zu wandeln."

Eine andere Gesellschaft teilt uns mit, dass man ein junges Unternehmen sei und man lediglich Marken- und Namensrechte übernommen habe. Mit vormaligen Immobilienbeständen in anderen Orten habe man nichts zu tun. Zu dem Hochhaus in Dortmund sagt man uns, dass sich der neue Verwalter in den kommenden Tagen bei den Mietern melden werde. Außerdem würden die Wohnungen "in einen tadellosen Zustand versetzt", wie es ihre anderen Immobilien bereits seien. In den kommenden Monaten würden "erhebliche Instandsetzungs- und Sanierungsmaßnahmen durchgeführt."

Die Mieter in Dortmund allerdings haben wenig Hoffnung, dass sich ihre Lage schnell verbessert. Eine Woche nach unserem Dreh gibt es eine externe Heizzufuhr, um die Bewohner des Hochhauses mit Wärme zu versorgen. Doch die Notheizung hält nicht lange. Ein Wasserschaden, schreibt uns die Stadt Dortmund.

Und so steht dieser Mieter wieder in seiner kalten, nassen Wohnung.

Marco Krieg, Mieter Netzwerk Dortmund e. V.:
"In meinen Augen ist das eigentlich unbewohnbar."

Es ist so feucht, dass sogar unsere Kameralinse beschlägt und wir nasse Socken bekommen. So sieht also "schöner wohnen" aus.

aus der Sendung vom

Di, 24.1.2023 | 21:50 Uhr

Das Erste

Autor*innen:
Niklas Maurer, Brenda Weinel

Redaktionelle Mitarbeit:
Stephan Thiel

Kamera:
Frank Reimann, Birgit Handke, Helmut Brüker, Niklas Maurer, Kolja Niber, Markus Wüllner

Schnitt:
Frank Rosam, Christian Thees